Marktexzesse

…gibt es nicht. Das Wort schreibt dem Marktmechanismus so etwas wie eine Übertreibung zu. Das geht aber gar nicht, eine Billardkugel die von einer anderen getroffen wird, kann auch nicht exzessiv wegrollen.

Kulturelle Angstblüte

Der Vorschlag des Co GrüJu Vorsitzenden (Verstaatlichung von klimaschädigenden Industrieunternehmen) und die Studie von YouGov („Arbeitszufriedenheitsreport“), in der zum Thema befragte Akademiker angaben, für sie spiele die Haltung der Unternehmung eine genauso wichtige Rolle wie das Gehalt, zeigt wie gründlich die kulturellen Pflüge der critical theory von ihren Ideologen und Followern durch die Institutionen und Generationen gezogen wurden.

Dass „Haltung zeigen“ (also folgenloses und fast kostenfreies Contenterzeugen) jemals zu einem entscheidenden Kriterium für ein Wirtschaftsunternehmen heranwachsen kann, kann nur durch Ideologisierung und Verblendung einerseits und andererseits vollkommene Ahnungslosigkeit darüber, wie Wirtschaft auf Märkten funktioniert, erklärt werden.

Sonst wäre es allen Beteiligten klar, dass Unternehmen sich freuen, wenn sie so billig wegkommen beim Anlocken der Jobsuchenden. „Haltung“ erzeugt ein Praktikant in der Marketingabteilung mit ein paar Stanzen zu Diversität und Inklusion und einem Regenbogenflaggen-jpeg.

Dass die Leute aber glauben, die Wirtschaftsunternehmen könnten anders handeln und Worten auch (dann schnell renditeschädigende) Taten folgen lassen, lässt sich nur mit dem zusätzlichen Einleiten ideologischer Giftstoffe in die entleerten Gehirne vorwiegend junger Menschen erklären.

Was folgt? 2 Fragen und eine Aufgabe:

1. Verbieten die klassischen Werte des Liberalismus ein Verbot von TikTok?

2. Gebieten die klassischen Werte des Liberalismus das Tolerieren von Parteien wie AfD und LINKE?

3. Finde, beschreibe und begründe eine differenzierte Position zu 1. und 2. die sich aus den klassischen Werten des Liberalismus ergibt.

Höhere Kosten in der GKV? Tax the rich!

Es ist nur durch eine progrediente Verblödung des Wählers zu erklären, dass Vorschläge wie die von Christos Pantazis (SPD) zur Bekämpfung der Kostenexplosion im Gesundheitswesen überhaupt ohne die Folge des sofortigeren Karrieretods gemacht werden können. Das Symptom (!) galoppierender (Zusatz-)Beitragserhöhung der GKVen durch eine Behandlung gemäß dem niederstkomplexen Prinzip „Nehmt den Reichen, gebt den Armen“ zum Verschwinden zu bringen, kann nur einem Fachfremden einfallen, der zudem nicht mal zumindest ein Basis -Wirtschaftsverständnis erkennen lässt. Aber klar, wenn man statt eines Sachkundigen lieber einen promovierten Neurochirurgen zum gesundheitspolitischen Sprecher macht, also jemanden der sich von Berufs wegen überhaupt nicht mit Finanzen und im Privaten höchstens im Umfeld der Suche nach Steuervermeidungsmodellen damit auskennen muss, dann muss man sich nicht wundern. Warum darf dieser Laie zu einem ökonomischen Thema Stellung nehmen? Auch von einem gesundheitspolitischen Sprecher darf man Fachkompetenz, also finanzpolitisches Verständnis verlangen! It’s still the Economy, stupid!

Dieser dumme, alles nur noch schlimmer machende Vorschlag, der die notwendige Drecksarbeit (Ausdruck ja wieder in Mode, schön!) einer brutalen Strukturreform lieber den nächsten Generationen überlässt, ist an Blödheit nicht mehr zu überbieten und man wundert sich nicht, dass dieser elendige Schwachsinn schon früher mal vorgeschlagen worden ist und zwar, na von wem auch sonst, von den Grünen und der Linken. Gute Nacht!

Nachtrag 22.6.: Generalsekretär Klüssendorf SPD schließt sich an. Nicht nur ist der Vorschlag katastrophal dämlich (s.o.), auch die Vorgehensweise ist so ungeheuer bieder und altmodisch (einer prescht vor, der Zweite unterstützt, der Dritte fordert usw.), dass man lieber gar nicht.

Perfect days

Bevor ich es vergesse: Perfect Days ist ein bezaubernder Film. Wim Wenders (wie auch immer er das macht) schafft es, die Stimmung meiner japanischen Allzeitfavoritenserien Midnight Diner Tokyo und The Makanai: Cooking for the Maiko House in einem Film einzufangen, der gar nichts mit Kochen zu tun hat – aber alles mit der japanischen Liebe zum Ritual. Später mehr….

Deutsche Diversity

Als Nächstes werden die Industriebosse von Siemens bis VW nach Staatsgeld rufen, um die eigenen Diversitäts-Programme gegen den Willen der amerikanischen Regierung aufrecht erhalten zu können. Wenn Sie dies eingesteckt haben, stellen Sie die Programme sofort ein, mit Hinweis auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten.

Rechtfertigung

Wer verfassungstreu ist, hat eine eindeutige Antwort auf die Frage, welche Rechtfertigung  es für die Brandmauer gibt. Keine – und er rechtfertigt diese Meinung über die Verfassung. Welche Rechtfertigung können die Grünen vorweisen? Insofern ist die Stoßrichtung der AfD-Verbotsforderung von Biller vernünftig, da nur ein existierendes Verbot die Ausgrenzung der AfD in den Parlamenten rechtfertigt.

Grab schlägt Wolt um Längen

Deinhoff sagt: Wer in Berlin oder anderen Großstädten lebt und den Freunden aus der Provinz von Wolt und Flink vorschwärmt, muss hoffen, nicht auf einen mehr oder minder Weitgereisten unter den Bekannten zu treffen, der den Schwärmer auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Wolt bietet einen im Vergleich jämmerlichen Service, mit zum Teil wirklich unfähigen Kurieren, die unresponsiv sind, sowieso kein Deutsch und meistens unterdurchschnittliches Englisch sprechen und damit kommunikationsunfähig sind. Bei Grab in Thailand können die auch kein Deutsch oder Englisch – aber die App übersetzt natürlich und deshalb kein Problem. Und während man sich in Berlin grün und rot ärgert, weil der Service beschissen langsam ist, der Fahrer den Weg nicht findet oder das Essen verschüttet im umweltfreundlichen aber sofort durchnässten Pappboxen ankommt und man nur durch nachträgliche Reklamation das zu unrecht gespendete Trinkgeld zurück fordern kann, macht Grab das einzig richtige: man gibt Trinkgeld NACH der Lieferung. So wie es Gott gewollt hat. Aber klar: In Deutschland ist Trinkgeld ja gar kein Trinkgeld, sondern eine nicht leistungsbezogene Zuwendung, ein Almosen.

Selbsttest: Woran denken wir Deutsche zuerst, wenn wir das Foto hier sehen:

Genau: „Boaah, so viel Plastik! Geht gar nicht!“

Deinhoff aber sagt „Was ein großartiger Service, innerhalb 15 Minuten da, perfekt portioniert und separiert, mit superfreundlichem Service.“

Worauf, falls so in Deutschland geäußert, natürlich die Antwort käme „und die Ausbeutung der unterbezahlen unversicherten Kuriere ist Dir wohl egal?“

Jemand zischelt dann zustimmend: „Die Dieselmopeds, auf denen sie sitzen und die die Atemwege der Kuriere und Bewohner Bangkoks und das Weltklima zerstören, nicht zu vergessen!“

Deinhoff ruft: Zuerst die großartige, kundenorientierte Serviceidee, dann schrittweise Verbesserungen einführen- und nicht alles vorher verhindern, runtermachen, tottreten lassen von den pathologisch sich selbst hassenden oder sich selbst für Gott haltenden Menschenfeinden!

Jawohl: Und übrigens, Flink braucht man hier nicht, weil Grab das auch bietet. Genau wie Taxiservice. In einer App. Alles in derselben herausragenden, kundenorientierten Qualität.“

Und in der Ferne hört man „Monopolisten! Kapitalisten!“ Aber man schert sich nicht drum.

Hier beugt sich niemand, hier werden Kosten gespart….

…und zwar die, die jetzt überflüssig geworden sind.

So wie die Einführung der Wokeness- und Klimaprojekte nichts mit Wokeness- und Klimasensitivität auf Unternehmensseite zu tun hatte, hat natürlich auch der Stopp nicht mit dem Gegenteil zu tun.

Sondern mit Ertragsoptimierung und Verschlankung an den Stellen, wo Aufwand keine Ertragssteigerung bewirkt, sondern bloß die Marke aus dem Schußfeld nimmt.

Die Auslöschung der großen woken Lüge … lässt auf sich warten

Am 10.11.23 begann ich den Beitrag folgendermaßen:

Im Nachhinein erscheint auf einmal klar, auf welche Weise die woke Bewegung zusammenkrachen würde. Der Antisemitismus war ja schon immer der Überschneidungspunkt mit den Rechten und vor allem der offensichtlichste Fall, in dem der menschenverachtende und unhistorische Wahnsinn der „critical race theory“ offengelegt wurde: die zweitausendjährige Geschichte von Leid und Verfolgung der Juden mit einem Handstreich umzuwandeln in eine erfundene und verlogene Erzählung über Israel als ein Unterdrückerstaat voller privilegierter Superioren. Mit der Konsequenz der Forderung nach De-Kolonisation, was im Falle Israel als vollständige Auslöschung des Staates verstanden werden kann.

Nach dem 7.10. ist das auf eine irreal anmutende Weise offenbar geworden. Jede Institution war aufgerufen, gegen den Terrorangriff Stellung zu nehmen und mit jeder, oft zögerlichen Stellungnahme zeigte sich die widerwärtige antiisraelische Fratze deutlicher. Wie man angesichts der barbarischen Gemetzel einer menschenverachtenden Horrorbande, die mit Ihren Bestialitäten auch noch angibt und sie der Öffentlichkeit präsentiert, die menschliche Schutzschilde benutzt, die ihre Bevölkerung deshalb dazu aufruft, nicht zu fliehen, die ankündigt, ihre Taten zu wiederholen, wie man es also trotz dieser teuflischen und feigen Taten in Stellungnahmen über sich bringt, bewusst eine Relativierung vorzunehmen durch Vergleiche mit dem Leid der Palästinenser, von dem behauptet wird es werde durch Israel verursacht, das kann ich nicht begreifen, das macht mich fassungslos.

Und nicht nur mich. Die alte Linke hüben wie drüben in den USA, distanziert sich oder wird sich distanzieren (müssen), denn die Liberale Einstellung, die den Linken jenseits der stalinistisch maoistischen Betonkopfraktion in die Gene eingeschrieben ist, die ist Todfeind des Antisemitismus und würde sich selbst auslöschen, wenn sie sich nicht vollumfänglich davon distanziert und die Judenhasser davonjagt.

Unterbrochen und dann fortgeführt am 21.6.24:

Deshalb, so dachte ich im November 2023, würde ein großer Mehrheitsblock, bestehend aus dem vernünftige Teil der Linken, den Liberalen und den Christkonservativen die zur Antisemitismusfrage hinter dem Hamasblutbad nur schlingernd und schwurbelnd sich äußernde Wokenessbewegung nach dem 7.10. schnell zu wertlosen Bröseln zermalmen können.

Es ist anders gekommen, nur meine Fassungslosigkeit ist geblieben. Hamas/Hizbullah/Iran haben den besseren Matchplan gehabt, das zeigt sich. Und wie Herta Müller glasklar in ihrem Beitrag in der FAZ vom 3.6.24 feststellt: Israel hatte keine Chance, anders zu reagieren und keine Chance, zu vermeiden, was dann folgte: die absolute Bilder- und Nachrichtenhoheit der Hamas in Gaza und die unüberbietbare Geschichts- und Faktenuninteressiertheit westlicher linker Gefühls- und Wellnessgrüner, führten zu Vorgängen wie dem des Genozidvorwurfs an die Adresse von Israel und der unfasslichen Anerkennung eines (dieses!) Palästinenserstaates durch Spanien, Irland und Norwegen.

Und damit zur Umkehrung der Fakten und der Schuldfrage: Hamas schlachtet Kinder, Frauen, Alte, vergewaltigt, köpft, erschiesst, verbrennt sie. Brüstet sich anschließend mit den unvorstellbaren Gräueltaten, indem sie selbst Videos und Bilder davon ins Netz stellt, verschleppt zusätzlich eine dreistellige Zahl von zivilen Geiseln nach Gaza und hält sie dort unter fortgesetzten Misshandlungen versteckt, viele davon in Wohnungen von Zivilisten in Gaza. Überhaupt ist für mich die längst zweifelsfrei erwiesene, durchgängige Verwendung von menschlichen Schutzschilden das Abscheulichste und gleichzeitig Teuflischste, was die Hamas in Gaza praktiziert. Eine unüberbietbare Grausamkeit am eigenen Volk. Abscheulich, weil sie damit ihr eigenes Volk in den sicheren Tod schickt und teuflisch, weil sie vorab die zu erwartenden internationalen Reaktionen richtig einschätzen. Aus den Schlächtern werden (wieder) die Opfer. Und aufs Neue werden die Blutlügen der Judenhasser nachgeplappert, eine unerträgliche, aberwitzige Ungeheuerlichkeit.

Und die woken Linken in der Politik, auf dem Campus und in dem verkommenen Teilen der Medien in Amerika und Europa tun das, was die Moerder und ihre bösartigen, korrupten, lügenden Helfershelfer vorausgesagt haben: Sie gehen auf die Straße, um gegen Israel und für Palästina zu demonstrieren, gegen die Juden und für die Israelfeinde und deren Helfershelfer, die das Morden, Verschleppen, Vergewaltigen von juedischen Zivilisten billigen und die Schuld für das Sterben in Gaza den Israelis geben. Welch eine horrorhafte Absurdität!! Den Israelis, die die mehr als 200 Geiseln befreien und die die Hamas unschädlich machen wollen, welche sich in unvergleichlich abscheulichem Kalkül hinter dem eigenen Volk verschanzt, den unvermeidlichen Tod unzähliger Zivilisten in Gaza nicht nur hinnimmt sondern ja sogar herbeisehnt, um es dann propagandistisch ausschlachten zu können. Jeder einzelne Tote in Gaza jetzt und am 7.10. in Israel geht zu 100% auf das Konto der Hamas. Niemand anders als sie ist verantwortlich für die Toten auf beiden Seiten.

Diese Demonstranten machen sich in schwerwiegender Weise schuldig, Naivität und Dummheit ist keine Ausrede für dieses verachtenswerte, antisemitische, zynische Verhalten. Unentschuldbar gegenüber den Israelis, den Juden, der Vernunft und der Menschlichkeit.

Spielermaterial

Ich sage das als bekennender AfD -Hasser, der Weidel und Höcke für gefährlich und Chrupalla für mindestens unsäglich hält:

Wenn der Sportmoderator (Breyer) die Fußballexperten (Mertesacker und Kramer) bittet, auf das zuvor geäußerte Wort „Spielermaterial“ zu verzichten, „weil Menschen kein Material sind“, dann möchte man rufen: “Was erlauben Breyer?“

Auch die schärfste Wortpolizei müsste doch zugeben, dass

– das Gesagte korrekt nicht-gegendert war (weil nur Kerle),

– kein Bezug zu brauner Soße wie „innerer Reichsparteitag“ vorlag und auch

– keine sexistischen oder rassistischen Botschaften im Begriff versteckt waren.

Warum also dazwischen fahren? Spielermaterial ist nicht dasselbe wie Menschenmaterial, bei dem letzteren Begriff geht es tatsächlich darum, Soldaten wie Kanonen, Munition oder Panzer als Kriegswerkzeug anzusehen und sie insofern mit toten Stoffen gleichzusetzen. Heißt zwar noch längst nicht, dass Stahl und Mensch im Hinblick auf irgendeinen immateriellen Wert gleichgesetzt werden – aber gut.

Jedenfalls ist ein Spieler kein Soldat und er wird auch nicht im Einsatz sterben wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld.

Das ist ein Bild, so wie die Torkanone nicht wirklich Kugeln feuert, der Bomber der Nation nicht bombt und das Abwehrbollwerk auch keine Festung ist.

Fertig.

Auf welcher Seite stehst Du?

Ich finde, diese großen Fragen, auf welcher Seite man denn nun stehen solle, Ukraine oder Russland, Israel oder Palästina, USA oder China, diese Fragen lassen sich sinnvoll nur vom Grundsätzlichen her beantworten, sonst verliert man sich im moralischen Klein-Klein. Und Moral ist am Ende ein unzuverlässiges Kriterium für politische Entscheidungen: Moralisch Einwandfreies findet man nirgendwo. Also frag ich mich: Wo möchte ich leben? In welchem System, unter welcher Regierung? Und da fallen meine Antworten eindeutig aus: Lieber unter Netanjahu als unter irgendeinem Palästinenserpräsidenten; lieber unter irgendeiner schwachen, inkompetenten EU-Regierung als unter Putin; lieber unter Trump als unter Xi Jinping.

Frischeparadiessoziologie

Ich habe oft Lust, etwas Schönes zu kochen aber dann stellt sich heraus, dass ich eigentlich nur Lust darauf habe, die Menschen beim Einkaufen im Berliner Feinschmeckertempelkaufhaus „Frischeparadies“ zu beobachten. Denn da laufen fast nur Berufssöhne und -töchter rum, deren Eltern zuviel Geld und zu wenig Hirn hatten – oder die Eltern selbst: Unternehmer kurz nach dem StartUp-Exit, Kanzleianwälte, Chefärzte, arrivierte Kunstschaffende. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie haben gelernt, dass man Platz macht für sie. Und in einem gut gefüllten Kaufhaus, wo es nur solche Menschen gibt, geht das schief. Jeder steht mitten im Gang, macht weitausholende Chefgesten, zeigt, wo‘s lang geht oder erklärt mit Cheftimbre in der Stimme dem Anderen, was der gerade falsch macht. Das lässt der Andere dann aber nicht auf sich sitzen, wer ist denn hier der Boss, na warte, Dir zeig ichs, Du bist sicher nur Vivantes, das sieht man sofort aber ich bin Charité!
Beste Unterhaltung. Und dann doch wieder nichts gekauft und nichts gekocht, sondern bestellt.

Wagenknecht

Eine Partei, die für echte linke Positionen kämpft (bei den Löhnen, am Arbeitsmarkt, bei der Mitbestimmung und auch bei der Migration) und die urbanen oder saturiertgrünbürgerlichen woken und autoritär klimapanischen Quatsch ablehnt, die ist unbedingt herbeizuwünschen.

Das kann mithelfen, die AfD zu halbieren, die vergreisten verfilzten Kaderfatzkes der SPD in den Ruhestand zu werfen und den jahrelangen Höhenflug der Grünen endgültig zu beenden und in einen langen Abwärtsschwung wieder runter auf 5% zu bringen.

Die alte Linke wird sich noch darunter, auf Piratenparteiniveau, einpendeln, da bleiben nirgendwo mehr Aussichten auf >3%.

1 Jahr verweht

Mutter starb, Architekt entwarf, Freund wanderte aus, Architekt änderte, M. bekam Krebs, Architekt änderte nochmal, es regnete, der Architekt finalisierte.

Ohne D. alles nichts und nichtig. Ach ja, und P., our little furry everything.

Greenpinkwashing

Liebe Unternehmen,

Erlaubt mir zwei Fragen:

1. Warum habt Ihr nicht vor zehn Jahren Eure Produkte mit Regenbogenfahnen verziert und in Euren Werbeclips Diversität gefeiert?

2. Und warum nicht Euren Weg zu CO2-Neutralität stolz beworben?

Vielleicht aus dem selben Grund, aus dem Ihr mit 1. und 2. sofort aufhören werdet, wenn anderer Scheiß als der mehr hilft, Produkte zu verkaufen?

Nicht falsch verstehen, liebe Unternehmen, ich werf Euch das nicht vor, ich will den ökonomisch Ungebildeten da draußen nur zeigen, das Marktwirtschaft privater Unternehmen als letzten Grund immer den Ertrag im Auge hat (haben muss!) und nie die Moral. Maximal das Gefühl von Anstand spielt manchmal eine Rolle bei Euch in den Firmen. Aber Anstand, das ist so ähnlich wie der Basistarif in der PKV, hab ich Recht?

Jwd

Franz heisst er also, unser zukünftiger Nachbar. Er ist Österreicher, Wiener und er guckt dann auch a bisserl melancholisch, so wie man es erwartet. Er ist ca. 20 Jahre älter als die Mittvierzigerin Kwan, seine – zweite- Frau. Die erste ist gestorben, zu viel geraucht hat sie.

Zweistöckig haben sie hier neben unserem Grundstück gebaut, leider hat der gekaufte Rasen Löcher, weil er zulange rumlag, unverlegt. Weil die Leute zum Verlegen nicht kamen und als sie dann kamen, hatte es vorher drei Tage durchgeregnet und da war alles ein knietiefer Sumpf im Garten.

Ist halt alles nie perfekt dort. Freiheit geht vor Sicherheit. Auch beim Bauen. Überall. Mietwagenabholung mit abgelaufenem Führerschein? Naja, hat vielleicht irgendein Freund, den man ranschaffen kann einen? Dann übernehmen wir den ins Dokument. Egal, ob der fährt. Oder überhaupt mitfährt. Pragmatische Lösung. Und dann, nach einer Rast an der Tankstelle beim Zurücksetzen das andere Auto leicht angestupst. Sichtbare kleine Delle. Der Fahrer winkt ab: nicht schlimm, passt schon, gute Fahrt.

In Deutschland unvorstellbar. Fetisch materielle Sicherheit. Bis hin zum garantierten Sitzplatz im Zug. Rempelei beim Einstieg. Hierher, Gerda, komm, hier ists schneller. Also das da (triumphierend) ist mein Sitzplatz!

Ich tausche gern ein bisschen Sicherheit gegen ein solches Mehr an Freiheit.

Konstruktivismus ist nicht gleich Postmodernismus

Die Annahme, dass unsere Wahrnehmung der Welt das Ergebnis einer Konstruktion ist, die wir auf Basis der mit unseren Sinnen aufgenommenen Signale in unserem Gehirn vornehmen, heisst NICHT, dass Fakten (nach wissenschaftlichen Regeln validierte Annahmen in der Forschung —> Wissen) soziale Konstruktionen sind. Wahrheit ist ungleich wissenschaftlich validierte Annahme. Die Ablehnung von Wahrheit durch die Postmodernisten bezieht sich aber genau auf die Ablehnung der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis insgesamt zugunsten durch Machtsysteme installierter Narrativen, die erfolgreich einen Wahrheitsanspruch für sich reklamieren. MaW sei, was wir wissen können, stets abhängig von dem System, das die Macht hat, das Wissen zu bestimmen.

Vor allem die negative Konnotation des Begriffs Macht bei den Postmodernisten weist über die Beschreibung des Zustand hinaus ins politische. Es gilt, die Machtkonstruktionen zu durchschauen und zu sabotieren.

Postmodernismus ohne politische Agenda gibt interessante Einsichten im Hinblick auf unser Verständnis von Sprache, Wissen, Wahrheit, Macht, Systeme.

Man ergänze Luhmann, der explizit keine politische Agenda hatte und damit Habermas ärgerte.

Oder Heinz von Förster, der dem konfrontativen Widerstand gegen eine nach Auffassung der Postmodernisten überall sich manifestierende Unterdrückung der Ohnmächtigen die wunderbare Metapher des Tanzes entgegenstellt: Gemeinsam Schritt für Schritt sich aus gegenseitigem Unverständnis hervortasten, langsam und immer wieder sich korrigierend, bis ein Miteinander entsteht, das schließlich in einen koordinierten Tanz mündet, in dem beide zeigen, dass sie durch Aufmerksamkeit, Empathie und viel Übung gelernt haben, sich zu verstehen und bestehende , womöglich große (kulturelle, ideologische, biologische etc.) Unterschiede zu überwinden.

Norbert Bolz: Keine Macht der Moral! Politik jenseits von Gut und Böse

Norbert Bolz schreibt mit bestechender Klarheit* über die Entstehung und die Folgen der Moralisierung der Politik. Mit erkennbarer Sympathie für konstruktivistische und vor allem systemtheoretische Positionen erklärt er das, was wir vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges nur erahnten: welch furchtbare Wirklichkeit wir bekommen, wenn wir in realitätsfremden, idealisierenden Träumereien von einer guten Welt verharren, statt die Tatsache anzuerkennen, dass es rational sein kann, politische Interessen auch gewaltsam durchzusetzen – und darauf dann angemessen, klug und effizient zu reagieren.

Er führt Machiavelli an und erläutert umfassend die Gegensätzlichkeit dessen politischer virtú des Fürsten einerseits und der Tugend des außerpolitischen Menschen andererseits. Die Fähigkeit, situativ richtig zu handeln ist die Kunst des Politischen und diese Kunst ist amoralisch (nicht unmoralisch). Das Richtige ist bei Machiavelli nicht das Gute, sondern das, was für die Selbsterhaltung des Fürsten notwendig ist.

Über Hobbes schreibt er, dass dieser, geprägt durch die Schrecknisse der Religionskriege, in der Unterwerfung unter die nicht hinterfragbare Autorität des Staates (bei Machiavelli wars noch eine Person, der Fürst) die einzige Möglichkeit sieht, den Krieg aller gegen aller zu verhindern: Durch Einschränkung der Freiheit des Einzelnen um Austausch mit der Gewährung von Schutz. So wird das Eintreten für Wahrheit, das nach Hobbes immer zum Krieg führt, durch eine oberste Entscheidungsinstanz ersetzt. Der Wert der Entscheidungen dieser Instanz besteht in der Entscheidung selbst und in nichts anderem. Nicht in Gerechtigkeit, Wahrheit, Moral. Insofern liegt Hobbes ganz auf einer Linie mit Hegel, den Bolz anschließend behandelt.

Der Kompass eines tugendhaften Menschen zeigt mitunter in eine andere als für die Zwecke des Machterhalts -und damit die Zwecke des Politischen schlechthin- richtige Richtung. Deshalb ist die Frage nach der gesellschaftlichen Sphäre (Comte Sponville), nach dem funktionalen System (Luhmann) in der/dem wir uns befinden, so wichtig: Wer glaubt, in der Sphäre des Politischen die Leitunterscheidung des Moralischen (Gut/Böse) anstelle der Leitdifferenz des Politischen (Macht/Ohnmacht) anwenden zu können, begeht einen Kategorienfehler. Einen Fehler mit unter Umständen gravierenden negativen Folgen.

Die Moralisierung des Politischen, schreibt Bolz, geht einher mit der Politisierung der Moral. Zu sehen ist das auch in den gemischten Talkrunden, in denen es inzwischen zur absoluten Normalität geworden ist, NGO’s und Politiker über die Richtigkeit politischer Entscheidungen diskutieren zu lassen. Ohne zu merken, dass dadurch zwei unbedingt getrennt zu haltende Ebenen vermischt werden und die Ebene des Moralischen auf die Ebene des Politischen (oder umgekehrt, je nach Bewertung) heruntergeholt wird. Die Überzeugung, dass das politisch Richtige nur das moralisch Gebotene sein kann, wird dadurch geadelt. Falsch bleibt sie trotzdem.

Deshalb hätte uns auch das neue deutsche Dogma einer werteorientierten Außenpolitik von Anfang an so verstören müssen. Deren Frontmann Steinmeier begreift aber erst jetzt, im Angesicht des Scheiterns am machiavellistischen Widersacher Putin, seinen Fehler.

*Was Bolz allerdings mal bräuchte, wäre ein aufmerksamer Lektor, denn zahlreiche Wiederholungen, zum Teil im selben Absatz, sind offensichtlich Ergebnisse von Zusammentragungen aus verschiedenen Texten oder Notizen. Sie bleiben unkorrigiert, was den Lesegenuß an so manchen Stellen unnötig schmälert.

Das „Zeig-mir-wie-Du -wohnst-und-ich-sage-Dir wie-Du-bist“ – Missverständnis

Wohnungseinrichtungen zeigen meistens nicht, wie man ist, sondern wie man sein will. Deshalb sind Wohnungseinrichtungen nur insofern interessant, als man sie als Hinweis auf die Charaktereigenschaften des Wohnungseinrichtenden begreift.

Warum sind Andere so daran interessiert, wie man wohnt und wie man sich einrichtet? Aha, klassische Moderne – ein gebildetet Haushalt! aha, schwarze Seidenbettwäsche – ein notgeiler Asi! Aha – Schmutz in den Ecken – ein faule Sau ohne Disziplin und Ordnungssinn?

Nein: Eine aufgeräumte, saubere Wohnung mit kuratierten Einrichtungsgegenständen ist, wenn schon, dann ein Zeichen für eine psychische Störung. Kontrollwahn, Minderwertigkeitskomplexe, Gefallsucht, Selbsthass, whathaveyou.

Girard

Wir wollen das haben, was ein anderer hat. Dieser wiederum hat zwar das, was wir nicht haben, ist selbst aber ebenso jemand, der etwas haben will, was ein anderer hat.

Ergo: Wir imitieren das Haben wollen des Anderen. In Philosophisch: wir begehren mimetisch das Begehren des Anderen.

Sowas kann sich nur ein Franzose ausdenken und dieser Franzose war René Girard.

Der Erfolg der Influencer lässt sich kinderleicht mit Girards mimetischem Begehren erklären. Influencer sind eine Erfindung der Werbeindustrie und es ist deshalb völlig richtig, wenn man sagt, Influencer arbeiten in der Werbeindustrie. Denn die Werbeindustrie hat verstanden, dass es in ihrem Geschäft nicht darum geht, den Konsumenten vom objektiven Wert des Produktes zu überzeigen, sondern davon, dass der, dem man gleichen will, dasselbe Produkt kauft.

Die Angst vor dem Scheitern bringt mich immer zu dem, was ich nicht will. Weil ich weiss, dass da, wo ich eigentlich hin will, das Wollen, das meinem gleicht, stärker ist als mein eigenes. Und ich deshalb den Rivalen unterlegen sein würde.

Der Faktencheck ist die Erfindung eines Lügners

Truth kommt von Trust, sagte Heinz von Förster. Wahrheit kommt von Vertrauen. Vertrauen setzt aber, so ist es nun mal, Nichtwissen voraus. Die Transparenz, die ja in aller Weltenverbesserer Munde ist, schafft das Nichtwissen und damit das Vertrauen ab. Transparent ist nur die Leere, sagt Byung-Chul Han. Und er sagt auch: Die Wahrheit ist ein Versprechen.

Jedes Versprechen aber ist intransparent. Wahrheit braucht also Vertrauen.

Eine Summe von Informationen schafft keine Wahrheit. Wahrheit erklärt das Warum, Informationen erklären das Was. Kausalität versus Korrelation. Wenn eine Summe von Informationen eindeutig einen Zusammenhang zeigt zwischen gelber Innenwandfarbe von Supermärkten und hohem Umsatz, dann reicht das zur Entscheidungsfindung, welche Farbe man dem neu zu bauenden Supermarkt geben soll. Niemand muss dazu den Grund wissen, warum es diesen Zusammenhang gibt. Deshalb ist es egal ob der Zusammenhang „wahr“ ist. Er ist einfach da.

Was ist 3+4? fragt der Lehrer. 7, sagt der Schüler. Das ist wahr, lobt der Lehrer. Das ist nicht wahr!, meldet sich Heinzchen. Warum? fragt der Lehrer. Weil 3+4 auch 4+3 ist, sagt Heinzchen. Na und, schnaubt der Lehrer. Wenn das wahr ist, belehrt Heinzchen, dann kann „7“ nicht auch wahr sein. Aber warum denn nicht, empört sich der Lehrer. Weil es doch keine „alternativen Wahrheiten“ gibt, antwortet der Schüler, das ist doch eine Erfindung der Neorechten in Amerika, sagen Sie doch immer! Aber das ist doch etwas völlig anderes, ruft der Lehrer. Eben, sagt Heinz.

Fakten versus Sinn. Religionen, aber auch politische Bewegungen, sind Sinngeber, sie erklären das Warum. Mit einem Versprechen, das man nicht validieren kann, weil es nicht um Fakten, also validierte Informationen geht, sondern um eine Erzählung. Um Vertrauen. Glauben. Nichtwissen. Intransparenz.

Es gibt keine Versprechen mehr in der Politik. Sie werden sofort mit Faktenchecks getötet. Deshalb gibt es auch keine Narrative, Erzählungen im Wahlkampf, kein Mitreißen, keinen Aufbruch, kein Ziel. Gerechtigkeit als Narrativ funktioniert nur im philosophischen Kosmos, nicht im Datenkosmos. Aus Daten kann keine Gerechtigkeit herausgelesen werden, nur Gleichheit oder Ungleichheit. Deshalb die verfälschende Gleichsetzung von Gerechtigkeit mit Gleichheit in der Politik heutzutage. Gleich oder ungleich? Das ist eine Frage, die der Faktencheck beantworten kann. Gerecht oder ungerecht? Da muss er passen.

Kontingenz

Die mehrheitlich in den deutschen Medien und in der Politik vertretene Haltung zur Klima- und Pandemiekrise erinnert mich an die Geisteshaltung einer Frau, der ich regelmäßig beim Joggen am Samstag begegne. Ich kenne sie nicht, habe nie mit ihr geredet aber sie ist geschlechtsneutral repräsentativ und hat folgende Eigenschaften:

Um die 40 Jahre alt, Akademikerin, ein Ehepartner desselben sozialen Milieus und mit mindestens gleich hohem gesellschaftlichen Status. 2 Kinder, 3 und 7 oder 4 und 8, eins wird noch im Buggy vor sich hergeschubst, eins läuft schon mit. Oskar und Felix heißen sie, das nächste wird vermutlich Hugo oder Hanns mit 2 n genannt werden und dann etwas später gemeinsam mit dem sportlich aktiven Familienrest das geerbte oder schon bald abgezahlte eigene Heim bewohnen.

Sie ist jetzt da angekommen, wo sie hinwollte. Mit Selbstdisziplin, Organisationsfähigkeit, Planung und Kontrolle hat sie sich erarbeitet, was sie sich sls 13jährige erträumt hat. Sie hat das Leben in den Griff gekriegt und so hingebogen, wie sie es für sich und die zukünftigen Ihren angestrebt hat. Gegen Widerstände, innere und äussere, durch Verzicht heute zugunsten von Vorsorge und Absicherung für morgen, durch Sparen und Investieren. Sicher anlegen.

Und dann kommt diese Bedrohung in Form von Corona und Klima. Unberechenbar, gewaltig und von einem Einzelnen oder einer Familie eben nicht kontrollierbar. Was passiert: Diese Frau, stellvertretend eben für alle gleichartigen Menschen, fällt in den Panikmodus und fordert von der Politik „radikale Maßnahmen!“.

Mit welchem Tugenden man der Krise begegnen soll, weiss sie und schreit sie den Politikern entgegen: „Disziplin! Verzicht! Vorsicht! Regeln! Strenge Kontrolle!“ hat schließlich auch bei ihr geklappt und verdammt nochmal was ist denn die Aufgabe des Staates wenn nicht bitteschön das mit allen Mitteln zu verteidigen, was sie sich aufgebaut hat!

Diese sozial privilegierte Krakeelerin repräsentiert die Lebenswelt der Privilegierten im Journalismus, im Verlagswesen, in der Öffentlichkeitsarbeit, die abends beim Viertele Biowein mit den Politikern zusammensitzen und denen die Stimmung „im Volke“ nahebringen.

Diese Lebenswelt hat so gut wie nichts zu tun mit den Menschen in dem gegenüber liegenden Teil der Stadt, mit den Familien auf der anderen Strassenseite, mit den „Elenden“, wie sie Anna Mayr so glänzend beschrieben hat in ihrem Buch.

Und sie hat noch weniger als das mit den Lebenswelten der ganz großen Mehrheit der Menschen auf der Erde zu tun, die Lichtjahrzehnte entfernt sind davon, auch nur einen Gedanken an morgendliches Familien-Joggen im Park zu verschwenden.

Zurück in unser Land. Ohja, auch die Ärmeren und Armen kennen Verzicht. Und sie müssen grösstes Organisationstalent besitzen. Nur ist der Verzicht kein freiwilliger, um später mehr zu haben, sondern ein erzwungener, um heute über die Runden zu kommen. Und das Orgatalent hat nicht die beste aller Kitas, Schulen, Vereine, Stadtviertel und Unis zum Ziel, sondern ohne Geld und SUV das Kind sicher zur Schule oder zum Sportplatz zu bringen, während man selbst vom Chef keine flexiblen Arbeitszeiten bekommt, um solche privaten Dinge regeln zu können.

Was die beiden Seiten unterscheidet, macht sich an der Planbarkeit fest. Hüben funktioniert das, drüben nicht. Hüben werden ungewollte Schwangerschaften, falsche Partnerwahl und unkluge finanzielle Entscheidungen verhindert, weil die Familie Techniken und Argumentationen kennt, die bei den Gefährdeten greifen. Und Geld, um auszubügeln, was doch mal schief geht. Hinter allem steht die Sicherheit des ererbten oder erarbeiteten Vermögens, der Immobilie, der Wertgegenstände, die angesammelt werden konnten.

Auf der anderen Seite, drüben, die Geworfenen, die Tumbleweeds, die eine andere Strategie entwickelten, entwickeln mussten: Aushalten. Reagieren. Sich nicht umwerfen lassen von den Unwägbarkeiten des Lebens, die jeden Tag das Erarbeitete, Erhoffte, zunichte machen können. Die wissen, dass es morgen kommen kann wie erhofft oder ganz anders. Das sind diejenigen, die begriffen haben, erfahren haben, was Kontingenz bedeutet. Und deren Strategie eben völlig anders ist als nach Verboten, Regeln und Absicherung zu rufen.

Für diese Menschen ist die Pandemie und die Klimakrise nur ein weiteres Zeichen dafür, dass das Leben verrückte Volten schlagen kann. Die sich zurück ziehen zu den Dingen, die ihnen in solchen Situationen Halt geben: Familie. Freundschaft, Gemeinschaft. Und das, gerade das, wird ihnen weggenommen, weil den Privilegierten der Verzicht heute leicht fällt. Es gibt ja die Zukunft, für die sie arbeiten und die sie freudig erwarten. Verzicht heute, Ernte morgen. Na klar! Wie kann man das anders sehen?

Naja. Man kann. Man tut. Man muss. Nur leider nicht in dem Mainstream der Meinungen in Gesellschaft, Politik und Presse.

Einzelschicksale interessieren mich nicht

Der Vater einer Freundin war seinerzeit ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt aus dem Süddeutschen. Es waren die späten 80er und beginnenden 90er Jahre und ich erinnere mich noch gut an ihn, da in seinem von Großbürgerlichkeit durchwehten Haus, von Kopf bis Fuß in Maß gekleidet, auf der Nase eine Brille, die ich einmal leichtfertig als „Helmut Kohl in seiner pfälzischen Ministerpräsidentenzeit“ klassifizierte – was mir scharfen Protest einbrachte, war doch  das Einzige, was man in diesem Haushalt mit Helmut Kohl teilte, seine Liebe zum Wein.

„Dummheit frisst – Intelligenz säuft“. Lebensweisheiten und gesellschaftliche Kommentare verdichtete er gern zu griffigen Einzeilern, die er dann beim Mittags- oder Abendbrottisch zum Besten gab. Nicht alle waren lustig, alle aber provozierend oder wenigstens überraschend – am nachhaltigsten im Gedächtnis haften blieb mir sein  „Einzelschicksale interessieren mich nicht!“. Damals war das ein beiläufiger aber in seiner gewürzten Kürze abschließend vernichtender Kommentar zum Geschäftsmodell der BILD-Zeitung, der den grundsätzlichen Unterschied zwischen seriösen Medien umd Ramschpostillen am treffendsten illustrierte. Nur darauf natürlich bezog sich das. Nicht auf Einzelschicksale der eigenen Familie, der Freunde.

Wer stets einen Mangel an Herz und Gefühl in der Gesellschaft beobachtet und wer Vernunft ausschließlich mit dem Adjektiv „kalt“ benutzt, der sieht in jeder Entlassung einer Supermarktkassiererin einen Skandal und in jedem Wochenendurlaub eines Bundesministers während andernorts eine Supermarktkassiererin entlassen wird ein Zeichen von maximaler Verkommenheit der „Politikerkaste“. Und zu dieser Sicht erwartet solch ein Konsument in den Medien die passende Geschichte. Er erwartet weder Statistiken zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit im Einzelhandel noch eine Übersicht der dienstlichen Termine des Bundesministers vor und nach dem betreffenden Wochenende. Das wären Informationen, auf die der erwähnte Vater der Freundin bestehen würde, da sie ermöglichen, das Geschehene einzuordnen, in einem größeren Ganzen zu sehen, kurz, ihm Bedeutung ausserhalb des Privaten zu geben.

Was wiederum die allermeisten Leser oder Zuschauer verwirren und frustrieren würde, erwarten sie doch gerade den Blick ins Private, um jeder einzelnen am Geschehen beteiligten Person entweder Mitgefühl oder Verachtung schenken zu können.

So wie in „The Crown“ bei Netflix, wo ausnahmslos jeder Politiker oder Adlige, über den dort erzählt wird, heruntergezogen wird auf die Ebene der privaten Abgründe, mindestens aber der privaten Anekdote. So erscheint im Rückblick das Bemerkenswerteste an Edward Heath sein Junggesellendasein zu sein, so wie die Hahnrei-Existenz des Harold Macmillan, der Drogenkonsum des Anthony Eden und die Alzheimererkrankung des Harold Wilson – um nur bei Beispielen aus der Riege der Premierminister zu bleiben.

Das funktioniert in der Unterhaltungsindustrie fantastisch! The Crown ist aufwendiges Popcorn-TV, das einen Episode für Episode an den Fernsehsessel nagelt. Nach jeder Folge hat man allerdings ausser den überaus oft eingeblendeten kommentierenden Schlagzeilen der Presse nichts über die Hintergründe der jeweiligen politischen Hochereignisse gelernt, in deren Rahmen die Skandale, Erschütterungen und Leiden – Einzelschicksale eben – der königlichen Hauptfiguren genüsslich und überaus gekonnt in Szene gesetzt werden.

Da ist es nicht überraschend, dass auflageverlierende Zeitungen Politikerverhalten wie „Duplo essend“, „Fliege tragend und besser wissend“, „aus Bayern stichelnd“, „Fehlentscheidungen entschuldigend zurücknehmend“, „den Kollegenerfolg missgönnend“ usw. in der Berichterstattung über die Corona-Politik einen immer größer werdenden Platz einräumen. Die Entwicklung der Inzidenzraten und die Belegungsquote der Intensivbetten kann man eben nicht bewundern, nicht verachten, sie taugen nicht als Anlass für Schadenfreude oder fürs Fremdschämen. Die Wendung „Schicksale, die sich hinter diesen nackten Zahlen verbergen“ ist deshalb ein von der Tagesschau bis zum Spiegel benutztes Wortsignal, das den einschlafbedrohten Netflixgucker wachhalten oder vom Wegschalten bzw. Appwechseln bzw. Weglegen abhalten soll – mit der Aussicht auf Herzzerreißendes, Skandalöses oder wenigstens irgendwie Saftiges.

Längst heisst es also „Nur Einzelschicksale interessieren“ und ein öffentlich geäußertes gegenteilige Interesse wird, wen wunderts, für den, der es tut, zur Gefahr, den eigenen Ruf irreparabel zu beschädigen.

Livestreambäckerei

Meine Mutter lebt in einer kleinen Gemeinde in der Voreifel.

Auf dem Dorfplatz steht vorschriftsmäßig eine Linde, die das morgendliche Geschäftstreiben in der kleinen Bäckerei an der Ecke beschirmt.

„Guten Morgen“

„Guten Morgen, Augenblick, bin sofort da, ich muss hier hinten die Anlieferung noch auspacken, das will die Chefin, dass das immer sofort passiert, bin aber gleich fertig und dann sofort da. Oh das ist aber schwer aufzukriegen, das dauert noch nen kleinen Moment ja, Entschuldigung ich muss das hier auspacken.“

„Ok“.

Gott liebt alle Menschen und das Prinzip der Nächstenliebe fordert uns Christen nachdrücklich auf, uns stets an seinem Vorbild zu orientieren. Und deshalb will er, dass ich auch die Bäckereifachverkäuferin liebe. Und nicht umbringe. Wozu ich Lust hätte. Sie streamt ihre Gedanken live und jeder der online, d.h. in diesem Fall in der Bäckerei, ist, muss das über sich ergehen lassen, wenn er nicht offline geht, also ohne leckeres Doppelröggelchen den Laden verlässt. Unmöglich, zu diesem Stream-of-no-thought den eigenen, süß-trägen Morgengedanken nachzuhängen. Unmöglich, irgendwas zu denken.

„So, jetzt aber, ich muss das aber wirklich machen, bin ich froh, dass ich das jetzt hinter mir habe, die Chefin will das so, was darfs denn sein, bitte?“

„Ein Doppelröggelchen bitte“

„Gern, kommt da noch was dazu wir haben noch lecker Ardennerbrot, nein, ok, danke, moment, ich muss die Artikelnummer hier, ja, so, 95 Cent, die sind auch lecker, haben Sie‘s klein, oh super, ja, danke, ebenso, Tschö!“

Und die Linde beschirmt weiter die Eckbäckerei in der Frühlingssonne und ward mit knapper Not nicht Zeuge eines Mordes aus Fassungsverlust.

Das philosophische Radio Spezial vom 6.6.2020

Ungemein interessant, Ende Dezember eine philosophische Diskussion aus dem Juni nachzuhören. Im philosophischen Radio des WDR gab es zwei äußert aufschlussreiche Gespräche zum Thema Corona: einmal mit Julian Nida-Rümelin und Svenja Flaßpöhler und am selben Tag mit Markus Gabriel und Reinhard Merkel. 4 Philosophen, die sich letzlich einig waren, dass die Maßnahmen gegen die 1. Welle notwendig waren, um einerseits Zeit zu gewinnen, damit das Virus besser erforscht und die Gefahr, die von ihm ausgeht, besser eingeschätzt werden konnte; um andererseits aber auch die Überlastung des Gesundheitssystems, und damit ganz konkret Triagesituationen in den Hospitälern zu vermeiden.

Mit der – im Gespräch vom Juni offen ausgesprochenen – Folge, dass bei einer 2. Welle die gleichen Grundrechtseinschränkungen eben nicht mehr zu rechtfertigen seien. Denn dann kenne man das Virus ja schon und Gesundheitsämter und Krankenhäuser hätten genug Zeit gehabt, sich auf den wiederkehrenden Anstieg der Infektionen vorzubereiten.

In der Realität aber hat sich nichts verändert: Mit denselben Argumente rechtfertigt die Politik den erneuten Shutdown.

Nida-Rümelin hat damals in diesem Gespräch gesagt, dass die Gesellschaft es nicht aushalten werde, käme es nochmal zu solchen Lockdowns wie im Frühjahr.

Und jetzt?

„So ist das nun mal“ (Andreas Dorau)

Je älter, dünner, gelifteter (oder hilfsweise gemakeupter), gefärbter, geschmackvoller, trainierter, schmuck- (oder hilfsweise tuch-)behängter, dezenter (oder hilfsweise provokanter) deutsche Frauen werden, desto unattraktiver.

Wie anziehend dagegen 55jährige laute, dicke, grell geschminkte, in kurzen Miniröcken ohne Nylons steckende und unendliche Dekolletés zur Schau stellende Afrikanerinnen oder 60jährige Asiatinnen in Billigflipflops, mit einfacher Schürze und Bluse, ohne Make Up, mit Falten, mausgrauem Haar und Original-Zähnen.

So ist das nun mal. Nichts kann es ändern.

Fraktale: Wiki vs. HvF

Immer wieder nervenzermürbend: Man sucht im Internet eine Erklärung eines Begriffs, einer Theorie, eines Konzepts. Und findet dann bei Wikipedia irgendein verschlungenes Satzgedärm, das offensichtlich durch sich an Detailgenauigkeit überbieten wollende Lehrer mit reichlich Tagesfreizeit entstanden ist. So wird im Laufe eines Artikels zuverlässig jede zierlich und zerbrechlich am Horizont heraufziehenden Ahnung von Verständnis von deutschen Zack-Zack-Cheferklärer-Soldatenstiefeln zermalmt. Wer will, liest den Eintrag zu Fraktalen.

Und danach möge der Suchende ein Buch von oder über Heinz von Förster aufschlagen. Man liest: „Fraktale. Was sind das für seltsame Gebilde? Es sind geometrische Figuren, die die Eigenschaft haben, dass der Teil so ist wie das Ganze“.

So einfach ist das. Danke, Heinz!

Calistanancy

Calista Flockhart sieht inzwischen so aus wie Nancy Pelosi (bitte selbst googlen). Ich verstehe immer noch nicht, warum die Presse offenkundig Plastischechirurgiemonster für okay hält aber Falten und Ringe unter den Augen stets für einen „Anlass sich Sorgen zu machen“ (mit Fragezeichen). Oder doch. Ich verstehe es. Hab halt kurzzeitig gedacht, da gäbe es noch jemanden, der Anstand und Stolz gegen Klickraten verteidigen wollte und könnte. Natürlich Quatsch.

Mentalität im Fußball

Einfach. Das Wort hat Eingang gefunden in den Fußballjargon. Aus Denkfaulheit benutzt. Jargon wird oft verwandt, um einen gewissen Sound zu erzeugen, der den Eindruck von vertieftem Verstehen erzeugt und sich so der Analyse zu entziehen versucht. Klingt irgendwie nach Expertentum, also wird es schon richtig sein, mal besser nicht nachfragen.

Wer Wikipedia (reicht hier schon) bemüht, um da mal nachzulesen, wo das Wort herkommt, versteht sofort, dass Reus richtig liegt, wenn er von „Mentalitätsscheiß“ spricht.

Deinhoff kauft nicht

Deinhoff sagt: Erst die kapitalistischen Auswüchse auf dem Berliner Wohnungsmarkt kritisieren und dann stolz grinsend erzählen, wie man kurz vor dem Anziehen der Preise da noch den super Deal mit einer Eigentumswohnung genacht hat.

Nicht nur : „ich bin ja für Windenergie aber nicht hier“, sondern auch „Diese große Ungleichheit geht gar nicht aber holt es erstmal von den richtig Reichen“.

Wenigstens sind das die Provinzler, die sich mit ihren dicken Teslas und Landrovern komplett lächerlich machen in Berlin. Und die erst gar nix und dann schwäbisch langsam kapieren, dass solche Kisten hier heute ausnahmslos Luden, 75jährige Pensionisten und 19jährige Clanfamilienmitglieder fahren. Und Touristen aus der kleinstädtischen Provinz (Köln, Stuttgart, München usw.).

Berlin, Deutschland, die Nachbarn und die Grüne Gefahr (aktualisiert Februar 22)

Wie man sich da wohl als Einwohner irgendeines Landes außerhalb von Deutschland fühlen muss, wenn ihm der neue deutsche Michel mal wieder mangelnde Sauberkeit, unzureichende Sicherheit, zu wenig Gerechtigkeit, rückständige Sichtweisen hinsichtlich sexueller Orientierung und fehlendes Umweltbewusstsein vorwirft.

Vermutlich ähnlich wie gebürtige oder langjährige Berliner, die die Kommentare zur Hauptstadtlage von Provinzlern aus BW, Bayern, Hessen, NRW oder randständigen Bundesländern lesen.

Pantoffelige Spießerforderungen nach mehr Recht & Ordnung kommen ja schon längst nicht nur von den dumpfbackigen Blödianen der Rechten, sondern auch von der anderen Seite. Schließlich ist Recht & Ordnung ja auch längst nicht mehr das, was es früher mal war.

Während das Recht auf Ruhe zu den unsterblichen Klassikern des Genres gehört und inzwischen auch in Berlin immer vehementer nachgefragt wird, ist das Recht auf Ruhe des Gewissens relativ neu dazugekommen. Und das ist z.B. implizit eine Kernforderung der Grünenwähler. Die wollen in ihren Kreuzberger Eigentumswohnungen mit unverstellbarem Innenhofblick mit gutem Gewissen beim Araber geholtes Falafel und beim Türken gekauftes Chicken-Döner aufs Fischgrätparkett kleckern – ohne das Gefühl haben zu müssen, damit fehlenden Pazifismus, Geschlechterdiskriminierung oder Religionsfanatismus zu unterstützen. Damit man das unangenehme Thema nicht am Thresen vorbringen muss, werden die Politik und die Politiker in die Pflicht genommen. Die sollen gefälligst Protestnoten an die Araber schicken, Erdogan boykottieren und in bittschön jeder Anti-Putin-Demo in Russland mitmarschieren. Und nur wenn der für mich politisch Werktätige sich wöchentlich aufs Äußerste empört über den Mord am Regenwald samt indigener Bevölkerung darin zeigt, kann ich hier meine Caipirinhas und den Samba beim Karneval der Kulturen unverschatteten Gemüts genießen. Ich hoffe nicht, dass andersrum dieselben Leute über unbeweglich im Weg liegende Obdachlose hinwegsteigen, um in den Bürgerschaftsversammlungen, zu denen sie grad unterwegs waren, die Politik aufzufordern, vermehrt die Strassenpolizei auf Kiezstreife zu schicken, um ohnmächtig oder schlimmer wirkenden Wohnungslosen gegebenfalls Erste Hilfe zu leisten.

Denn das Gesagte hat längst das Getane ersetzt. So wie das Liken und Followen dem Gespräch den Garaus gemacht hat. Ich like Deinen Beitrag und followe Dir. Das sind digitale Markierungen, die analoge Gespräche verhindern. 1 oder 0, like den Text oder nicht, followe mir oder nicht. Für ein Dazwischen und ein Ja aber ist kein Platz.

Das ist wie mit der Moral. Gut sei der Nachbar oder eben böse. Wenn einer böse ist, dann darf kein Text geliked und ihm sowieso nicht gefollowed werden. Das ist passgenau und deshalb taugen die sozialen Medien so gut als Schlachtfeld der Moralisierer.

Die „Achse des Bösen“ war eben keine schreckliche Formulierung, weil sie die Falschen als böse bezeichnet hat, sondern weil sie fallbeilartig, endgültig, digital, snobistisch die andere Sichtweise verachtenswert macht und alle politischen Verhandlungsergebnisse verunmöglicht.

Ganz genau denselben Fehler macht die grüne Außenministerin. Wie sollte es auch anders sein, in einer Partei die immer behauptet, moral sei ein Standortvorteil für Deutschland. Wer da nicht erschaudert und Angst bekommt, der hat von Politik keine Ahnung.

Die Vorortisierung Berlins – Gedanken zu den Artikeln von Adrian Daub

Lars Eidinger fasste die Stimmung der Party-Gäste nach dem Polizeieinsatz wegen Ruhestörung in Berlin-Mitte so zusammen: „Erst wenn die letzte Party geräumt und der letzte Club geschlossen ist, werdet ihr merken, dass Berlin zu dem Kaff geworden ist, aus dem ihr gekommen seid.“

Ich weiss nicht, ob Lars Eidinger die Überlegungen des Stanford-Professors Adrian Daub kennt, der wiederholt in Zeitungsartikeln die schleichende Suburbanisierung der amerikanischen Grossstädte analysiert. Aber wer sich diese sehr klugen Schriften zu Gemüte geführt und früher in der Schule einigermaßen den Transfer gelernt hat, für den sind die Thesen des Professors für vergleichende Literaturwissenschaft kinderleicht auf die Entwicklungen in Berlin übertragbar.

Schimpfereien wie die von Dr. Motte im verlinkten BILD-Artikel, über das Schwabylon, zu dem Berlin werde, stehen stellvertretend für ein konkretes Gefühl des Gefährdetseins, das immer mehr Großstädter (und in Deutschland heisst das immer Berlin, denn eine andere Großstadt gibt es hier bei uns nicht) befällt.

Der Verdrängungsprozess im Prenzlauer Berg ist vollständig abgeschlossen. In Mitte ist er voll im Gange, inzwischen auch in Friedrichshain, wo sich Bewohner der neu errichteten Luxusappartments auf der gegenüberliegenden Spreeseite über vom Holzmarktareal herüberschwappende Geräusche beschweren.

Mit Daubs Anlayse wird klar, dass seine auf das Silicon Valley bezogenen Beobachtungen auch für Berlin zutreffend sind. Er sieht in den dortigen aktuellen Geschehnissen Beispiele für eine in die Großstädte zurückgespülte Kultur der Abwehr des Fremden, die schon in den 50ern in den sterilen, ununterscheidbaren und doch labyrintisch verwinkelten Suburbs amerikanischer Großstädte entstanden ist, die von nachbarlichem Zusammenhalt genauso wie von Misstrauen und Angst vor dem Fremden (den Nicht-Nachbarn) geprägt waren.

Flüchtete damals die weiße Mittelschicht vor dem Zuzug afroamerikanischer Familien aus der Groß- in die Vorstadt, so ist seit Jahren eine umgekehrte Entwicklung beobachtbar: Die Großstädte werden wieder von der Mittelschicht besiedelt und diese verdrängt dort die finanzschwächeren Anwohner.

Der Clou der These von Adrian Daub ist aber nun, dass mit dieser Umkehr auch die erwähnte Abwehrkultur in die Großstadt einziehe, die energisch verfolgte Absicht, die eigene Nachbarschaft zum Refugium zu machen, zur sicheren Ruheoase des intensivbeschäftigten, gutausgebildeten Hochverdieners mit Familie. Getrieben – bewusst oder unbewusst – von den im suburbanen Milieu kultivierten Ängsten vor dem Fremden.

In Berlin wird dieses Fremde in den Augen des zugezogenen Mittelschichtlers repräsentiert durch alles Laute, Lärmende, Unkontrollierte, Wuchernde, Wilde, Exzessive und Risikohafte, was diese Stadt jahrzentelang ausgemacht hat.

Die Wut der Leidtragenden und Gefährdeten dieser Entwicklung speist sich deshalb aus mehr als der sich weiter verschlechternden Wohnungslage. Es ist die Wut auf eine Haltung, die auch durch die Verstärkungs- und Reichweiteneffekte der Sozialen Medien eine epidemische Verbreitung quer durch die Milieus erfährt: von AfD-und einem Teil der Linken-Sympathisanten über Wohlstandsgrüne bis zu den Kindern der liberalkonservativen Eltern. Die letzten beiden Milieus schlagen mit dem Kauf eines Berliner Appartments drei Fliegen mit einer Klappe: sichere Finanzanlage, bequeme Studiumsunterkunft für den Nachwuchs und praktische Wochenendbleibe für aufregende Großstadttrips von Papi und Mami.

Ergänzt durch die sich nunauchmalwastrauenden xenophoben Teile der AfD- (vermutlich so ziemlich alle) und Linken-(weniger) Wählerschaft wird – durch Selbstverstärkung und Echoeffekte von Twitter, Facebook und lokalen Community-Apps – die ANGST zu einem immer weiter sich ausbreitendem Grundgefühl. Und das führt dann zu nicht überraschenden, gleichwohl alarmierenden Konsequenzen wie Überwachung, Freiheitsbeschränkungen und schließlich Beseitigung dieser angstmachenden Fremdheiten und Fremden.

WM Frauen im ör TV

Alle hassen USA und lieben Kamerun aka alle, die Underdogs sind. Multipliziert mit 2, weil das sind ja auch noch Frauen. Bzw. andersrum mal 2, weil das sind ja kalte Trump-Bitches.

Fazit: Berichterstattung in 100% Anti-Hajo-Friedrichs-Manier und keinen juckts.

Auch nicht Valeska Homburg, die frei von Sachverstand Sportberichterstattung zu Leuteheute-Interviews ummodelt.

Rückschau Stokowski Zizek März 2019

In einer ihrer schwächsten Artikel fährt M.S. mit Volldampf in die Lächerlichkeit. Gegen Zizek, der in der NZZ die „Entzauberung des Erotischen“ durch den Feminismus kritisiert, fallen Stokowski in SPON nur ein paar dünnbierhafte Kalauer und Sticheleien ein. Keine Zeit, Max Weber zu lesen, die Einordnung zu kapieren, überhaupt irgendwas zu versuchen zu kapieren, was nicht nur mit Hier & LIVE zu tun hat. Am Ende nur Mitleid mit ihr und ihrem völligen Nichtverstehen der Situation. Jede Zeile ein überdeutliches Zeichen intellektueller Überforderung.

DB_ile Bahn: Hosenschisswerbung

Ob Boris Palmer nun Recht hat oder nicht mit seiner „welche Gesellschaft soll das abbilden“-Kritik an der Werbekampagne der Deutschen Bahn. Eins ist sicher: Sie erinnert in der schrecklich ranschmeißerisch streberhaften Art an manches, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der letzten Zeit in Berichten und Kommentaren bringt.

Ergänzend zu den von Palmer kritisierten Plakat-Abbildungen von Menschen, die das Thema Migrationshintergrund bespielen, findet sich in den ICE Waggons noch Folgendes:

Die coolen Alten: Opa Clooney und Oma Streep hams noch drauf. Und Wahnsinn, der trinkt ja sogar ein Glas Rotwein zur Whateversuperfood-Bowl. Gesund ernähren plus Hinundwiedergeniessen. Toll.

Die tolerierten Alternativlebensstile: Unzählige Piercings, sogar 1 Pickel aber perfekte Zahn- und Nägelpflege.

Die fleißigen Asiaten: Bahn-Bonus-Werbung mittels einer Frau mit asiatischen Gesichtszügen (nicht zu jung, nicht zu alt, verlobt, nicht verheiratet und natürlich im gehobenen Businessoutfit, man will ja keine Katalogfrauenklischees befördern).

Das ist ein so abgrundtief langweiliges Auf-der-richtigen-Seite-stehen-und-nur-keinen-Shitstorm-riskieren wie das wohl ein Staatsbetrieb machen muss.

Allerdings: Erfrischend clever und doppelbödig dagegen der Ronja von Rönne Spot für die Bayern LB. Geht doch!

Actually…like….you know

Heute macht sich hoffentlich niemand mehr über das Englisch der Bahnbeamten lustig – und hoffentlich jeder über die Horden von Schülerinnen und Studentinnen, die während ihrer Austauschschuljahre und Auslandssemester in den Vereinigten Staaten offensichtlich kein Interesse daran haben, die englische Sprache richtig zu lernen. Es ist ihnen vielmehr unzweifelhaft ein wichtiges Anliegen, sie vorsätzlich falsch zu lernen, um so zu klingen wie ihre bevorzugten Umgänge dort, also wie dumme kalifornische kaugummikauende Highschool-Hupfdohlen.

Muss man, wie leider der Verfasser, häufig Berliner S- und U-Bahnen benutzen, ist es unvermeidlich, Ohrenzeuge dieser fassungslos machenden Zurschaustellung erfolgreich umgesetzter Selbstverdummungsstrategie zu werden. Denn unglücklicherweise sind die bemitleidenswerten Mädchen und Jungfrauen auch noch stolz darauf, so zu reden (und nicht so wie die Bahnbeamten). Und verteilen deshalb, ohne Punkt und Komma schwafelnd, ihren Verbaldurchfall in Maximallautstärke in den Waggons, anstatt wie anständige Jugendliche die gesamte Beförderungszeit still sitzend und mit bis auf einen Finger gänzlich erstarrtem Leib süchtig in ihr Smartphone stierend zu verbringen.

Die Anzahl der die Leere im Gehirn bestens repräsentierenden Füllwörter (uhm, like, you know, actually usw.) nimmt bei entsprechendem Gesprächsverlauf im selben Maße zu wie die Aufgewühltheit der Sprecherin, weil von ihr dann noch mehr Adjektive gesucht – und selbstverständlich nicht gefunden werden. Uhm. Like. You know.

Wer erfindet das Instagram für Sprachposer? Dann würde das hirnlose Gebrabbel – so wünschte ich mir das – leise irgendwo ins Gerät getippt und andernorts nach der Umwandlung in den gewünschten Schwachsinnigendialekt über Ohrhörer ebenso geräuschlos angehört.

Und endlich wäre wieder Ruhe.

Palmer und Kazim im Streitgespräch

Der neue SPIEGEL Nr. 19/2019 bringt ein schönes Streitgespräch zwischen dem Tübinger Oberbürgermeister und dem SPIEGEL-Redakteur, der Palmer Rassismus nachsagt. Palmer hatte zuvor der Deutschen Bahn vorgeworfen, sich durch eine Werbung mit sechs dort abgebildeten Menschen, von denen fünf einen Migrationshintergrund haben, „gegen Kritik zu immunisieren“. Während dies, so Palmer jetzt im SPIEGEL-Gespräch, in der jüngeren Vergangenheit (er nennt das Scharmützel Rützel gegen Amani als Beispiel) dadurch geschehen sei, dass die Kritisierte sich auf die Zugehörigkeit zu einer Minderheit berufe – zur Abwehr einer Kritik, die überhaupt nichts mit dieser Zugehörigkeit zu tun habe, sondern ausschliesslich mit der Qualität der Darbietung, liegt nach Palmer im Bahnfall in abgewandelter Form etwas Vergleichbares vor. Das Unternehmen versuche sich auf die beschriebene Weise als „offenes und tolerantes Unternehmen zu präsentieren“. Perfiderweise (und das ist der Kniff in Palmers Argument) dadurch, dass es zum Beispiel den Fernsehkoch Müller, der im Schwabenland aufgewachsen und so deutsch wie nur was ist, durch den Kontext der leicht zu durchschauenden Werbeabsicht zwinge, sich als Symbol für das vermeintlich Fremde darzustellen. Was wiederum gebraucht wird, um sich selbst von den Fremdenfeindlichen abzugrenzen.

Spätestens als direkt danach Kazim als Erwiderung nichts besseres einfällt, als Aufzuzählen, welche Prominenten und Nichtprominenten („Zigtausende“) Palmer für seine Aussage kritisieren, wird klar, wer hier das völlig überfordete Leichtgewicht in dieser Dokussion ist. Palmer nimmt die Vorlage volley und erledigt Kazim mit dem Hinweis, wer Recht hat, ist der, der die besseren Argumente hat – und nicht die meisten Follower.

Die Vermischung von Moral und Politik wird zum Problem für das linke Projekt

Bernd Stegemann ist klug.

Seine Analyse der Verdopplung der linken und rechten poltischen Ansichten (hier soziale Politik plus Identitätspolitik, da Neoliberalismus plus Nationalismus) erklärt sehr schön die aktuellen Paradoxien in der politischen Diskussion: Eine politische Forderung hat sowohl eine „linke“ als auch eine „rechte“ Begründung – Stegemann bringt das Beispiel der Förderung von Einwanderung zwecks Besetzung andernfalls nicht besetzbarer Stellen in der Altenpflege. (Identitätspolitisch geprägte) Grüne unterstützen die CDU-Forderung. Kritik der Linken, dass dies die Bemühungen um aus ihrer Sicht notwendigen Lohnerhöhungen in der Pflege untergrübe, wird als fremdenfeindlich gebrandmarkt.

Das führt nicht nur in diesem Beispiel zu neuen Allianzen und aus Stegemanns Sicht insgesamt zu einer Schwächung der klassisch linken Positionen.

Die Begründung findet er in der um sich greifenden Moralisierung des Politischen. Durch die Verwendung „moralischer“ Argumente tappe die Linke (wohl auch übertragbar auf die rechte Seite aber Stegemann geht es um das linke Politikprojekt) in eine „Moralfalle“, die am Ende zu einer Schwächung der eigenen Position führe. Denn die Moral würde allzuhäufig in Form moralisierender Appelle in die Politik eingebracht und verhülfe so einer moralischen Gesinnungspolitik zu einer Vorherrschaft, die nach Stegemann einer linken Interessenpolitik zwangsläufig schaden müsse.

Seit mehr als 2000 Jahren wird politische Philosophie betrieben. Ein ganz wesentliche Errungenschaft haben wir dieser Disziplin zu verdanken, nämlich die (schon früh) herausgearbeitete Erkenntnis, das Moral und Politik nicht gleichgesetzt werden dürfen, weil politisch Bestes eben nicht immer auch gleichzeitig das moralisch beste ist. Was sich heute schon fast provozierend liest, ist dessenungeachtet wahr.

Stirb nie, Ivory

Es ist noch nicht zu spät, zu sagen bzw. hier zu schreiben, dass „Call me by your name“ der beste Film des letzten Jahres war. Weil er der beste Film der letzten geschätzt zehn Jahre ist.

Das geht also noch, perfekte Filme zu machen mit denselben Mitteln, Inhalten, Absichten, Gefühlen wie in den 80ern.

Dasselbe Hochsommerhochgefühl wie bei Zimmer mit Aussicht (auch Italien), Der Ruhm meines Vaters (Provence) und Wiedersehen mit Brideshead (England, die Fernsehserie, nicht der Film).

Es gilt ausserdem die Regel: Kein Film, wo er die Finger mit drin hatte, kann schlecht sein:

Stirb nie, Ivory!

Hausen

Mein Heim ist eine Höhle. Es ist warm, dunkel, riecht nach mir und überall um mich herum sind beschützende Wände nah. Dieses Konzept verstehe ich und halte es für natürlich.

Besuche fremder Heime beunruhigen mich. Die Hausherrin führt mich durch tür- und wandlose Räume, redet von Blickfluchten und weist auf die durchgehende Lichtdurchflutung hin, auf die besonders Wert gelegt worden sei beim Bau. Und es stimmt: Überall Glas statt Aussenwand, ich fühle mich wie nackt und im Scheinwerferlicht mitten in der Steppe stehend. Es ist eine Tortur und es wird bei der anschließenden Gartenbegehung nicht besser. Wo eben noch Grenzenlosigkeit als oberstes Prinzip herrschte, gilt hier Einhegung und Sichtschutz als vornehm. Alles erinnert an die Naturgestaltung in Modelleisenbahnlandschaften. Ausgerollte Rasenbahnen und einsame Setzbäume gibt es nicht mehr in diesen Heimen aber die gartenarchitektonische Anordnung wirkt genauso unbehaglich und hingestellt wie die Wohnlandschaften im Innern.

Es ist im übrigen keine gute Idee, der Hausherrin auf die Frage, ob das besichtigte Heim denn gefiele, ehrlich zu antworten, dass es super als Kulisse für Pornodrehs passen würde.

Finis Jamaica

Finis Jamaica

Deinhoff sagt: Kommt meine Frau zu mir und hält mir einen TED Talk über TShirts vors Gesicht: Wasserverbrauch! Ausbeutung! Chemikalien! Im Namen der Gerechtigkeit und der Gesundheit: Kauf weniger TShirts und trag sie zweimal, bevor Du sie wieder wäschst!

Halt ich ein Schild hoch: Im Namen der Freiheit! Ich wasche trotzdem nach einmaligem Tragen, denn ich will nicht stinkig ins Büro!

Luhmann meinte das wohl, als er von der Notwendigkeit und Unverzichtbarkeit von Normen bei gleichzeitiger Kontingenz sprach.
Und das ganz aktuelle Problem, dass Parteien heute nur Schilder mit „Wertelisten“ hochhalten, statt sich mit dem eigentlichen Problem, nämlich der politischen Lösung von Wertekonflikten zu befassen, das hat er bei der Gelegenheit (vor fast 25 Jahren) auch glasklar benannt.
Womit wir bei Jamaika wären und zumindest einen Grund schon herausgepult hätten, warum das so kam. Niemandem könne vorgeworfen werden, zu seinen Prinzipien zu stehen, so Lindner. Eben doch, denn zu den Prinzipen stehen (aka Schilder mit Wertelisten hochhalten, z.B. Digitalisierung first, Bedenken second oder Löhne rauf, Mieten runter oder Bienenschutzbekenntnisse a la KGE oder beliebige andere), das ist noch keine Politik, danach fängt Politik erst an. Es sei denn, man versteht sich nicht als Partei, sondern als Moralische Instanz. Rinks wie Lechts. Dabei wäre es hochinteressant, von der FDP erklärt zu bekommen, wie sie den drohenden Widerspruch zwischen Digitalisierung und Freiheit des Individuums und der Wirtschaft (s. Jack Ma’s Einlassung zum Thema Digitalisierung und Planwirtschaft) auflösen will. Und von den Linken, ob sie alternativ zur Enteignung noch andere und besser mit unserer freiheitlichen Rechts- und Gesellschaftsordnung vereinbare Methoden zur großflächigen Umverteilung kennt. Ganz zu schweigen von der Frage, wie das Bienen-, Vogel- und Schmetterlingsrecht ohne Diskriminierung der lobbylosen Tierarten umgesetzt werden kann.

Gomringer/Neruda – Avenidas/Los veinte poemas

Eugen Gomringer:

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Deutsch:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

(ca. 1953)

Pablo Neruda:

Los veinte poemas

1

Cuerpo de mujer, blancas colinas, muslos blancos, te pareces al mundo en tu actitud de entrega.
Mi cuerpo de labriego salvaje te socava
y hace saltar el hijo del fondo de la tierra.
[…]

Deutsch:
Die zwanzig Gedichte

1

Leib eines Weibes, weiße Hügel, weißblanke Schenkel,
du gleichst der Welt, so weit und willig, wie du dich hingibst. Mein wilder Bauernkörper durchgräbt dich, unterhöhlt dich und läßt das Kind entspringen aus der Tiefe der Erde.
[…]
Ca. 1925

Volksentscheid – Ergänzung

Sehr gut als Entgegnung auf die Dauererregten der „Direkte Demokratie“-Bewegung, die immer wieder die Schweiz (gähn) als Vorbild anführen:
Das kurze Interview mit H A Winkler in der NZZ.
Wir haben im Gegensatz zu CH keine Konkordanzregierungen, wir haben das Misstrauensvotum, wir haben sowas wie den Schweizerischen Bundesrat nicht – wir haben schlicht ein anderes Regierungssystem.
Außerdem sehr schön an diesem Interview: Die Erklärung, warum die Deutschen so moralbesessen sind – nämlich weil sie schwachsinnigerweise denken, sie könnten damit ihren Ruf als Schreckensnation endgültig wieder los werden. Typsch deutsches Strebertum: erst wollen wir die weltbesten Unanständigen sein, dann die weltbesten Anständigen. Wir können nur entweder oder. Total digital. Deshalb wäre Deutschland eigentlich auch so weltbestgeeignet als Informatik-Standort. Doof nur, dass Digideutschland sowas wie IT und AI längst in die Schublade Unanständig geworfen hat. Gab ja nur Anständig als Alternative. Und anständig kann das ja nicht sein wegen Google! Uber! Elon Musk! und überhaupt: Amerika!

Podiumsdiskussionen, Demokratie, Wahl, Medien, Moral

Podiumsdiskussion in der Zwingli-Kirche. Carsten Koschmieder von der FU Berlin, Fachbereich empirische politische Soziologie. Unaufgeregt, sachkundig, bisweilen blitzt ein feiner Humor auf. Sympathische I-Dont-Care-Frisur.
Gabriele von Arnim, Grande Dame des Journalismus oder so, Buchautorin auch, eine Großbürgerlichkeit ausstrahlend, die nur sehr selten durchweht wird von einer abweisenden Unnahbarkeit, einem Hauch Arroganz. Vielleicht kommt mir das auch nur so vor, weil sie mich an Gertrud Höhler erinnert, auch äußerlich. Irgendwie denk ich mir die immer in Reithose und Tweedjacke. Passt jedenfalls auch zu GvA. Typ Patek-Philippe-Generationen-Werbung, die schneidig-strenge Großmutter. Scheint sich selbst jedenfalls schon ziemlich ok zu finden.
Daneben der Konterpart, Harald Welzer, findet sich auch ziemlich ok, gibt aber den kumpeligen Biertrinker und im Folgenden öfter mal den Tina-Mendelsohn-Piesacker, das ist die Moderatorin, sympathisch und vielleicht nicht 100% interessiert an dem Thema, im Verlauf der Diskussion aber wiederholt von Welzer angeschnappt zu werden, hat sie nicht verdient. Was soll das auch, in einer Podiumsdiskussion im Jahr 2017, wo es ums Wählen als Bürgerpflicht geht, die AfD „ignorieren“ und nicht über sie sprechen, wie Welzer es fordert. Ich mein, theoretisch schon klar. Warum denen eine Bühne geben und warum – Welzers Kritik – presseseitig so hysterisch auf Gaulands jüngste Äußerungen reagieren statt sie gar nicht zu beachten. Und erst recht: warum diese Leut‘ interviewen und das dann unkommentiert ins Blatt stellen. Stimmt. Müssen die nicht, tun die aber. Warum?
Ende Bericht der Diskussion und anfang Meinungsabsonderung: Vielleicht weil die führenden Zeitungen und Sender sich allesamt als pädagogische Leitmedien sehen, die einen Erziehungsauftrag am Volk exekutieren müssen. Und nicht als Einrichtungen, die links oder rechts oder wirtschaftsliberal oder gewerkschaftsorientiert oder so was sind. Die könnten dann einfach sagen, schleich di, Du Sauhund, über Dich schreib i nix. Oder die könnten sagen, wenn ich mir jetzt nur das Wirtschaftsprogramm der AfD angucke, also, besser als bei den Linken ist das schon. Geht aber nicht. Weil, AfD ist gesamthaft böse – als Partei und als Mitgliederblock und sogar schon als Buchstabenkombination- und das muss immer klar sein und vorne hinten oben unten drumrumgeschrieben werden, damit keiner auf die Idee kommt, man hätte grad die AfD inhaltlich gelobt. Und weil die Medien sich eben genau so verhalten, haben es die clevereren Typen der AFD so leicht. Keiner von denen kann gut reden, geschweige denn argumentieren,alles amateurhaftes Stammeln. Also einen Charismaten haben die wirklich nicht. Brauchen sie aber nicht, weil die dämlichen deutschen Oberlehrerleitwertemedien jedes hingeworfene Stöckchen glauben apportieren und mit „Demokratiegefährdend! Rassistisch! Sexistisch! Faschuistisch! Menschenverachtend!“ markieren zu müssen. Irgendwann lernt diese Methode auch der dümmste AFDler. Und wenn dann noch die von mir eigentlich geschätzte Grüne KGE das mit der Moral als Standortfaktor ruft, dann ist natürlich der Ofen ganz aus. Damit wirft sie jahrhundertelange Arbeit der Politischen Theorie über den Haufen. Deren Errungenschaft war ja unter anderem, die Politik aus dem Würgegriff der Moral zu befreien. Platon’s Philosophenkönige waren eben nicht der cleverste Einfall. Nicht die weisesten und besten der Guten sind auch gleichzeitig die besten Politiker. Pustekuchen.
Wer Politik durch Moral ersetzt, macht sich handlungsunfähig. Wer apodiktisch einen Standpunkt als unverhandelbar in die politischen Verhandlungen einbringt (wir gehen nur in die Regierung, wenn „Ehe für Alle“, „Dieselverbot“, „Obergrenze“ etc. whathaveyou) – und es auch noch genauso meint! – der tötet die jahrzehntelang erfolgreich in Deutschland erprobte politische Methode in der Demokratie. Das Ziel des politischen Handelns ist SCHRITT FÜR SCHRITT Verbesserungen herbeizuführen. Durch Schließen von Kompromissen und ergo durch Abweichen von den eigenen Startstandpunkten und Annäherung an den anderen Standpunkt. Das ist etwas ganz anderes als Politk als unbedingtes Durchsetzen des moralisch Gebotenen oder das Verhindern von Entscheidungen, die keine Win-Win-Win-Win-Situationen erzeugen. Die Folge: Ich kann mich nur enthalten, wenn es darum geht zu entscheiden, welche Seite ich in einem Bürgerkrieg zwischen IS- und Assad-Truppen unterstütze. Weil, ich würde so oder sorum die Bösen unterstützen. Blöd nur: Tu ich nix, mach ich mir die Haände eben auch schmutzig, denn dann geht der Krieg weiter und mehr unschuldige Menschen sterben wegen meiner Haltung. Man sieht: diese Vorstellung von Politik ist schwachsinnig und gefährlich.
Wer will sowas? Politik geht anders und nur weil Politiker sich die Hände schmutzig machen, funktioniert sie.
Wo war ich? Genau. Zurück zur AFD und den Medien. Der falsche Umgang mit der AFD ist der der moralischen Empörung. Aber genau diesen Grundton pfeifen die Medien, nicht nur Ard und Zdf aber da regts den Gebührenzahler natürlich besonders auf. Mit Moral (welcher eigentlich?) an der Seite gegen die AFD zu argumentieren, ist kläglich, weil „Moral betrifft nie Deinen Nachbarn“, wie der kluge Franzose Alain sagte. Dem Anderen fehlende Moral vorzuwerfen, macht einen selbst nicht moralisch. Sondern zum Moralisierer. Eine fragwürdige Position für die Medien.

Böhmermann Folge 8

Durch die ganze Sendung zieht sich leider ein Geruch von „HierdieGutenCoolen,dadieSchlechtenUncoolen“. Stirnrunzeln beim Vergleich linke Gewalt-rechte Gewalt („es gibt Hass auf beiden Seiten“) des Ex-Nazis, erleichtertes Gejohle bei Alkoholnachschenken und Beischlaferzählung der Feministin. Olli Schulz hat Recht, das Sexuelle ist viel leichter zu entgrenzen als das Rechte (so habe ich seinen Kommentar jedenfalls verstanden, vielleicht überinterpretiert). Jenny Elvers als zu behütende Naive hatte es deutlich einfacher als der Totschläger von Rechts. Nickende Akzeptanz statt Diskussion bei einigermaßen steilen Thesen von Stokowski (links/rechts-Gewalt ist asymmetrisch verteilt, es werden nicht dauernd durch Linke Häuser angezündet, es ist eine Zeit, wo rechte Gewalt eine massive Bedrohung ist…. ok, die Aufzeichung der Sendung war vor den G20-Ereignissen in HH aber womöglich wäre der Satz im anderen Fall nur mit dem Auftakt „natürlich ist die Gewalteskalation in HH zu verurteilen, ich glaube aber beide Seiten hatten Anteil daran und eines ist für mich auch klar: es gibt keine Gleichverteilung von linker und rechter Gewalt, es ist eine Zeit, wo rechte Gewalt eine massive…“ usw. usf. versehen worden).
Insgesamt eine Runde, deren brav-törichte sozialgrünfeministische Einwürfe von Eckhard Henscheid früher chirurgisch genau und tödlich aufgeschlitzt worden wären aber jetzt ist der auch schon 75 und wenn man ihn in so einem Zusammenhang anführt, dann beruft man sich auf jemanden, der nach den Junge-Freiheit-Interviews schon längst auf die falsche Seite gesetzt worden ist und man deshalb mit einem „Ach, der Henscheid mit den Interviews im NeoRechtenBlättchen? Nee klar!“ bedacht worden wäre.
Wie komm ich denn eigentlich auf Henscheid jetzt? Ahja, weil ich irgendwann an Böhmermann-Erdogan gedacht habe und mich dann an Henscheid-Böll und Henscheid-Höhler erinnert habe. Andere Zeiten, Henscheid verlor krachend die Prozesse, seine Beleidigungen gefielen mir aber besser, weil weniger überdreht und comedyhaft als vom B’mann, sie kamen mir weniger auf Wirkung zielend vor, sondern mehr aus einem souverän-echtem Überlegenheitsgefühl heraus rausgehauen.
Und wie hätte er Claudia Roths Auftritt genüsslich runtergeputzt, verputzt, zerkaut und ausgespuckt: Dieses aberwitzig dämliche, arrogante, besserwisserische „Unpresidented“ Pullishirt hätte sich aus Angst vor Henscheids ätzender Häme lieber gleich selbstentflammt. Aber so? Gibt sie mit diesem Shirtspruch ein verdammenswertes, grundekelhaftes, in der ganzen Runde aber unwidersprochenes Bekenntnis zu einer überlegenheitsstatusbesoffenen Moralelite ab, die sich gegenüber den schamlosen und dummen Rechten so ziemlich alles erlauben kann – auch wenn sie selbst viel schamloser und dümmer auftritt.
Und so wird aus dem ganzen Talk auch wieder nur ein Austausch von bekannten Ansichten, zum Teil illiberal, zum Teil spießig, zum Teil albern (Stokowski sagt zu dem Rechten irgendwann so etwas wie: könntest Du Dir statt Priestertum vorstellen, dass eine geile queerfeministische Gruppe Dich aufnimmt?).
Die Moderatoren laufen nur dann so richtig zu großer Form auf, wenns ums Pflöckeln geht. Bei Zehenlutsch- und Bettlangeweilediskussion ists heiter-aufgeräumt-ausgelassen aber bei den ernsten Themen ist da eine überraschend verkrampfte Atmosphäre, besonders bei den Moderatoren. Die waren dann auch eiligst ganz vorn dabei, wenns darum ging, unabhängig von den Tatsächlichkeiten Gesinnungen nachzuspüren, vorfällig Etiketten anzuheften werden und dann nach Bestätigungen zu schnüffeln. Olli Schulz glaubt aufgrund von verdächtliger Wortwahl dem Rechten nicht seine Loslösung vom Rechtssein, denn der beharrt ja darauf, dass Linke ihn töten wollten, so wie er sie, dass es gegenseitiger Hass gewesen wäre. Die Runde macht „OhOh, also, naja, hömma! Relativierung!, Relativierung!“. Dass er Priester geworden ist und in der Jugendhilfe akitv ist ja egal denn was sagt er? Ohoh, die Rechten seien ja nur eine kleine Gruppe in der Gesellschaft, verschwindend gering, 20.000 oder so – und da ists passiert. Tataaa! Olli Schulz zieht die Braue hoch, die bei Böhmermann die ganze Sendung über sowieso dauererigiert zur Studiodecke zeigt. Denn damit hat der rechte Doch-Nicht-Renegat sich verraten, enttarnt und die Gesinnungsdetektive sind froh, weil fündig geworden und fürderhin ist der Rechte wieder da wo er hingehört, an der Wand.+
Und der Rest der Sendung?
Rauchen super subversiv, Saufen cool, Trump Scheiße finden sowieso gut und Nationalgefühl, hahahaha, keine Ahnung was das sein soll – aber mit Europa-Pass natürlich sofort alles gut – moment, heisst das, dass dann für Stokowski offiziell die Griechen klasse aber dann jetzt die Chinesen Sauhunde wären oder was?
Ach so, nee, also Weltpass wäre schon noch superer usw.usf., gähn, schnarch, so kriecht der Talk unendlich langsam im Neospießerjargongesprächssumpf seinem Ende zu.

Gutes Essen – und sonst nix.

Das New Arirang in der Warschauer Strasse ist mein Lieblingskoreaner und mein zweitliebster Asiate überhaupt in Berlin. Und nicht trotz des Ambientes, sondern WEGEN desselben!
Ein besseres Anti-LeuteDieIrgendwasMitStartUpsMachen-Mittel als eine kalte Schlachtereibeleuchtung, dreckige, bratfettlaminierte Möbel und laut palavernde, dickliche und pickelgesichtige Koreaner, die NICHT aus der Mode-, Design- oder Sonstwiekreativ-Ecke kommen, gibt es nicht!
Hurra!
Beim hippen Koreaner in Mitte dagegen zahlen die dummen Menschen, die dahin gehen, ziemlich genau das Doppelte. Dafür würde das Ambiente bessere Selfie’s für Instagram hergeben aber natürlich machen die Menschen keine Selfie’s da. Sowieso nirgendwo mehr. Sowieso noch nie gemacht.
Es ist wie mit den Kneipen in Berlin: Überall da, wo man schon an der Einrichtung sieht, dass sich einer dabei was anderes gedacht hat als „Tische und Stühle brauchen wir ja nun mal“, heisst’s nichts wie weg.

Der Zug der Liebe

In Berlin veranstaltet heute der „Zug der Liebe e.V.“ eine Demonstration für – Moment – „mehr Liebe und soziale Gerechtigkeit“. „Lautstark“, wie vermerkt wird. Kann ich bestätigen, ich hab die Fenster auf und der Bummsbeat zaubert schöne seismische Wellen in mein Weinglas. „2017 geht es für die Presse- und Meinungsfreiheit auf die Strasse“, steht auf der zugehörigen Website.
Weiter: „…denn das Thema ist hochrelevant seit all den Putins, Erdogans und Trumps. Aber auch wir prügeln uns auf Facebook verbal die Köpfe ein, Populisten bestimmen die News, Identitäre klettern auf unser Tor. Blockieren hat das Miteinander reden abgelöst. Medien aller Art, ob nun Magazine, Zeitungen oder Fernsehsender und ihre Vertreter werden diffamiert und sogar körperlich angegriffen. Dazu kommt, das (sic!) die Pressefreiheit, durch mangelnde Transparenz oder Verweigerung von Zugang bei politischen Veranstaltungen, beschnitten wird. Der absurde Vorwurf, (sic!) von (sic!) einer gelenkten Lügenpresse hat online eine gefährliche Filterblase geschaffen, in der rationale Diskussion nur noch als Täuschungsmanöver diskreditiert wird.
Auf der Straße zeigen wir, wo echte Mehrheiten sind.
UND wir werden auch 2017 wieder zeigen, dass diese Stadt voller netter Menschen ist, die keinen Bock auf diesen Mist haben.“

Reality check: Einige Hundertschaften von augenscheinlich nicht nur aussen befeuchteten (es ist schließlich Regenzeit in Berlin dieses Wochenende) Jung-Twens torkeltanzen die Stralauer Allee entlang, vermutlich nicht nur total voll von Liebe. Liebestoll und blasenvoll sprühen sie ihre harnsauren Liebesbotschaften wie Hündchen, die ihr Revier markieren auch an die im Weg stehenden Strassenecken. Gerade zieht der Wagen „Save the Lake Atitlan“ vorbei, dessen Betreiber sich mit der Verschmutzung des gleichnamigen Sees in Guatemala nicht abfinden wollen. Immerhin: Guatemala ist weit und eine Verunreinigung des geschundenen Sees ist aus dieser Entfernung auch durch Wildpinkler nicht zu befürchten.
Für soziale Gerechtigkeit sorgt augenscheinlich schon das flächendeckende Stehenlassen von Bierflaschen, ökosystemisch wird das weggeräumt von Bewohnerschichten, die temporär noch in prekäreren Finanzverhältnissen leben müssen und die, Putzerfischen gleich, konkreten und unmittelbaren Nutzen aus der Veranstaltung ziehen. Hintan die fleißigen Räumwagen der BSR und schon gegen 20:45 Uhr fällt der Rudolfkiez wieder in unruhige Vornachtruhe.

Der unbescholtene Bürger

Günther Anders hat darauf hingewiesen:
Das Instrument zur Überwachung ist schon seine Benutzung.
Ein Bankvorstand erzählte mir lachend bei einer Abendveranstaltung, dass er jetzt am Telefon einige Worte nicht mehr sagt. Bombe oder so. (Lacht) Natürlich sei er als Vorstand sowieso extrem vorsichtig. Natürlich würde er auch sonst nicht irgendwelche Dinge machen, die nicht sauber sind, also jetzt unabhängig vom Posten schon und so aber (lacht) man wird eben trotzdem noch vorsichtoger um gar nicht erst in Verdacht zu kommen (lacht) also ich meine in Aufmerksamkeit und so. (Lacht)

Anders hatte Recht. Und umso mehr als offensichtlich selbst nicht alle Bankvorstände es verstehen.
Die Möglichkeit der Überwachung ist schon totalitär. Denn es verändert das Verhalten.

Pfingsten II

Bevor Du auf zum Himmel fährst,
o Bucklige,
hat Gott Dir erst den Rücken noch gekrümmt.
Du sollst – so scheints – den Dreck zu Deinen Füßen sehen
und nicht den Zug der Wolken weiss vor blau.
Siehst aus als trügst Du Christus‘ Kreuz
und trägst doch nur die eigne Last.
Gebeugt doch nicht gebrochen auch Dein Wille –
Beharrung ist er, strebt nach nirgends.
Ich hab auf Sand gebaut und Du auf Fels,
das Wasser, das ihn langsam höhlt, hat mich längst fortgespült.

Pfingsten

Mein Vater wohnt jetzt in einem kleinen Zimmer
am Ende eines langen Ganges.
Auf dem Weg dorthin viele andere Zimmer
voll übler Gerüche.
Ein mächtiger Protest: Ich stinke, jetzt und in der Stunde meines Todes.
Ich werde gehen
aber meinen Geruch werdet Ihr nicht los.
Wenn ich die Tür zum Zimmer meines Vaters erreiche,
haben Schuld und Scham mich so klein gemacht
wie ihn.
Er sitzt auf dem Bett und schaut mich an.
Der Vater, der Sohn
und der Heilige Geist
fehlt.
Seine Augen sind immer noch so schön.
Wasserblau der Blick, voll
Glaube und Liebe,
hoffnungsleer.
Wir wollen heim.

Locked in LinkedIn

Aufkommender Verdacht nach zwei Wochen reaktivierter LinkedIn-Nutzung: so viel, wie da geteilt und geliked wird, wird nicht gelesen.
Eher: Ist der Teilende ein guter Freund oder Einer, von dem ich mir beruflichen Nutzen verspreche (= liked er viel von mir oder will ich was von ihm), dann find ich das gut und empfehl ich das weiter – nachdem ich ungefähr soviel wie die Überschrift von dem Artikel gelesen hab.

Mal ernsthaft: Wieviele Artikel (und das sind ja FACHartikel, keine Bummsnachrichten) kann der berufstätige LinkedIn-Nutzer denn so pro Tag durchlesen und verstehen, bevor der Chef ihn anpfeift, er solle gefälligst arbeiten, statt die Zeit zu vertrödeln mit dem Lesen von – äh – Bummsnachrichten:

Chef: „Aufhören, Bummsnachrichten zu lesen und gefälligst arbeiten!“
Der Digital Strategist (Selbstverliehene Berufsbezeichung desjenigen in internetfernen Unternehmen, dem man alle blödsinnigen Anfragen, in denen das Wort „Digitalisierung“ vorkommt, weiterleiten darf) antwortet daraufhin dem Chef: „Das IST meine Arbeit, wir müssen als Unternehmen jederzeit auf der Höhe des Wissens über, naja, alles mögliche, bleiben. Dazu muss ich lesen und wir müssen auch posten da.“
Chef: „Was müssen wir?“
Digital Strategist: „Unsere Strategie zum Thema Digitalisierung in den sozialen Medien darstellen beispielsweise“.
Chef: „Versteh ich Sie richtig? Sie machen unsere Strategien im Internet publik?“
Digital Strategist: „Ist doch guter Content. Wir leben in Zeiten einer shared economy. Herrschaftswissen gibts nicht mehr und das Expertentum erodiert sowieso.“
Chef . „Was?“
Digital Strategist: „Die digitale Transformation bedeutet viel. Da gehts um die total customer obsession als Ansatz“
Chef (kopfschüttelnd von der Bühne, dabei murmelnd): „Bummsnachrichten. Bummsnachrichten.“

Naheliegender Schluß: Der Counter zählt und nicht der Inhalt. Content hat den Bedeutungsteil „Inhalt/Sinn“ verloren, es steht nur noch für Text bzw. Anzahl von Textkopien. Und zwar für Text, der bitte in einskommafünf bis maximal drei Worten eine Marketingwirkung zu erzielen hat. Entweder Selbst- oder Unternehmensmarketing.
Ich empfehle ein uraltes Buch dazu:
oedagF

Johannes Kühn

Johannes Kühn

Kann der Kühn ja nix dafür, dass der Maas den gut findet. Findet der eben mal was Gutes gut. Ist doch gut.
Sind aber auch die schönsten Gedichte, die ich seit langem gelesen habe. Still und wortgewandt, melancholisch und einsam, traurig und erhebend.
Gefunden in Tabu 1 von Rühmkorf, lesen!

Ministerin Schwesig auf Mission

„Es ist legitim und notwendig, dass Politik die Menschen emotional berührt.“
Ministerin Schwesig heute im SPON Interview.
Deinhoff sagt: Verzeihung aber dieser Satz ist peinlicher Politikerjargon und sprachlich so versemmelt wie inhaltlich banal.
Frau Schwesig scheint ihre Wähler tatsächlich dort zu suchen, wo nur SOUND zählt und dieser SOUND irgendwie nach Gerechtigkeit, Antidiskriminierung und Empathie klingt. Überprüfung des tatsächlich Gesagten auf Klarheit, Einfachheit und inhaltliche Relevanz scheint sie jedenfalls nicht zu fürchten.
Apropos Empathie: Die Ministerin stellt etwas weiter unten im Interview fest, dass in der Politik Fakten nicht ausreichten und es – na klar – Empathie brauche. Abgesehen davon, dass ich den Unterschied zwischen Empathie und Mitleid nicht sehe: Wie soll ich das verstehen, dass Politiker Empathie brauchen? Mal auf andere Berufsfelder übertragen würde es bedeuten, dass eine Onkologin mich nicht eindeutig, sachlich und verständlich über meinen Stadium IV Krebs informieren, sondern sich in meine Situation hineinfühlend und meine Gefühle auf nachempfindende Weise verstehend äußern sollte? Wie würde sie das können, sie kennt mich nur oberflächlich und beruflich und zudem hätte sie meinen Krebs ja nicht, sondern ich hätte ihn. Ich würde mir heftigst verbitten, dass so eine Fremde sich in solch durchschaubarer Absicht an mich ranschmeisst oder – noch schlimmer – in echte Mitleidstränen ausbricht.

Und als Politiker? Ich stelle mir Manuela Schwesig vor, wie sie am Bettler in Berlin vorbeigeht, empathisch und damit mitleidig ist und dann reagiert wie man eben reagiert, wenn man Mitleid hat: Sie gibt ihm einen Euro.
Dann erinnert sie sich daran, dass sie Politikerin ist, also gesellschaftlich flächendeckend mitleidig zu sein hat, geht zurück in Ihr Regierungsbüro und dekretiert, man möge in ganz Deutschland die Anzahl der Suppenküchen verdreifachen.
Wenn es das ist, was wir bekommen, wenn wir mehr empathische Politiker haben, dann kann ich darauf verzichten. Empathie ist gut gemeint – aber gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht, lautet ein weiser Spruch.

Zum Thema empfehle ich Paul Bloom: Against Empathy. The Case for Rational Compassion.

Eingeladen

Mir zu Ehren und zum Frühstück von der Mutter des Freundes zubereitet: Ameiseneiersalat.
Da kann man nicht Nein Danke sagen.
Am Ende dann überraschend schmackhaft!

Nachgeschenkt

Nachgeschenkt

Reisen in ferne Länder Südostasiens bieten eine der letzten Möglichkeiten, das untergegangene präfeministische Sozialsystem zu erleben. Junge Frauen arbeiten als Nachschenkerinnen in Restaurants und Bars und ihre einzige Aufgabe ist es, in knappen und enganliegenden Kleidchen – oft mit Aufdruck des jeweiligen Biermarkenlogos – dafür zu sorgen, dass Dein Bierglas immer voll bleibt. Sie kommen spätestens nach dem dritten Schluck, was das Ganze zu einer Turboversion des Kölschen Bierdeckelabdecksystems macht, nur ohne Köbes. Für einen lediglich am Biertrinken interessierten Gast wirkt das irritierend, ein In-Ruhe-trinken wird verunmöglicht und selbst einem dem Feminismus in weiten Teilen eher zurückhaltend gegenüberstehenden Menschen wie mir kommt dieser Service machohaft-sexistisch und damit insgesamt selten dämlich vor.

Digitalisierungsstörung

Die Kassiererin, die Du nach einem Geschäft/einer Sehenswürdigkeit/einem Ort gefragt hast und die dann ihren Platz verlässt und Dir hinterher läuft, weil Du trotz ihrer Auskunft in die falsche Richtung gegangen bist.
Eine Funktion, die self scanning Kassen nicht haben können.

#munich

Twitter gestern abend: das ist, als ob man sich auf den Marktplatz stellt, mitten in die Gruppe mit den dümmsten Gesichtsausdrücken und gleichzeitig den größten Mäulern.
Die Rechten, die Linken. Die Pubertierenden und die Egozentriker, die verärgert sind, dass sie nicht Zentrum der Aufmerksamkeit sind. Dazu die Blümchennaiven, die Klagerufe über die Schlechtigkeit der Menschen ausstoßen.
Ausgeschaltet.

Michael Klonovski: Lebens-Werte

Deinhoff sagt: So ein Unsinn, Herr Klonovski, Ihr Loblied auf den Anzug:
„Früher, erzählte ihm (Joachim Fest, der Verf.) dieser (ein Hotelchef in Taormina, der Verf.) seien die Gäste im Smoking zum Dinner erschienen, in ihrem Auftreten sei alles Konvention gewesen, und die Besonderheit habe sich in den Gedanken und der Phantasie gezeigt. Heute gebe es die Verbindung von Regel im Äußeren und Unverwechselbarkeit im Wesen nicht mehr: »Die Dinge haben sich umgekehrt. Einer ist wie der andere. Aber zum Essen erscheint jeder im grotesken ›Relax‹. Das ist die ganze Individualität.«“.

Heute ist – und das wissen Sie genau – der Anzug (und nicht mehr die Jeans) ein Zeichen von Unkonventionalität. Und das Einstecktuch von Mosebach natürlich auch. Er und Sie müssten sich also zu Jeans und TShirt bekennen, um nicht durchs Äusserliche aufzufallen und also durch „Gedanken und Phantasie“ besonderen Eindruck machen zu können.

Gibt aber auch gute Geschichten in dem Büchlein, die über Wein und High Heels haben mir gefallen. Dass der Author inzwischen Frau Petry beisitzt, ist mir bei der Beurteilung der Geschichten völlig schnuppe.

Über den Unterschied zwischen Moral und Politik

„Wenn Sie meinen, die Suppenküchen könnten das Elend beseitigen, die Arbeitslosigkeit und die Ausgrenzung, steht für mich fest, dass Sie sich etwas vormachen. Wenn Sie meinen, humanitäre Aktionen könnten die Außenpolitik ersetzen und Antirassismus die Einwanderungspolitik, so bin ich gleichfalls überzeugt, dass Sie sich etwas vormachen. Moral und Politik sind zweierlei, sie sind beide notwendig, lassen sich aber nicht miteinander vermischen, ohne dass man aufs Spiel setzt, was beider Wesen ausmacht.“
Aus: André Comte-Sponville, Kann Kapitalismus moralisch sein?, Diogenes 2011, Kindle Edition (wie zitiert man eigentlich Seitenzahlen in Kindle Editionen?).

Ein schönes Buch, noch schöner aber sein Klassiker „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“. Über die Tugenden hat noch nie jemand treffender, leidenschaftlicher, anregender geschrieben als Comte-Sponville.

Schöner wohnen in der klassischen Moderne

Rechte Winkel und gedeckte Farben in Wohnungen, in denen die Einrichtung das Wichtigste ist und der Bewohner nur Dekoration.
Dekorierende Personen müssen schön sein und sich schön bewegen, Stilvolles tun und sagen.
Dann hat der einrichtungsverantwortliche Mensch das Gefühl, mit dem Partner eine gute Wahl getroffen zu haben, weil er so gut zur Wohnung passt.
Er darf allerdings mit Turnzeug nicht durchs Wohnzimmer laufen.

Ron Sexsmith in Erlangen

Ron Sexsmith in Erlangen

Also da ist dieser alte Sack, der aussieht wie ein Schuljunge und auch so ins Publikum winkt, der schwingt sich seine Gitarre um und spielt anderthalb Stunden lang solo auf der Westerngitarre ein geiles Beatlesstück nach dem andern und dann ist es gar nicht von den Beatles sondern die sind alle von ihm und man fasst es nicht, man fasst es einfach nicht, wie unglaublich toll das ist und man fasst es auch nicht, dass der vor 100 Leuten in Erlangen spielt und nicht für 50.000 Leute im Olympiastadion.

 

Kontingenz

Deinhoff sagt:
Der Kausalitätswahn wird immer schlimmer:
„Johan Cruyff hat Lungenkrebs“
„Hat der geraucht?“
„Ja“
„Na dann“.
Es gibt eine Wahrscheinlichkeit, dass er wegen des Rauchens Krebs bekommen hat. Aber eine Gewissheit gibt es nicht. Ist das überhaupt noch jemandem klar? Mindestens 10% der Lungenkrebskranken haben nie geraucht. Schlingensief zum Beispiel. Schon vergessen?
Aber in Zeiten von Big Data und Big Säkularisierung wird man als Wahnsinniger bezeichnet, wenn man Pech, Schicksal, Fügung, Gnade als mögliche Begründungen für Erkrankung oder Gesundung anführt.

fdp dasdingrocken

Gestern Abend kurz überlegt, dem katholischen Flügel der fdp beizutreten – wegen Netzpolitikhilflosigkeit der Regierung und der Parlamentarier und wegen des Freiheitsdings – dann grad die gemeine, tolle Einleitung von Moritz von Uslar zu seinem Interview mit Katja Suding gelesen – und mich für gestern Abend geschämt. Niemals. Niemals. Niemals! Oder mit MvU: „Das ist schon ganz, ganz, ganz entsetzlich.“

Miu Miu

Deinhoff sagt: Die Ossifizierung Deutschlands und die Fundamentalisierung des Rests der Welt haben dazu geführt, dass die Verteidigung der Freiheit ungefähr so populär geworden ist wie Investmentbanking.
Scheiß auf die Aufklärung. Wenn 22-jährige Models auf einem Foto in Gehirnen von Irgendwem für Kinder gehalten werden und das Setting erotisch verstanden werden könnte, dann muss das reichen für ein Bilderverbot. Warum? Tja, gute Frage. Die Antwort, Moment, ich les grad nach, ahja, die Antwort ist bzw. scheint zu sein, so klar wird das nicht, dass das sexuellen Missbrauch fördert. Indirekt. Also, ein Mensch guckt sich das an, dann wird er dadurch erotisiert und läuft zur nächsten Schule, um Mittelstuflern aufzulauern. Vielleicht passiert das, vielleicht auch nicht, ist auch egal, aber die Möglichkeit dass das passiert, ist ja auf jeden Fall gegeben, also weg mit solchen Bildern, die geeignet sind, Missbrauchsfantasien zu erzeugen.
Das ist so schräg,dass ich lieber gar nicht daran denke, was man mit solch einer Argumentation noch alles verbieten lassen könnte.
Wenn sowas Schule macht, dann sind wir bald nicht mehr weit entfernt von der Burkapflicht für alle Frauen bis 35.

Keine Kinder

Deinhoff sagt: Ich habe keine Kinder. Ich hätte Angst davor, in der Erziehung zu versagen und dann wachsen da vernachlässigte Nachkommen heran, die naturlich falsche Entscheidungen treffen. Sie wissen es ja nicht besser! Sie geraten womöglich an falsche Freunde aus dem falschen Millieu und dann ist es passiert und sie machen Abschlüsse in Jura oder BWL und machen Karriere in der Wirtschaft. Wie ich mich da schämen wuerde als Elternteil!

Das Maas ist voll. Maaslos.

Deinhoff sagt: Früher war die Verbraucherschutzministerin für populistische Schwachsinnsentscheidungen zuständig,
jetzt ist es der Justizminister mit seinen vollkommen irren Äusserungen zur Googlezerschlagung und dem Gesetz gegen Nacktfotografie.

Liberalismus und Donald Sterling

Donald Sterling ist der Eigentümer der Los Angeles Clippers, eines mäßig erfolgreichen Basketballvereins der NBA.
Er ist 80 und Milliardär.
Seine Freundin ist Mitte 30.
Und die hat eine – so schreibt die Presse- private Unterhaltung unter vier Augen mitgeschnitten. Ohne sein Wissen.
Er macht dort rassistische Äußerungen.
Der Mitschnitt wurde auf TMZ veröffentlicht.

Der NBA Comissioner Adam Silver verhängte daraufhin:
1.) Eine Rekordstrafe für D.S.: 2,5 Mio Dollar.
2.) Eine lebenslange Sperre, d.h., D.S. darf nie wieder NBA Spiele besuchen
3.) Er wird zum Verkauf der Clippers „gedrängt“.

Ok, er ist Rassist, hab ich verstanden. Ein Großarsch. Soweit, so mies. Aber:

Fingerheb:

Eine private Unterhaltung unter 4 Augen. Mitgeschnitten ohne sein Wissen. Keine öffentliche Meinungsäußerung. Und dann DIESE Sanktionen.

Sind denn alle verrückt geworden?

Was, wenn er einfach nur vor sich hin murmelnd seine Gedanken geäußert hätte? Mach ich auch manchmal. Kaum ein Unterschied. Ich dachte, die Gedanken sind frei!

Adam Silver hat sich sicher beraten lassen: Wenn Du da nicht drakonisch reagierst, wirst Du selbst als Rassistendulder in Bedrängnis kommen.

Donald Sterling hat sich sicher beraten lassen: Klar ist das rechtswidrig. Aber wenn Du jetzt ein großes Faß aufmachst, stehst Du noch mehr in den Schlagzeilen und das willst Du nicht.

Ich könnte kotzen. Das ist das Ende der Freiheit, nichts weniger als das.
Political correctness ist ein zu schwacher Begriff für diese Katastrophe. Wenn mir ein besserer einfällt, schreib ich ihn hier hin.
Wenn die Moral als politischer Gradmesser endgültig gesiegt hat, dann kommt der Nazi-Blockwart wieder.
Prima Sache.
Ich aber hau ab hier.

Milk Carton Kids Berlin 8.2.2014

Früher konnte man Konzertkarten ja noch aufheben und im Schuhkarton sammeln.
Heute, naja:

300 Leute im Saalbau Neukölln, bestuhlt. Vorne zwei junge Männer im Anzug auf der Bühne, 2 Westerngitarren, 1 Mikro, sonst nichts.
Dutzende zu Herzen gehende Melodien und Texte,
2 herausragende Gitarristen,
2 tolle Sänger und
2 erstklassige Entertainer.
Trotzdem nur 2 auf der Bühne, alles in allem.

„Its funny,everytime we play in Berlin, they have a disco ball on the ceiling.“
„Yes, just in case….“

Andreas Dorau in Berlin zum 50.

..war toll. einer der zahlreichen Höhepunkte war der Auftritt von zwei Original-Marinas in (auf das aktuelle Alter geweitete) Originalkostümen, die textlich den Refrain von Fred vom Jupiter abwandelten in „Andre-asDorau-ist-ne-cooleSau“.

Leider nur ein Mistfoto bei rausgekommen. Seis drum.

Empfehlungen für Berlin: Garantiert hipsterfrei

Empfehlungen für Berlin: Garantiert hipsterfrei

Ostbahnhof Berlin. Man kann konnte kann (jetzt wieder nach dem Umbau) morgens um 7 ein belegtes Brötchen im Ostbahnhof kaufen. Für ungefähr 3,00 €.
Viel besser schmeckts aber hinter dem Ostbahnhof, für 75 Cent mit Käse oder Salami oder Ei belegt. Frische, knusprige Brötchen, keine labbrige Weichscheiße.

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Und dann der Schneider. Wenn man was zum Nähen hat, zum Beispiel wie ich eine schlechte, aufgegangene Naht an einem hochpreisigen Schickimickimantel, dann macht er es. Sofort, in einer Minute. Und dann sagt er auf die Frage, was es kostet, gib mir irgendwas Kleines. 2 Euro? ok. Natürlich hat er gesehen, was das für eine Marke war. Teurer Mantel. Aha. Kunde hat Geld. Trotzdem. Er hat seine Preise und fertig. Lange wirds das nicht mehr geben.

 

Friedhof Grunewald-Forst

Friedhof Grunewald-Forst

1879 wurde dieser Friedhof angelegt, weil in der Nähe – an einer Biegung der Havel – immer wieder Leichen von Selbstmördern angeschwemmt worden sind. Daher der Volksmundname „Selbstmörderfriedhof“.
Inzwischen längst auch für Andersgestorbene genutzt, liegt dieser Friedhof wirklich abgelegen mitten im Grunewaldforst, man muss eine Viertelstunde auf einem Waldweg zu Fuß hinlaufen, anders kommt man nicht hin.

Dort liegen jetzt besuchbar: Bekannte und Unbekannte.

Erziehungsverdächtige Teil IV (hier allerdings einfach nur Blödheit)

House of Cards Season 1 Episode 1:
„Dieses Jahr werde ich meine ultimative Frisbee Liga verpassen.“
(Michael Kern)
Dumm, dass die Übersetzer nicht wissen, dass „Ultimate Frisbee“ die Bezeichnung für eine Teamvariante im Frisbeesport ist. Noch dümmer, dass der strinrunzelnmachende Übersetzungsversuch keinem Verantwortlichen des beauftragten Synchronstudios vor der Veröffentlichung aufgefallen ist.
Kein Fall von Erziehung also, nur Dummheit.

Uplifting british postpunk pop of the 80’s – and the road to funk/disco

Bluebells – Young at Heart
Pale Fountains – Thank you (Longshot for Your Love (June 1998) Marina, only available authentic nonlive Youtube video in Germany) and the official video (much better version, use a proxy)
The Associates – Waiting for the Loveboat
Aztec Camera – Still on Fire
Lotus Eaters – The first Picture of You
China Crisis – Bigger the Punch I’m feeling
Kane Gang – The Closest Thing to Heaven
Orange Juice – I can’t help myself
The bridge to Black British Funk of the 80’s:
Mercy Mercy – What are we gonna do about it
I-Level – Give me

aaaand the US benchmark from the 70’s:
Curtis Mayfield – Move on up
In the 80’s:
Odyssey – Inside out is
slipping into disco: Native New Yorker

Chancha Via Circuito Pintar el Sol

Chancha Via Circuito Pintar el Sol

Chancha Via Circuito kommt aus Buenos Aires und mischt uns völlig unbekannte traditionelle Rhythmen und Folkgesänge aus Südamerika mit elektronischer Musik zu einer hypnotischen Melange.
Das muss man hören, am besten laut.

Noch ein Beispiel (besser verdaulich).
Also fürs Fremdartigfühlen gibts momentan nix besseres. Das beamt mich an den Amazonas. Und jetzt sag keiner, der fließt nicht durch Argentinien. Chancha ist musikalisch nach Nordsüdamerika gewandert. Also passt das.

I only pray at Night – John Fullbright

Sonntag mittag 12 Uhr. National Public Radio sendet A Prairie Home Companion. Das schalte ich immer ein. Zurück zu den Waltons. Dampfende Kartoffeln auf dem Tisch und Männer in Latzhosen, zurück von der Arbeit auf den Feldern oder am Auto. Später mehr zu dieser sagenhaft einzigartigen Sendung.
Letzten Sonntag war da John Fullbright zu Gast. Anfang 20 und der beste Americana Singer Songwriter unter der Sonne zur Zeit.
I only pray at Night erinnert mich an den frühen Billy Joel. Jericho ist ein instant americana classic.
Kaufen.

Prog Rock

Vorausblick: Die ersten Tage nach dem Ende des Glücklichseins sind schlimm.
Aber das hier ist ein schönes Lied.
Ein Begleiter für die schlechten Zeiten. Hoffentlich kommen sie nie wieder.
So schnell.
Prog-Rock. Ist in etwa so beliebt wie Jam-Rock. Und zu beiden gehören diese gefürchteten 9-Minuten-Stücke.

Dave Matthews Band Away from the World

Die eigenen Freunde von DMB zu überzeugen, das bedeutet langes Leiden. Aber ich bin missionarisch veranlagt. Ich kann nicht davon lassen. Ich WILL, dass meine Freunde die Musik, die ich mag, auch gut finden.

Aber das ist eine Herkulesaufgabe. Auch für die Kandidaten. Das geht nämlich nur, wenn einer Monate aufwendet, um sich auf den Versuch einzulassen.
Monate. Nicht Wochen.
Erste Reaktionen, wenn ich zum Beispiel „Snow outside“ aus dem neuen Album vorspiele:

„Was ist das? Soundcheck? Wo ist der Song?“
„Das ist Krautrockscheisse!“ (sic!)
„Bist Du krank? Das ist ja Pink Floyd Mist oder Genesis ganz früh.“ (Immerhin)
„Jam Rock? Hast Du was geraucht?“
„Ich muss jetzt gehen. Das ist, als ob ich meinem Vater zuhöre, wenn der mal Platten vorspielt zuhaus. Nein, meinem Großvater!“
„Das ist keine Musik. Das macht mich nur nervös.“
„Wie kann man DAS mögen und gleichzeitig Country?“

Das ist Anti-Pop.
Aber das ist verdammt noch mal die Musik, die Erwachsene AUCH hören müssten,
wenn sie mal aufhörten, so zu tun, als seien sie Teenies.
Es ist okay, Die Orsons und Cro zu hören (Monika, Monika, Mooonika); aber ernsthaft Musik zu lieben, das bedeutet eben mehr als auf den Lacher beim Text zu warten und ansonsten zu Abwaschmusik mit den Fingern zu schnippen.
Solange man weiß, dass das nur Abwaschmusik ist, ok. Jeder wäscht ab. Dazu passt das.
Und wenn man verliebt ist, dann ist R’n’B auch gut. Und wenn man weinen will und sentimental sein will, ist Country gut. Einverstanden.
Und wenn man verkündet, dass „Overkill“ von Motörhead „geil“ sei. Mit einem „Hehe“ hinterher. Dann ist das auch ok.
Aber wenn man nur Eindruck machen will damit und wenn Blumentopfschmeißen Eindruck macht, würde man das auch gut finden.
Wenn es nicht um Musik geht, ist es ok, Musikimitationen zu hören. Es gibt gute Countrymusik und Scheißcountry. Guten Pop und Lana del Rey Analogkäse.
Wer Musik liebt, für den kann die Abwaschmusikseite nicht genug sein. Wenn es um Musik geht.
Und DMB ist NUR die andere Seite. Das braucht Zeit. Durchhören, 58 Minuten mal drei. Dann reden wir nochmal.
Einstieg: If only.

Nachtrag zu Profil

Die Krupps darf man in diesem Zusammenhang (äh, Profil) nicht vergessen. Aber eben rammsteinig.
Rechte Ecke Feeling. Damals gut, weil da gings nur um den Beat, Text bescheuert. Heute im Rückblick natürlich insgesamt Scheiße. Trotzdem hier nochmal ein Ausschnitt.

Zu Unrecht vergessen: Profil „Berühren“.

Wie Kid P. sagte: Nicht wegen des Textes („…und der Melodie“? Hier verlässt mich meine Erinnerung), nur wegen der Stimmung. Das war aber eine Rezension von „Old“. Dexys Midnight Runners.
Ich möchte hinzufügen: Auch der Titel ist Scheiße.

So ein vollelektronischer Beat war 1981 aber -jenseits von Kraftwerk- noch eine seltene Sache. Aus England kam das. Im deutschsprachigen Raum war das ganz neu. Und dann ging man zur Party und legte das auf und dann gings aber sowas von ab. Auf Youtube.

Imany – You will never know

Fast eineinhalb Jahre gibts dieses Lied schon. Und erst heute morgen auf einer geschenkten CD entdeckt und sofort geliebt. Wenn man Imany sieht, denkt man sofort „Klar, schöne dunkle Frau, wird also so ein R’n’B Ding aus den USA oder Mannheim oder London sein“.
Die Stimme erinnert mich ein wenig an Dawn Penn. Nicht immer ganz sauber aber das mag ich. Die Muttersprache ist Französisch, sie singt aber auf Englisch, mit ein bisschen Akzent.
Und die Musik ist folkig, bluesig, swingt hier und da ins Jazzige und ist nun gar nicht R’n’B.
Meistens spärlich bis sehr spärlich arrangiert.
Alles toll. Das ganze Album „Shape of a broken Heart“. Und warum „You will never know“ kein Riesenhit geworden ist, versteh ich nicht. Hab ich auch schon bei Jonathan Jeremiah nicht verstanden.
Ach ja. Orfeu negro als Zitat überall. Das kommt dazu.

Kevin Rowland

Sehr wenig kann man über Kevin Rowland erfahren bei Wikipedia. Noch nicht mal aktualisiert ist der Eintrag, obwohl jetzt die tolle neue CD von Dexys draußen ist. Nach 27 (!) Jahren.
Er ist mir letztes Wochenende über den Weg gelaufen, im Londoner East End. Da war er plötzlich und ich viel zu geschockt und zu feige, ihm zu sagen, dass ich seit einer Woche seine neue Platte rauf und runter höre wie ein Zwanzigjähriger. 58 Jahre isser jetzt. Aber er hat Stil und vor allem presst er seine Seele aus auf dem neuen, großartigen Album.
Nach 4 Minuten des ersten Stücks ist es soweit. Kevin Rowland jodelt/jubelt sich in bekannte Höhen und die Geigen jubeln auch.
Das Highlight ist zuerst „I am always going to love you„, wo er zu erstklassig abgekupfertem Tschakatschaka Discorhythmusgitarrensprenkseln á la Real Thing eine Liebeserklärung an eine Frau rübersoult, bis er auf einmal innehält und zugibt – „to be completely honest“ – dass er sich doch umentscheidet und es beenden will.
Und dann „Free“. Den Text kann man herausschreien, die Geigen auch nachsingen mit Bap-Bap-Ba-Bap-Ba-ba-ba-ba-ba-Bap-Bap-Bap-ba-Bap. Und dann ist nur noch Freude.
Kaufen.

Beschneidungsurteil: Mütze/Glatze-Spass für alle

Was für ein dummes Urteil. Es geht doch nicht um Vaginalverstümmelung mit einer rostigen Rasierklinge in Afrika.
Und worin die „gravierende lebenslange Einschränkung„, besteht, die Georg Ehrmann, der Vorsitzende des deutschen Kinderbundes, als Ergebnis einer Beschneidung sieht, ist mir schleierhaft. Vielleicht darin, dass der Bub nicht mehr Mütze Glatze spielen kann?

Gewichtig und richtig:
Die Haltung von Robert Spaemann (der von einem „beispiellosen Angriff auf die Identität jüdischer Familien“ spricht) dazu.

Die Zeit vom 5.7.2012, leider nicht online.

Die Chance der Piratenpartei

Die Piraten haben eine Riesenchance, die sie nicht verspielen dürfen:
Echten Liberalismus zu vertreten. Und das bedeutet auch, Liberalimus als Einstellung und Wert neu(erlich) zu definieren, in Abgrenzung zu der Definiton, die die F.D.P. momentan in absurdem Alleinvertretungsanspruch vertritt.
Liberalismus ist nicht Wirtschaftsliberalismus und er ist nicht links oder rechts. Genau das versuchen die Etablierten momentan, mit der Piratenpartei zu machen: sie in das eine oder andere Lager abzuschieben, hineinzudefinieren. Denn das ist Voraussetzung für alle Parteien im Bundestag, die Auseinandersetzung aufzunehmen.
Das darf die Piratenpartei nicht mitmachen.
Echter, klassischer Liberalismus – wie nach Tocqueville- sagt: auch die eine Stimme, die gegen 99,99% sich stemmt, ist noch wertvoll und kann zu besseren Entscheidungen führen, wenn man sich wirklich mit ihr auseinandersetzt. Also lasst sie uns hören, OHNE dass Forderungen nach Sanktionen laut werden. Das ist heute nicht der Fall. Bestes Beispiel: Grass. Die Sanktion: Du darfst nicht die SPD im Wahlkampf unterstützen.
Das ist anti-liberal. Das ist gelebtes Meinungs- und Denkverbot und in diesem Sinne ist selbst die F.D.P. kein bisschen liberal. Noch ein Beispiel? Gern: die Schleckerfrauen. Die SPD und die Grünen, die Linke sowieso, versuchen, die Gegner einer Transfergesellschaft in die Ecke der kalten, herzlosen Wirtschaftsbosseunterstützer hineinzumanövrieren. Und damit in eine Ecke, die nicht mehr diskussions- und auseinandersetzungswürdig ist. Wo man erst ein Totschlagsargument dieser Form durchgebracht hat, muss man sich nicht mehr mit dem diskussionswürdigen Sachkern auseinandersetzen. Einfach. Durchschaubar.
Noch ein Beispiel? Ok. Der schweizerische Staatsanwalt, der gegen deutsche Finanzbeamte ermitteln will. „Ein ungeheurlicher Vorgang“ sagt Kraft. Oppermann schlägt, völlig durchgeknallt, die Finanzbeamten für das Verdienstkreuz der Bundesrepublik vor.
Die Schweiz in Sachen Demokratieverständnis von Deutschland aus zu kritisieren, ist lächerlich!
Das ist purer, antiliberaler Gestus, hervorgerufen durch Parteienfixierung auf Wählerstimmen, beeinflusst durch Volksmeinung. Aber eben antiliberal benutzt. Indem man Mehrheit ins Recht setzt, Andersdenkende niederzubrüllen und mit Totschlagsargumenten aus der Satisfaktionsfähigleit zu nehmen.
DAGEGEN muss die Piratenpartei kämpfen. Das gilt auch für den Umgang mit Rechtsradikalen. Wenn sich die Piraten von den Etablierten die Tabuzonen aufdrückem lassen, haben sie verloren und werden die Wähler sofort wieder verlieren. Die Ausgrenzungs- und Totschlagspolitik gegen Sarrazin zu verurteilen, heisst eben NICHT, seine Thesen zu unterstützen, sondern heisst, Liberalismus ist gut und zwingt, Sarrazins Thesen im Sinne von Tocqueville anzuhören und ohne Sanktionsandrohung zu diskutieren. Kritisch. Ausschlüsse sind dämlich, solange Gesetze nicht überschritten werden und solange nicht Parteilinien, die formuliert sind, klar übertreten werden. Wenn aber Parteilinie ist, solchen Stimmen NICHT mit Sanktionen zu begegnen, die letztendlich eine abweichende Äußerung zu einer Entscheidung, eine totale gesellschaftliche Isolation zu akzeptieren, machen, dann ist das etwas wirklich Neues, womit den etablierten, den Wählerstimmen hinterherhetzenden und aus Volkes Meinung Tabuzonen, die das Gegenteil dieser Meinung darstellen, herdefinierenden Parteien, ein notwendiger Gegenpart entgegenstellt wird. Ja, wenns um die Form geht, die die Wähler der Piraten kritisieren, dann zum Teufel, wären die Piraten ja blöd und wählernichternstnehmend , wenn sie sich davon weg ausschließlich zu einer Inhaltspartei herabwürdigen ließen.

Samstags nie

Wer erkennt das Problem, das da auf Herrn Brafman zukommt?

„Brafman betreut seine Mandanten von seiner Kanzlei im 26. Stock eines Wolkenkratzer auf Manhattans East Side aus. Er lebt aber in Cedarhurst, einem Dorf auf Long Island, das für seine orthodox-jüdische Gemeinde bekannt ist. Brafmans Sohn David ist Rabbi in Israel, sein Bruder Aaron leitet eine Jeschiwa in Queens. Brafman ist selbst praktizierender Jude, er arbeitet samstags nicht.

Die anderen Tage wird er brauchen, um seinen neuen Mandanten freizubekommen. Brafman dürfte noch vor dem nächsten Gerichtstermin am Samstag versuchen, einen neuen Kautionsantrag für Strauss-Kahn zu stellen. Auf Anfrage sagte Brafman dazu am Dienstag: „Kein weiterer Kommentar bis Freitag.““
(aus SPIEGEL online, 18.5.2011)

Style vs Guttenberg

„Ich bin Hamburger und ich sag Dir eins, Hamburg hat Style. Hamburg ist sogar die einzige Stadt Deutschlands, die Style hat. Deshalb ging das auch nicht mit Ahlhaus: hoffnungslos. Unmöglich. Kein Style weit und breit. Dagegen van Beust: Style. Nicht so wie Dohnanyi, der ist unerreicht. Aber doch: Style.
Übrigens: van Beust, von Dohnanyi. Wir haben nichts gegen van und zu’s. Guttenberg wär deshalb sogar grundsätzlich nicht unmöglich als Hamburger Bürgermeister. Nur sind da drei Dinge, weswegen es dann eben doch nicht geht:

Erstens, klar, die Herkunft: Franken gleich Bayern gleich Laptop und Lederhose, Maximillianstrassenschickimicki, Seehofer: Alles laut, grell, ohne Style. Motto: wir sind Provinz und auch noch stolz drauf. Geht nicht.  
Dann die Medien: Kameras küsst man nicht! Wie peinlich, diese Times Square Fotos. Und das dauernde übers Geländer springen. Nein. Man hat wie ein aufgeschrecktes nachtaktives Tier zu gucken, wenn ein Fotoapparat oder eine Kamera  auf einen hält. So wie Olaf Scholz. Selbst Ole hat immer auf das Mikro gestarrt als wärs eine eklige fette Made gewesen. So ist’s richtig: Verachtung gegenüber den Medien ist zu zeigen. Dezent.
Dann die Ehefrau: Wir Hamburger sind liberal. Heterosexuell, homosexuell, polygam: alles möglich und tolerabel, aber bitte: diskret muß es bleiben. Gilt insgesamt für die Partner und also auch für die Frauen. Bitte mal bei Loki Schmidt und Inge Jens zuhören bzw. nachlesen: Emanzipiert, kluger Ratgeber des Mannes, aber trotzdem in der Küche tätig. Organisieren, aber im Hintergrund, verstehen Sie? Hamburger Style. Aber Stephanie zG? So mediengeil wie blond. Treuherzig und überzeugt von der Sache? Kauf ich ihr nicht ab. Beiden nicht. 
Und dann am Ende: Smoke on the water. Das sagt alles: er hätte Connor Oberst wählen können. Etwas mit Uber-Style. Stattdessen die unterste und verstaubteste Schublade.
Das war’s. Wiedersehen.“

Hamburger auf der Demo

„Hi Sandy, Lilly hier, Du, kommst Du mit auf die Guttenberg-Demo?“
„Dafür oder dagegen?“
„Was?“
„Na ist das Pro oder Contra Guttenberg?“
„Weiß nich. Doch egal. Tommy geht hin.“
„Echt? Der is‘ so süß! Was ziehst’n Du an?“
„Tommy sagt, wir gehen so neokonservativ, mit Barbour und Burlingtonpullunder.“
„Ich hab ’ne Burlingtonstrumpfhose. Dann ist das also dagegen?“
„Ja, nee, weiß nicht, denk schon.“
„Jojo hat grad gesimst, der geht auch hin.“
„Deeer ist süß!“
„Aber er sagt, er geht FÜR Guttenberg.“
„Hm. Wo geht’n der hin zum Demonstrieren?“
„Gänsemarkt.“
„Na is‘ doch supi, wir auch, da könn‘ wir uns treffen alle!“
„Hast recht. Ich geh dann mit Jojo auf die Pro -Demo und meine Burlington is‘ dann halt nich ironisch gemeint. Oder doppelt ironisch. So Meta-Ebene eben. Hihi. Du, geh’n wir nachher dann ins Metropol?“
„Klar.“
„Dann nehm ich noch ne andere Strumpfhose mit, die Burlington is‘ zu warm da drin. Kannst Du mir bisschen Nagellack leihen, der graue is‘ mir ausgegangen.“
„Klar, komm vorbei, geb ich Dir.“
„Bis später, hihi, das wird super mit Jojo UND Tommy, kann’s gar nicht glauben.“

Low profile für Männer

Lächerlich 1: jetzt runde Brillen kaufen. Zu früh (2 Jahre etwa), zu durchsichtig, zu langweilig. Etwas für Gordon Gekko wanna-be Markus Koch von n-tv. Der hat natürlich eine.

Lächerlich 2: immer noch: Teure superlangweilige gutgeputzte Edelschuhe. Guttenbergsch. Klaedenesk. Siegelringkompatibel. Zur Zigarre. Am besten drauftreten, wenn man sie sieht.

Schlimme Dünne

Schlimm, diese Frauen, die erwarten, für ihre Abmagerung bewundert zu werden: „Gott, hast Du abgenommen“. „Ja, danke!“ „??!!“
Ich werde ab jetzt den Satz immer folgendermaßen ergänzen: „Gott hast Du abgenommen, Du siehst ja schrecklich aus“. 
Aber halt, dann denken die womöglich „Gut, dann sieht man eben, was das für ne Scheißquälerei war. Aber es hat sich ja offensichtlich gelohnt!“
Also besser: „Gott hast Du abgenommen, schrecklich, richtig ALT GEWORDEN siehst Du aus!“
Hm. Obwohl. Wieviele dieser Frauen dann wohl immer noch denken „Alt? Frechheit! Aber juhuu, ich sehe also dünn aus!“
Okay, der beste Kommentar ist also: „Mein Gott hast Du ZUGENOMMEN“.

Teddy Pendergrass tot

Da geht er hin, der Gottvater des Schlaf- und Badezimmersouls.

Unvergessen wegen folgender Strophen:

Let’s take a shower, shower together, yeah
I’ll wash your body and you’ll wash mine, yeah
Rub me down in some hot oils, baby, yeah
And I’ll do the same thing to you

…und das dann ungeduldig, variierend, crescendierend später nochmal:

Would you mind if I asked you to
Would you rub me down
Would you rub me down in some, in some burnin‘ hot oils, baby, yeah
I swear I can do the same thing, the same thing to you, baby

(aus „Turn off the Lights“)

Er könnte es wenigstens auf Lautlos stellen

Er könnte es wenigstens auf Lautlos stellen

Wenn eine ältere Dame über eine andere Person in dessen Hörweite in der dritten Person spricht, dann handelt es sich entweder um die Queen und den italienischen Ministerpräsidenten oder man sitzt im Ruhezonen-Großraumwagen eines ICE’s.
Man erkennt Ruhezonen an obigem Piktogramm.

Etwas verunglückt. Erinnert an Nasebohren. Beim Stöbern nach dem Bild bin ich über zwei Ecken auf das hier gestoßen (bitte danach zur Erklärung diesem Link folgen).
Tun das die japanischen Grundschüler wirklich? Muss man davon ausgehen, dass auch der japanische Ministerpräsident in seiner Jugend Kan-CHO’t wurde? Und haben die da drüben keine straffen Hosen aus festem Stoff?

Die ältere Dame saß neben mir auf der anderen Seite des Gangs als mein Handy klingelte. Es war auf volle Lautstärke gestellt. Das liegt daran, dass ich Angst habe, nachts einen wichtigen Anruf zu verpassen. Warum, das tut hier nichts zur Sache.
Es klingelte und meine Nachbarin direkt neben mir auf dem Fensterplatz erschütterte vor Schreck.
Sofort anschließend kam es zu folgendem Dialog zwischen der Dame auf der anderen Gangseite und mir:
Ältere Dame, sehr laut, den Kopf halb zu Ihrem Fensterplatznachbarn gewandt: „Er könnte es wenigstens auf Lautlos stellen!“
Ich, den Kopf zu ihr gewandt: „Es tut mir leid.“
Ältere Dame, selbe Kopfhaltung: „Er sieht doch, wir lesen hier!“
Ich, sehr laut, den Kopf zu meiner Fensterplatznachbarin gewandt: „Es tut ihm leid.“
Fensterplatznachbarin, aufgerissenen Auges nach vorne auf den Plastikdrehknopf, der das Aufklapptablett hält starrend: „Mh.“
Später setzte sie sich nach einem Toilettengang ohne Erklärung eine Reihe weiter nach vorne, die war kurz vorher von aussteigenden Passagieren geräumt worden.
Ich versuchte die ältere Dame mit vergifteten Blicken zu töten, schaffte es aber nicht.

Sprudel im Strudel

Das Wort Sprudel als Bezeichnung für kohlensäurehaltiges Mineralwasser stirbt aus.
Dafür gibt es zwei Gründe:
1.) Es steht dem Differenzierungswahn der Marketingstrategen wehrlos gegenüber. Dieser gründet auf der simplen Erfahrungstatsache, dass das Anbieten mehrerer Produktvarianten ceteris paribus insgesamt zu mehr verkauften Produkten, also zu mehr Profit führt.
Der Sprudel wird abgeschafft. Er muss dem Zwillingspärchen „classic“ und „medium“ Platz machen. Die sprudeln auch, aber unterschiedlich heftig.
2.) Das Wort „Sprudel“ ist gnadenlos Deutsch. Versteht sonst fast keiner. Die Worte Classic und medium sind gnadenlos international verwendbar und die Vereinheitlichung von Bezeichnungen spart Kosten.
3.) Obwohl. Wer Wörter wie Häägen Dazs erfindet, kann auch mit Sprudel in Amerika Erfolg haben. „Sprudel, like Poodle with a Schpritzzz“.

DMB in Deutschland

Jeder jeder jeder soll hingehn, wenn DMB in Deutschland ist. Das ist die letzte Chance, den zu sehn, der Rock dahin gebracht hat, wo er hingehört. Hör ihn zehnmal und wenn Du dann noch sagst, ich mag ihn nicht, dann sollst Du in der Hölle verrotten.

Ca. 50 Zeilen Hass

Schön, früh im Flieger zu sitzen, Gangplatz ist wie erste Reihe vor dem Laufsteg. Schön anzusehen, wenn dann gleich mehrere der RevolvingClothes.com-Frauen an mir vorbeidefilieren, zwischen 35 und Anfang 40, noch strahlend, telefonierend, mit perfektem Zusammenspiel von Kostüm, Nicht-Frisur, Dezent-Make up, Schuh und It Bag. Noch sind sie fast stolz auf Ihre skelettöse Figur, noch wissen sie nicht, dass sie gestern begonnen haben, scheußlich aussehen, die Jeans sitzt schon ein bisschen wie auf einem Kleiderbügel und die Augen sind zu groß, um wahr zu sein.
Och wie nett, denkt man aber trotzdem, die waren doch eben noch im Katalog oder in der Gala. Und jetzt hier und nicht in Hollywood!
Aber ich will wie jeder vernünftige, gutaussehende, intelligente, humorige, sympathische und wohlhabende Mann natürlich nicht, dass eine dieser Frauen sich in meine Reihe setzt. Auf keinen Fall. Hilfe! Das ist, als ob der Tod neben mir Platz nähme. Sie will mich reinziehen in diese Arktis Ihres Lebens und will eisige Häuser mit erstarrten Gärten bewohnen, und Ihre gletscherkalten Bekannten einladen, um bunte tote Nahrungsmittelimitationen gemeinsam zu essen. Nach der Unterzeichung des Ehevertrags will sie, dass wir Samen und Ei in einer Großstadtklinik einem Arzt zur Verfügung stellen, damit dieser Kinder herstellen kann. Sie kommen tot zur Welt. Später sollen diese totgeborenen Kinder in Privatschulen geschickt werden, Schulen exklusiv für Totgeborene. Dann will sie viel Geld ausgeben für Ärzte und Kleider und für Geliebte. Und dann schließlich will sie irgendwann, dass wir gemeinsam langsam immer weniger essen, um schließlich zu verhungern. Damit der Sarg Größe 0 haben kann.
Die Spuren dieses dauernden und immer härter werdenden Ringkampfes gegen das Stinkende, Laute, Peinliche, Fette, Hängende, Chaotische, Unkontrollierbare sind überdeutlich zu beobachten bei diesen Frauen. Die Totalverkrampftheit springt über auf mich. Ich spüre sofort, wie meine Darmbewegungen einfrieren. Solche Frauen wirken wie Immodium. Sie nehmen auch selbst Immodium, weil Darmbewegungen, weil das Wort Darm schon allein, weil die Vorstellung, dass dieser hohle Wurm im Innern durch vulgäre Bewegungen schleimige, stinkige Verdauungsreste aus dem Körper herausdrückt, unerträglich eklig ist für diese Frauen, deshalb lieben sie Immodium.
Sie riechen schön. Immer nach nicht zu viel und nicht zuwenig gutem Parfum. Sie haben nie Mundgeruch. Mundgeruch brächte sie aus der Fassung. Vollständig. Mundgeruch ist Durchbruch des natürlichen Schmutzes durch die Mauern Ihres Bollwerks zur Verteidigung des Klinisch-Reinen. Deshalb haben sie hohe Zahnarztrechnungen und essen nie Döner, und wenn doch, dann kündigen sie es zehn Tage vorher an: „Dienstag in einer Woche gehen die Mädels und ich aus. Mit Dönerbude und allem!“ Ganz sicher ist auch der Mittwoch dann kein Tag mit wichtigen Meetings.
ICH WILL KONTROLLE BEHALTEN, das ist das Mantra. Und sie pressen die Lippen aufeinander. Die vertikalen Hexenfalten um den Mund, die man davon bekommt, werden sooft weggemacht, wie sie wiederkommen.
Das freundliche Strahlen dieser Frauen kommt aus einem Phaser und ist lebensgefährlich.
Ich ducke mich weg. Und habe vielleicht Glück.

Während einer Bahnfahrt Berlin – Heidelberg

Haltestellenassoziationen:
Fulda besitzt als Wort schon einen gewissen südlichen Klang, Kassel kurz vorher hatte noch den trockenen, nordischen Sound.
Und während in Kassel die Gesichter noch die Klarheit und Kühle eines Doppelkorns ausstrahlen, spiegeln sich in Fulda schon fast die nahenden Weinbaugebiete im Wangenrot.
Es wird Beckiger und weniger Merkelig.

Der Wundermoment

Anstelle einer Weihnachtsgeschichte empfehle ich das unfassbar schöne Gespräch zwischen Peter Sloterdijk und der Hebamme Magdalene Weiß über Glück und Schrecken der Geburt. Abgedruckt in Chrismon, der evangelischen Magazinbeilage der SZ (ich bin zwar Katholik und insofern nicht direkte Leserschaftszielgruppe; aber heutzutage muss man echt auf dem Quivive sein, um nicht das Gute zu verpassen). Die erscheint eigentlich Montags, wie der Name schon andeutet. Aber diesmal eben Samstags schon.
Ich darf mal zitieren, was P.S. auf die Frage : „Was ist denn das Heilige?“ antwortet:

„Das Heilige ist kein philosophischer Begriff, aber man kann es philosophisch umschreiben. Es deutet auf die Momente, in denen reine Gegenwart aufscheint. Der Wundermoment ist da, wenn alle Routinen und Wahrscheinlichkeiten weggeräumt sind – man steht vor dem nackten Dass, vor der puren Tatsächlichkeit. Alle Sicherheiten fallen beiseite, man sieht nur noch die Ereignishaftigkeit des Lebens, das gelingt. Die Selbstverständlichkeiten sind weggenommen, trotzdem geschieht das Einmalige, als könne es nicht anders sein. Das sind die besonderen Augenblicke.“

Sowas lesen und dem Herrgott danken, dass es Heiden wie Peter Sloterdijk gibt!

Lob der Pornographie

In Zeiten anschwellenden staatlichen Vorgehens gegen Sinnenfreuden des niederästhetischen Frequenzbereiches sollte man in schöner demokratischer Tradition beim Abwägen des Für und Wider das Für nicht vergessen. Mir zumindest fallen drei Dinge ein, die ich auf die Positivseite setzen würde, wenns um Schmuddelkram geht.

1.) Es gibt kein besseres Mittel, um die 19jährige Tochter oder die von Altersangst befallene Ehefrau von Brustoperationen abzuhalten als das Vorführen von Auszügen aus US-amerikanischen Pornostreifen. Groteskere Verformungen, bizarrere Verrutschungen, hässlichere Faltenwürfe und Narbenwülste kann man nirgendwo sehen.
Es ist halt ein Unterschied, ob man Demi Moores gepimpte Oberweite festsitzend im ausgeschnittenen Abendkleid betrachtet oder freigelassen unverhüllt in rasanter Durchschüttelung. Ashton Kutcher könnte hier sicher erhellende Sachen erzählen aber noch schweigt er.

2.) Entgegen dem, was Werbung, Frauen- und Männerzeitschriften sowie Hollywood und Laufsteg uns tagtäglich einhämmern, gibt es Spaß, Lebensfreude und jede Menge Sex jenseits von Modelmaßen und jenseits der 40. Zum Beweis empfehle ich einen flüchtigen oder vertieften Abstecher in die Welt der Amateurpornointernetseiten. Dort tummeln sich im schönsten Wortsinne unverschämte Paare, die ihren Spaß am Sex und damit ihre aus dem Leim gegangenen und teilverschrumpelten Körper mit großer Leidenschaft und geringer Kenntnis filmischen Basiswissens aufnehmen und zur allgemeinen Ansicht freigeben. Es entfaltet sich ein Panoptikum ästhetischer Grenzüberschreitung in nicht für möglich gehaltenem Ausmaß. Man wird Angriffen pickeliger Riesenhintern ausgesetzt, sieht dutzendfache Beispiele für fußpflegerische Notfälle und wird von einem veritablen Tsunami formlosen Fleisches und wabernden Fetts überspült. Ein mutmachender Trost für alle (auch die zukünftigen) Dicken und Alten.

3.) Pornografische Darstellung beantwortet dem gänzlich Unerfahrenen sehr anschaulich wesentliche Fragen, die jenseits der Antworten in Biologiebüchern, Aufklärungsunterricht und Doktorsommerrubriken bestehen bleiben. Der Verfasser fühlte sich als 17jähriger bezogen auf die Abläufe des sexuellen Vorgangs an sich jedenfalls unzureichend informiert: Das Biologiebuch zog sich an entscheidender Stelle mit Formulierungen aus der Affäre, die in wissenschaftlicher Klarheit daherkamen aber jedwede Art praktisch verwertbarer Bedienungshinweise vermissen ließen: Das Glied wird versteift in die sekretfeuchte Scheide eingeführt. Basta. Dass an den erwähnten primären Geschlechtsmerkmalen auch noch der Rest des Körpers hing, der in irgendeiner Form dabei positioniert und gehandhabt werden muss, war logisch, indes die brennende Frage nach dem Wie blieb unbeantwortet.
Jedenfalls solange, bis ich den von außen unverdächtig aussehenden Zeitschriftenladen im Stadtzentrum entdeckte, der neben dem üblichen Angebot an Druckerzeugnissen auch eine ganze halbe Regalreihe mit unverschweißten (!) Hardcorepornoheftchen aufzuweisen hatte. Gnädigerweise war das betreffende Regal in einer schlecht einsehbaren Ecke des Ladens aufgestellt worden. So konnte man – und ich tats – durch Ausnutzen eines günstigen Moments 20 Sekunden Zeit gewinnen, eines der Heftchen zu greifen und hektisch durchzublättern, bevor der Ladenbesitzer oder andere Besucher Verdacht schöpfen konnten. An einem Tag, an dem das Schicksal mich mit großem Glück beschenkte, konnte ich so auf der Mitteldoppelseite eines Happy Weekend Heftchens die Antwort auf einige meiner drängendsten Fragen entdecken. In nie für möglich gehaltener Klarheit und Eindeutigkeit waren dort zwei nackte Männer und eine genauso nackte Frau beim tatsächlichen Tun abgebildet. Links der Mann, der sein tatsächlich versteiftes G. in die -hmmmmmmm- anscheinend NICHT sekretfeuchte S. der Frau eingeführt hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite der zweite Mann, der sein entsprechendes Geschlechtsmaterial offensichtlich einvernehmlich in einer unerhört andere Körperöffnung der Frau geparkt hatte. Unglaublich! Also so! Verstehe! Diese 10 Sekunden verstohlener Betrachtung wogen Jahre verschämter zweideutiger unklarer Erklärungen mit einem Schlag auf. In großer Aufgewühltheit und in der Euphorie des Erkenntnisrausches verließ ich den Laden. Heute noch bin ich dem Besitzer dankbar, von dem ich vermute, dass er ein Herz hatte für arme, hormonelle Tumulte durchleidende Heranwachsende. Er hatte mich mich selbst aufklären lassen. Wahrscheinlich hatte er Ähnliches in seiner Jugend durchgemacht. Das alles geschah vor ungefähr 25 Jahren. Würde der Ladenbesitzer heute sowas tun und dulden und am Ende sogar noch die Dummheit begehen, darüber zu reden, dann wäre am nächsten Tag womöglich sein Laden geschlossen und er als „Sex-Bestie“ auf der BILD-Titelseite.

Erziehungsverdächtige

Jeder ehemalige Lateinschüler weiß um die Qualen, die Übersetzungsaufgaben bereiten können. Und hatte deshalb die Reclamausgabe vom Gallischen Krieg unter dem Tisch, mit dem Gallia est omnis divisa in partes tres prima seinen linguistischen Schrecken auf immer verlor.
Wer sowas damals nutzte, hatte vermutlich nie im Sinn, den Berufsweg des Übersetzers zu wählen, zumal nicht wenige Fachleute meinen, Übersetzen sei nicht erlernbar, sondern eine Gabe. Das bezieht sich allerdings auf die Kunstform der literarischen Übersetzung und gilt weniger bis gar nicht für den Non-Fiction-Bereich.
Doch auch dort muß übersetzt werden und wird übersetzt, von der Bedienungsanleitung bis zum politischen Interview in der Königsdisziplin Simultanübersetzung.
Dass ein Übersetzer von Handbüchern und Bedienungsanleitungen kein Naturtalent als Einstellungsvoraussetzung mitbringen muß, ist Erfahrungstatsache.
Auch neige ich zu der Annahme, dass ein Simultanübersetzer bei der UNO eher eine schnelle Auffassungsgabe, gutes Wort- und Redewendungswissen sowie eine überdurchschnittliche Konzentrationsfähigkeit als eine genetisch bedingte Veranlagung zum Übersetzen besitzen muß. Natürlich gibt es Grenzfälle, jedoch ist in diesem Bereich grundsätzlich eine „literarische“ Übersetzung im Sinne von einer Beachtung von formalem Aufbau, Sprachrhythmus, kulturellem Makrokontext etc. des Übersetzungsobjekts tabu.

Nun gibt es drei Arten von Übersetzungsfehlern:
1.) den unabsichtlichen, also klassischen „Fehler“, folgenlos und schnellaufgedeckt, dem mitunter milde Komik innewohnt;
2.) wie unter 1.), nur weitaus folgenreicher;
3.) der absichtlichen, entweder offensichtlich und aus einer postpubertären Freude an subversiver Komik entstandenen oder aber verdeckt aus Bösartigkeit untergeschobenen Falschübersetzung;

Eine ganz besondere Spezies von Übersetzern verfolgt jedoch pädagogische Ziele mit Übersetzungen, die die jeweilige Übertragung in die Sprache des Zielpublikums von der dort erwarteten intellektuellen Kapazität abhängig macht. Äußerst verbreitet ist diese das im Bereich der Übersetzung von ausländischen Filmwerken.
In der 22. Folge der ersten Staffel von House MD (alias Dr. House), einer mehrfach ausgezeichneten US-amerikanischen Fernsehserie, die momentan bei RTL läuft, findet sich ein besonders verfälschendes Beispiel. In dieser Serie dreht sich alles um einen sehr begabten Arzt an einem Lehrkrankenhaus, der dort das Spezialgebiet Diagnostik ausübt. Jede Folge folgt demselben Muster: Patient kommt mit unerklärlichen Krankheitssymptomen in die Klinik und House und sein Team finden unter großen Mühen und mit detektivischem Spürsinn heraus, was dem Patienten wirklich fehlt.
Die Anamnese des Patienten ist ein wichtiger Bestandteil des Verfahrens der Diagnostik und damit auch der Sendung.
In der besagten Folge wird nun die Ehefrau eines Patienten befragt, ob es Zeichen von psychischen Störungen in der Famile gab. Die Frau antwortet „His sister voted for Nader. Twice.“
In der deutschen Übersetzung heisst es demgegenüber: „Seine Schwester hat Bush gewählt. Zweimal.“
Ralph Nader ist ein amerikanischer Anwalt und politischer Aktivist, der 2000 und 2004 für die Grünen im Präsidentschaftswahlkampf antrat. Es gab einigen Aufruhr um die Auswirkungen seiner Kandidatur, die wharscheinlich Al Gore jene Stimmen kostete, die im Jahr 2000 in Florida den Ausschlag zugunsten George W. Bush gaben und damit die Wahl entschieden.
Dies bedeutet, dass die Schwester des Patienten, zumal sie „zweimal“ , also auch 2004, Nader wählte, -also trotz dieses unter amerikanischen Demokraten vieldiskutierten Effekts der Milleniumwahl-, wohl einem links von den Demokraten zuzuordnendem Spektrum zugehörig war. Was wiederum die Antwort der Ehefrau des Patienten, einer Juristin, die dieses Verhalten ironisch in Zusammenhang mit einer psychischen Störung bringt, in ein völlig anderes Licht rückt.
Das alles interessiert den Übersetzer aber nicht oder er macht sich nicht die Mühe einer tiefergehenden Recherche. Vermutlich wird die Arbeit nach übersetztem Wort pro Zeiteinheit bezahlt oder so, also ist Entscheiden gefragt, nicht Nachdenken. Und also denkt er „Wer kennt schon diesen Nader? Kenn ja selbst ich nicht. Aber Bush kennen sie alle und der ist ja auch immer irgendwie zum Lachen, oder?“.
Das ist Bevormundung durch dumme Leute, die einen für dumm halten. So macht man aus Qualität Quark. Wenn momentan alle Schawinskis jammern, dass in Deutschland produzierte Qualitätsserien nicht erfolgreich sind, dann wär vielleicht eine gute Idee, erstmal durch korrekte Übersetzungen die Qualität von amerikanischen Serien sichtbar zu machen. Sonst hinkt der Vergleich sowieso.

Dale Watson (und nicht Johnny Knoxville)

Dale Watsons neue CD ist ein Abgesang auf Countrymusic. Er selbst ist so enttäuscht von dem, was sich heutzutage alles im Countryregal findet, dass er sich auf dem Cover neben einem Grabstein fotografieren lässt: „R.I.P Country“.
Das Album selbst: von vorne bis hinten pure klassische Johnny Cash bumm-tschaka-bomm-tschaka Western Swing Honky Tonk Countrymusik.
Wer das cool findet, sollte die Platte meiden. Wer glaubt, das hätte Hip-Potenzial wie Rick Rubins Johnny Cash-Platten, den kann man nur warnen: Euch werden die Ohren weh tun. Ihr werdet suchen und suchen und suchen nach irgendwas, was diese CD zu einem Kultbesitz für Mittzwanziger BerlinMitteMenschen macht. Gibts nicht. Hände weg.
Bloß nicht davon täuschen lassen, dass Johnny Knoxville in den Danksagungen erwähnt wird und auch im Video zur Singleauskopplung mitspielt. Das liegt nur daran, dass er dem Dale eine Hütte zum Aufnehmen der Songs zur Verfügung gestellt hat und dass diese Hütte früher Johnny Cash gehört hatte. Das ist alles. Davon hört man nix auf der Platte. Null! Also nochmal: HÄNDE WEG!
An die Anderen: Es gibt momentan keine schönere, perfektere, swingendere und überhaupt begeisterndere Countryplatte als genau die von diesem Mittvierziger, in dessen Gesicht sich ziemlich deutlich die Vergangenheitsspuren von Drogen, Geldsorgen, Schicksalsschlägen, Depressionen und Selbstmordversuchen finden lassen. Halt Stopp. Das letzte bitte wieder vergessen. Am Ende wird sonst die CD doch noch von den Falschen gekauft.

Die größere Flöte. Die Zimmermänner in Berlin.

Timo September Blunck: „Christian hatte schon immer die größere Flöte“
März (aus dem Publikum): „Stimmt nich!!“

Das war ein schöner Abend. Christian Kellersmann gleich von der Arbeit 500 Meter weiter ins Lido und 25 Jahre zurück. Detlef Diederichsen auf der Bühne und sein Bruder, der Professor, im Publikum und gar nicht announced.
100 Menschen und mehr durften das auch nicht sein.
Und sie hatte so schöne große Kreolenohrringe und die beiden waren ein sehr nettes FrühlingHerbst-Paar.

The Wreckers: Stand still look pretty

Die ganze Welt ist weizengelb und himmelblau. Rostige Wassertanks und torkelnde Tumbleweeds und ich mit einem halben Tank Freiheit in meinem Chevy auf dem schnurgeraden Highway unterwegs.
Die Sängerin im Radio erzählt von gequältem Herzen und Sitzengelassenwerden.
Anweisung der Abteilung Gleichstellung an die Frauen hierzulande: Stark sein heisst zuerst zu schießen.
In Countrysongs ist das ganz anders. Da bedeutet Stark zu sein nicht anderes als Passionsfähigkeit. Getroffen sein, sich sogar in die Kugel werfen und den Schmerz aushalten.
Ich mag das hören.
Anhalten, Auftanken, weiterfahren.

Die Zuckermänner – Blunck und Diederichsen sind zurück als Die Zimmermänner

Bevor die Ankündigung von Andreas Borcholte wahr wird und der Spiegel eine GROSSE Geschichte über die Zimmermänner veröffentlicht, muss ich vorlegen. Schließlich weiß ich nicht, ob die danach schreiben, was ich doch schreiben wollte und überhaupt ist es schöner, Erster zu sein!
Detlef Diederichsen und Timo Blunck veröffentlichen nach 23 Jahren wieder ein Album als Die Zimmermänner. Es heisst Fortpflanzungssupermarkt und ist ein atemberaubendes Meisterwerk. Dazu muss man wissen, dass die Zimmermänner den deutschen Pop erfunden haben, jedenfalls den der Nachpunkära. So um 1980.
Das war eine Zeit, wo es völlig VÖLLIG V Ö L L I G unmöglich wahr, im Deutsche- Interpreten-Regal etwas anderes zu finden als entweder Flieg nicht zu hoch mein kleiner Freund oder Was wollen wir trinken, 7 Tage lang oder Nackt im Wind oder Wir wollen Sonne statt Reagan. Und jetzt bitte nicht nachgucken, ob die eine oder andere Single doch erst 1985 oder schon 1978 erschienen ist. Darum gehts nicht. Es geht darum, dass ein Song wie Erwin das tanzende Messer 1982 eine einzigartige Unglaublichkeit war, weil er so funkig, tanzbar und federleicht daherkam, mit einem Text, der zwischen Dada und Derrida grinsend dahergesungen kam. Anti-Bots und Anti-Nicole aber auch Anti-Mittagspause. Und ob im hinteren Drittel von Erwin tatsächlich Andreas Dorau in den Song reingenuschelt hat oder nicht, das war wochenlang Cliquengespräch. Herr Borcholte, würden Sie das den zuständigen Redakteur beim Interview mal fragen lassen? Die Sache ist immer noch ungeklärt und ich hab seit 25 Jahren eine Wette über 50 DM laufen.
Nun also nach 23 Jahren wieder etwas Neues von den beiden und nicht nur von ihnen, sondern auch von vielen alten Bekannten (darüber wird der Spiegel ausführlich schreiben) und auch von den Jungzimmermännern, den eigenen Söhnen nämlich, die im hidden Träck(chen) nett summen und pfeifen´und schon mal proben für die Stabübernahme in fünfzehn Jahren.
Aber erstmal legen die Originale als Nestoren der Neuen Deutschen Popwelle die Latte mit diesem Album sehr sehr hoch für all die (samt und sonders bräsigen, untermittelmäßigen) Epigonen (welche das sind, darüber wird der Spiegel auch ausführlich schreiben). Die müssen sich zutiefst beschämt fühlen beim Anhören dieses lässigen, abgeklärten Handstreichs nach so langer Zeit. So frisch und funkig, so poppig und witzig, so abgeklärt und weise wie das klingt, das ist einfach vollkommen konkurrenzlos. Für Eingeweihte ist das Ganze gespickt mit tausend kleinen musikalischen Popzitaten, von Der-Plan-haften Elektrofiepschnipseln bis zum von Heaven17 geklauten langgezogenem Hummmmmmm im „Zuckermann“, meinem Lieblingsstück neben „März/November“. Die beiden Lieder dienen außerdem als Lehrstücke darüber, welche Bestandteile Popmusik zu haben hat: Harmoniegesang und schöne Melodien. Die Dutzenden von Deutschpopmusikern, die aus Schiß davor, schlagerhaft zu klingen, die Melodien abwürgen und SprechSchreien statt Singen tun das deshalb, weil sie 23 Jahre lang zu doof waren, den Unterschied zwischen Schlager und Pop zu kapieren. Jetzt haben sie vermutlich wieder 23 Jahre Zeit zu üben und es wird dann doch notwendig sein, dass Die Zimmermänner, 2. Generation, ihnen das Maul stopft. Und die Väter, die Altzimmermänner, werden dazu auf der Platte als leise wippende, schnippsende und hummmsummende Backgroundsänger zu hören sein. Wart ich drauf, Mensch.

Zum Allerallerletzten mal was über die 80er.

Als junger Student erschien mir das Grübeln über das andere Geschlecht und das eigene, gar nicht störungsfreie Verhältnis dazu wegen der großen Nähe zum eigenen Leben weitaus reizvoller als Volkswirtschaft. Homo oeconomicus. Son Schwachsinn, als Prämisse für alle Standard-Theorien den vollkommen rationalen Akteur in einem ausschließlich gewinnmaximierenden System anzunehmen. Man nehme einen vollkommenden Markt und das allwissende, gewinnmaximierende Wirtschaftssubjekt, füge dann Zug um Zug Störeinflüsse hinzu und untersuche die Reaktionen des Marktes und der darin handelnden Akteure, allesamt wie ferngesteuert darauf ausgerichtet, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Hirnrissig.
In den 80ern war das. Das war nach Punk und vor der Spaßgesellschaft. Was bleibt einem da schon übrig? Also wurden wir zu Zynikern, mit Ironie als Waffe im Handgepäck. Harald Schmidt haben wir locker vorweggenommen. Aber natürlich haben wir ihn dann, 1988, als er bei MAZ ab! anfing, sofort geliebt.
Wir haben die Antiatomkraftdemonstranten ausgelacht und die Popper auch. NICH irgendwo dazuzugehören – vollkommene Individualität- war das erklärte Endziel. Ironie das wirksamste Mittel. Abgrenzung nach allen Seiten. Weil man aber nicht gar nichts gut finden kann, hörten wir britischen Zitatpop, der niemals weit oben in den deutschen Charts landete. Von Arbeiterkindern, die den Glamour für sich beanspruchten. Pop-Dandies wie Paul Weller, ABC, Haircut One Hundred. Kleine Songtextschnipsel schrieben wir über jeden Liebes-Brief.
Die literarische Unterfütterung erhielten wir durch Zeitschriften wie SOUNDS, THE FACE und der ebenfalls englischen SMASH HITS (das die „Lyrics“ lieferte, unentbehrlich in der Vorgoogle-Ära).
In SOUNDS hat Kid P. geschrieben, der erste Popliterat, der eigentlich Andreas Banaski hieß. Wenn er von einem Konzert berichtete, schrieb er gar nix über die Band und die Lieder, sondern nur über die Frau, die er da entdeckte und angeschmachtet hat, die vergeblichen Annäherungsversuche und die Frustration darob. Und dann wieder reflektierte er darüber, ob Andreas Dorau keine Orangen schälen konnte oder doch. Liebe und Sex waren jedenfalls am unverdächtigsten von allen Lebensdingen. Deshalb stürzten wir uns drauf. Mit großer Pose, immer mit Tagebuch bewaffnet, triefend selbstmitleidig aber mit ironisch selbstreflexiver Brechung. Natürlich. Könnte ja mal jemand zufällig oder absichtlich lesen, daran musste man denken. Haltung ist alles!
Ich hab GAR keine Klassiker gelesen damals. Das war zu ernst, zu ironiefrei, zu weit weg.
Wir lasen die Neue Frankfurter Schule. Und ab 1985 alles von Joseph von Westphalen, der war polemisch, ätzend und zum Totlachen. Und dann „100 Zeilen Hass“, die Kolumne von Maxim Biller. Wir waren zu 50% so, wie es dann Christian Kracht viel später in Faserland beschrieben hat. Aber wir hatten weniger Geld und waren weniger verzweifelt.

Der Maler Jan Massys und seine Flora

Der Maler Jan Massys und seine Flora

Alle Frauengesichter, die er gemalt hat, sehen seltsam ähnlich aus. Das hat auch einen Grund. Denn er war ganz, ganz lange sehr, sehr verliebt in eine bildhübsche Genueserin, die hieß Flora Gelosi. Sie war Schauspielerin und sie muss wirklich ungeheuer schön gewesen sein und er wirklich sehr verliebt. Dramatisch verliebt. Und selbstredend unglücklich, denn er war ein ziemlich armer Künstler, in prekären Lebensumständen quasi, wogegen sie mit einem reichen Kaufmann liiert war. Von dem konnte ich kein Bild und keinen Namen recherchieren, aber ganz sicher ist er fettleibig, warzig, rotgesichtig und 20 Jahre älter als sie gewesen. Eine reine Versorgungsbeziehung also, da scheint die gute Flora recht unschwärmerisch veranlagt gewesen zu sein.
Judith (s.o.). Immer wieder Flora. Die schönste Flora ist seine Bathseba:

Armer Jan. Mehr als eine Äffäre hat er nie mit ihr hingekriegt.Irgendwann später hat er sich auch umgebracht. Drama eben. Und der Bezug zu Batseba: Vielleicht hat er sich ja gefühlt wie der arme Urija, der ja eigentlich mit Batseba zusammen war, jedenfalls bis David, der König von Juda, die Schöne gesehen hatte. So ein King, zumal einer mit flaviobriatorinischer Libido, riecht da einfach mehr nach Abenteuer, Shoppingorgien und dem Ende aller Altersvorsorgeprobleme als andere. Das war vor 500 Jahren auch nicht anders als heute.

Supatopcheckerpedia

Ich bin mir nicht sicher aber könnte es sein, dass die Beiträge bei Wikipedia jetzt vom Supatopcheckerbunny geschrieben werden? Bitteschön:
„Reife im Körper führt zu einem Interesse an der Sexualität und sexueller Betätigung. Manchmal führt das zu Jugendschwangerschaft. Da Jugendliche möglicherweise nicht emotional oder finanziell fähig sind, Kinder in die Welt zu setzen, gilt dieses oftmals als problematisch.“
Tschüß!

Berlin Ostbahnhof

Berlin macht es einem schwer, es zu lieben, wenn man das Pech hat, den Wagen am Ostbahnhof abgestellt zu haben. Mach ich oft so, mit dem Zug von Berlin Ost nach Frankfurt Main ist unschlagbar schnell. Dann von Frankfurt weiter nach München mit dem Zug geht auch noch, naja. Dann zurück mit Germanwings von München nach Schönefeld und mit dem Airportexpress wieder zum Ostbahnhof, zum Wagen eben, den brauch man ja. Das nervt schon. Schönefeld ist 10 Minuten von meiner Berliner Wohnung entfernt, der Ostbahnhof zwanzig, und zwar in die andere Richtung. Dann heisst das: von München aus um 18.50 mit Bus und S Bahn zum Flughafen, Flug um 20.40 ab FJS, Ankunft Schönefeld 21.50, Abfahrt airportxpress 22.31 (!) Ankunft Ostbahnhof 22.47.
Und dann runter ins Souterrain und… es stinkt. Es stinkt so gottserbärmlich nach massenhaft altem, zu lange unter kaputten Nieren und Lebern gelitten habenden Urin. Im Souterrain und in der überdachten Parkgaragenvorhalle suchen die Obdachlosen und die anderweitig Verlorenen Schutz. Man will ja auch nicht, dass sie vertrieben werden. Wie wär es mal mit öffentlichen Toiletten an den RICHTIGEN Stellen? Kann man doch erriechen, wo dramatische Angebotsknappheit herrscht. Unverständlich! Berliner Duft. Hilft nix, also Nase zu und durchkämpfen zum Auto, um festzustellen, dass durch eine Lücke im Betondach Tauben pfundweise Dreck auf den Lack und das Glas geschleudert haben. Und selbst der Taubendreck stinkt hier penetranter. Und geht schlechter weg. Und überhaupt.
Nachmittags noch am Nymphenburger Schloß in München die Nase in die Blumenrabatten gesteckt … und abends das.
Ankunft Berliner Wohnung 23.15. Kein Bier da. Dafür kann aber Berlin nix.

www.KeinQuasselnImFlugzeug.de

So. jetzt isses passiert. Ryanair ist die erste Airline, die Handybenutzung
während des Flugs erlaubt und alle, alle werden folgen.
Vorbei die herrlichen Zeiten der Nichterreichbarkeit ohne schlechtes Gewissen, vorbei die Freude auf eineinhalb Stunden ungestörten Schmökerns, Passagierebeobachtens oder Schlafens während der Arbeitszeit. Adé, Freiheit, hallo Telkos über den Wolken. Wer braucht das denn? Kein Mensch. Statt mehr arbeitsfreie Zeiten zu schaffen, schaufeln wir uns die letzten Lücken zu. Wem hilft das? Niemand außer den Besitzern von Netzbetreiberaktien. Wer will das? Ich jedenfalls nicht. Und ich bin doch nicht allein mit dieser Meinung oder? Das kann doch nicht sein! Unmöglich!
Ich erwarte ein Welle des Protests! Einen Aufschrei! Sturm brich los! Nu mach schon!!
Ich will Aktionen! Sonst muss ich am Ende die Webseite im Titel oben wirklich ins Leben rufen.

Die „Invertierte Freud’sche Fehlleistung“ am Beispiel

Freud’sche Versprecher (im englischen „freudian slip“, herrlich rutschig, was?) sind Fehlleistungen beim Sprechen, die, wenn sie einem unterlaufen, insbesondere dann jahrelang zu dankbaren Inhalten von Abi-, Alumni- und sonstigen „Weescht-noch“-Treffen werden, wenn das aus dem Unterbewußtsein hervorbrechende Wort ein schlüpfriges oder noch besser gleich ein total versautes war.
Mir ist unbekannt, ob das Phänomen, um das es in der vorliegenden sonntagvormittäglichen Notiz gehen soll, auch bereits einen wissenschaftlichen Namen hat. Solange dies unklar ist, werde ich es jedenfalls auf den Namen „invertierte Freud’sche Fehlleistung“ taufen und damit im folgenden eine Fehlleistung nicht beim Sprechen, sondern bei der Perzeption von Geschriebenem meinen.
Es geht -in concreto- um Wortgebilde mit dem Präfix „It-„, im selben Sinne verwandt wie z.B. -und jetzt fällt der Groschen- beim „It-Girl“. Das It-Girl, das als Begriff schon seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts existiert und das sich seitdem und in besonderer Häufung in den letzten 3-5 Jahren zu einer Großfamilie entwickelt hat, in der es von It-Bags, It-Shoes und It-Jeans usw. nur so wimmelt.
Besonders, wenn dieses Präfix in Majuskeln präsentiert wird, stelle ich an mir immer wieder fest, wie ich in beruflich bedingter Fehlleitung im ersten Moment annehme, es handle sich beim It-Girl um eine Bezeichnung für eine Frau aus der Informationstechnologiebranche, beim It-Bag um eine neue modische Tragetasche für mein Notebook und beim It-Boy um mich selbst. Die Aufmerksamkeit wird bei mir sofort durch das Signalwortteil „It“ erregt, um dann heftig enttäuscht zu werden und in Ärgerlichkeit umzukippen. In die Irre geleitet vom eigenen Hirn! Invertierte Freud’sche Fehlleistung eben.
So stehe ich dann vor Postern, die Frauenzeitschriften bewerben und werde immer wieder getäuscht getäuscht getäuscht, kann nichts dagegen machen, da bin ich wie der Hund vom Pawlow.
Ach! Wie aufregend meine berufliches Umfeld doch sein könnte, arbeitete ich in einer überaus hippen Branche, der „It-Branche“ überhaupt, zu der dann wohl auch bald Paris Hilton hinstreben würde. Und das nächste It-Girl wäre wirklich ein Girl aus der IT. Aber so? Novemberstimmung mitten im August.

Schlafend oder tot?

Alt ist man, wenn man beim Schlafen aussieht wie ein Toter. Vorher sieht man aus wie ein Schlafender. Die Partner berichten, wie süß und friedlich man ausgesehen habe. Irgendwann hört das Berichten auf. Wenn man Glück hat, sagt einem dann ein guter Freund mal sowas wie: „Ich musste Dich wachrütteln, du lagst da mit offenem Mund und sahst aus wie gerade einem Leiden erlegen.“ Von da an sollte man in einer Beziehung drauf achten, niemals nach dem Bettnachbarn aufzuwachen. Und wenn da dasselbe Alter liegt, besser auch nicht zur Seite zu schauen.

Donor 402

Donor 401 ist ein Traum von einem Genträger: 1.95m, blond und blauäugig und schnellbräunend, früher Collegefootballstar, heute Besitzer eines Masterabschlusses und zudem noch mit poetischer Ader ausgestattet. Ein Star unter den Samenspendern, die Ungewollt Kinderlosen Frauen (UKF) reißen sich um ein stickstoffdampfedes Döschen seines Destillats.
Aber Donor 401 spendet nicht mehr. Alle Lagerbestände sind aufgebraucht. Die UKF’s sind verzweifelt. Doch Rettung ist nun da.
Ich bin Donor 402.
Jeder Mensch sehnt sich nach ein bisschen Unsterblichkeit (Mondlander, Weltmeister, Bill-Gates-Torte-Ins-Gesicht-Schmeißer). Toll. Aber aufwändig, langwierig und teuer. Die unanstrengendste Methode ist aber für knapp 500 € p.a. zu haben und das Prozedere ist sogar noch mit gewisser Freude verbunden (http:⁄⁄www.cryobank-muenchen.de⁄Website%20Cryobank%20aktuell-Dateien⁄page0020.htm)
Den Rest erledigen andere für mich. Großartig. Ist wie Geld, das allein arbeitet.
Ich bin zwar nur 186cm, aber die sind gerade gewachsen, 1+ im Sport und Prädikat im Examen hab ich auch, Tagebuchschreiber und Literat bin ich, dazu Philanthrop und Humorist, tougher Wirtschaftskapitän tagsüber und abends WärmflaschansbettBringer.
Und 2058 ist mein Enkel Fußballweltmeister und meine Tochter gratuliert als Bundespräsidentin.

Awfulplasticsurgery

Ab Ende 30 (bei übermäßig ungesundem Lebenswandel auch 5 jahre früher) schaut man seinen Körper mit zunehmender kognitiver Dissonanz an: „Das da im Spiegel gehört nicht zu mir!“ Tuts aber doch. Mitsamt dem sanften Fettwall um den Nabel und den tortelliniartigen Täschchen unter den Augen. Und dann, an einem willensschwachen Morgen nach einer ebenfalls willensschwachen Nacht, dann kann es sein, dass man seine strikt ablehnende Haltung gegenüber plastochirurgischen Eingriffen zu korrigieren bereit ist. In einem solchen Moment heißt es aufpassen wie ein Luchs und wirksame Gegenmittel parat haben.
Hier ist das beste: http://www.awfulplasticsurgery.com zeigt die ganze Wahrheit, Beispiele gefällig? Okay.Seufz, früher wollte ich immer aussehen wie Rupert Everett aber jetzt?? Sieht er aus wie ein Tamagochi.

Okay, das reicht. Anfall vorüber. Seh ich halt irgendwann aus wie Paul Kuhn. Ist doch okay.

Wenn uralte Frauen mit den Beinen baumeln

Ganz rührend: wenn ururalte Frauen mit winzigen zusammengeschrumpelten Körpern auf dem Sessel sitzen und mit den zu kurzen Beinen baumeln wie übermütige Kinder.
So geschehen letztens bei meiner Großtante, die ist 98.
Und gelesen bei Yoko Ogawa, Museum der Stille. Ich bin noch mitten drin, es ist so wunderbar. S. Bücherbegleitung Mai.

Hm.

Irgendwann sitzt man auch selbst in so einem verfallenen Körper fest und will möglicherweise nicht nur Beinbaumeln, sondern auch aufspringen. Aber man weiss ja, das ist auf ewig völlig unerreichbar.
Nimmt man das dann gelassen oder bringt einen das aus der Fassung?
Apropos alte Frauen:
Eben schreibt Spiegel online, dass die vermutlich älteste Frau der Welt den Tag am liebsten mit Dösen verbringt und seit Jahren schon keine Lust mehr hat, zu sprechen. Wie wunderbar verschwenderisch sie mit der Zeit umgeht! Von wegen „Carpe diem“!
Bestens geeignet gegen das schlechte Gewissen am Sonntag abend, nachdem man bei herrlichstem Frühlingswetter das ganze Wochenende drinnen auf der Couch verbracht hat mit AnNichtsDenken, Schlafen, Nasebohren.

Nachtlokale im Duden-Bildwörterbuch

Nachtlokale im Duden-Bildwörterbuch

Gefunden beim Durchstöbern des Bücherregals:
Das Duden-Bildwörterbuch der deutschen Sprache. Der Untertitel „Die Gegenstände und ihre Benennung“ macht zwar nicht direkt Lust aufs reinschauen, doch wenn mans trotzdem tut, wird man aufs Schönste belohnt. Ein oder mehrere unbekannte Meister haben hier mit bewundernswerter Akkuratesse genaueste Zeichnungen zu verschiedensten Sachgebieten des Lebens und der Umwelt erstellt. Jedes Detail, das zur Benennung taugt, wurde darin numeriert und in einer beigefügten Legende erklärt. Das Ganze reicht von eher nüchternen Darstellungen und Erklärungen dröger technischer Apparaturen (Setzerei, Fotolabor), bis zu ausgesprochen funkelnden Juwelen, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Wie diesem sehr lustigen hier im Beitrag abgebildeten unter der Überschrift „Nachtlokal“ (s.o.)

legendeNC

Drollig! Die Gäste eine Mischung aus dandyesken Typen (der zwischen der Nummer 16 und der 32), korrekter Mittelschicht, Lustgreisen und Hippiekommune, die „Combo“ ein mit viel Blech bestücktes Livequartett unter Discostrahlern. Insgesamt ein 9-köpfiges Personal für genausoviele Gäste. Kann sich ja nicht rechnen. Sowas ist ausgestorben, pleite, vergessen. Vergessen wie das Wort „Sofittenbeleuchtung“, das ich jedenfalls vorher noch nie irgendwo gelesen oder gehört hatte.
Gewieft finde ich übrigens die praktische Umsetzung der Filmvorführungsaufgabe als Kombination von örtlich klug installiertem Projektor (20) und pfiffiger Leinwandplatzierung (21).
Ich habe hier eine Ausgabe von 1992, in der 4., neu bearbeiteten und aktualisierten Auflage, vor mir. Die Zeichnung selbst muss aber wohl doch älter sein, 1992 gabs doch schon CD? Zumindest die Tonbandzeit (Nr. 17 hinten links neben einer der Animierdamen) war da schon ganz sicher vorbei.
Anrührend antiquiert, das ganze. Und mit Liebe gemacht. Wie hinten im Bild die Garderobiere interessiert zuschaut! Wie pflichtschuldig und vollständig alle Kleidungsstücke benannt werden, die die Stripteuse noch trägt oder schon weggeworfen hat („Das ist ein BH, das weiss ich aus dem Bildwörterbuch!“). Hach!
Weiss jemand, ob es eine neue Auflage gibt? Ich würde mir bildhafte Darstellungen vom „Chatroom“ und dem „Musicdownloadportal“ wünschen, das wäre bestimmt eine harte Nuss.

Eine Kleinvoliere für Seehofer

BERLIN
Ein Gesetzentwurf der Linkspartei sieht vor, die Gefahr der Ausbreitung der Vogelgrippe durch infizierte Staatsbedienstete wirksam einzudämmen. Wir sprachen mit Dr. Uwe-Volkmar Köck, Sprecher der Linkspartei in Sachsen-Anhalt und Mitinitiator des Entwurfs über dessen Inhalte.
AA: „Herr Dr. Köck, was sind die wesentlichen Beweggründe für ihre Initiative?“
Köck: „Der Ministerialtourismus in Seuchengebiete – wie insbesondere jetzt bei der Vogelgrippe zu beobachten – birgt ein unserer Meinung nach bisher völlig unterschätztes Risiko der Verbreitung von Infektionen. Die staatsbeamteten Gefahrenträger gehören zu einer Gruppe von besonders gefährlichen potenziellen Verbreitern, da sie aus beruflichen Gründen überdurchschnittlich viele berührungsintensive Sozialkontakte haben, bei denen die Gefahr einer Weitergabe von Krankheitserregern als hoch einzuschätzen ist.“
AA: „Können Sie das näher erläutern? An einem Beispiel?“
Köck: „Gerne. Nehmen wir den Verbraucherschutzminister Seehofer. Natürlich ist er als oberster Verbraucherschützer aufgefordert, sich vor Ort ein Bild von der Seuchenlage zu machen. Er begibt sich also wiederholt an Orte und in Situationen, in denen die Gefahr, kontaminiert zu werden, überdurchschnittlich groß ist. Zusätzlich kommt er – und für Bundestagsabgeordnete ist das völlig normal- pro Tag mit durchschnittlich etwa 100 Personen in Kontakt. Und zwar in direkten Hautkontakt, gemessen in den drei Intensitätsstufen Händeschütteln, Umarmungen oder -in Bayern verbreitet- Begrüßungsküsse. Stellen Sie sich nur einmal vor, welches Gefahrenpotenzial entsteht, wenn die von Seehofer angesteckten Bundestagsabgeordneten die Krankheitserreger unwissentlich mit in ihre Wahlkreise tragen! Kein Terrorist könnte flächendeckender arbeiten. Sie sehen, wir haben es hier mit einer sehr ernsten Bedrohung zu tun.“
AA: „Ja, furchtbar. Was ist nun Ihr Vorschlag?“
Köck: „Wir fordern die Aufstallungspflicht für Bedienstete der Verbraucherschutz- und Landwirtschaftsministerien auf Bundes- und auf Länderebene. Unsere Überlegung: Ganzheitlicher Schutz muss gattungsübergreifend ausgestaltet sein. Was für Tiere sinnvoll ist, muss bei Menschen auch funktionieren. Schutz also durch Separation besonderer Risikogruppen auch bei Menschen. So ist der Seuche Herr zu werden.“
AA: „Ja aber wie soll die Unterbringung aussehen?“
Köck: „Wir haben uns bereits mehrheitlich für die Zulässigkeit von sogenannten Kleinvolieren für Federvieh ausgesprochen. Ich denke, hier ist sehr leicht durch kleinere unbedeutende Umbauten eine Nutzbarkeit auch für Menschen herzustellen. Rechnerisch könnten dann 4 – 6 Bedienstete pro Voliere artgerecht gehalten werden, das entspräche eine Bewegungsfreiheit von nahezu einem Quadratmeter.“
AA: „Ist das nicht zu wenig Platz?“
Köck: „Dazu kommen noch eine Sitzstange und sogar ein kleines Sandbad. Das ist völlig ausreichend, da die Beamten ja vorwiegend geistig tätig und im allgemeinen sowieso keine ausgesprochenen Bewegungsmenschen sind.“
AA: „Imponierend. Wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Initiative viel Erfolg.“

Personalberatung. Reloaded – weils bald wieder so weit ist

„Wir fliegen Sie nach Frankfurt ein für ein Gespräch.“ SO kriegt man mich natürlich, das geb ich zu. Da war dann auch egal, dass die Jobbeschreibung wieder mal überhaupt nicht zu meinem Lebenslauf passte. Aber der lag denen ja vor und wenn die so dämlich sind….
Im Airport Club des Frankfurter Flughafens (Members only! Kolonialmöbel mit grünem Kunstlederbezug!) begrüsste mich die resolute Frau S, musterte meine Erscheinung (den Fleck am Revers hatte ich am Morgen entdeckt und vergeblich versucht, ihn wegzurubbeln), rückte ihr Eulenbrille im strengen Gesicht zurecht und sprach: „Ich mach seit 18 Jahren Personalberatung“. Ich erwartete, dass sie das Wort „Sohn“ noch ergänzen würde aber sie tats nicht und so entstand schon die erste unangenehme Pause.
Im Gespräch wurde dann schnell deutlich, dass beide Seiten nicht so recht wussten, wieso man sich traf aber da ich hier der Eingeladene war und Kaffee und Kekse frisch waren, machte ich es mir im Gespräch gemütlich. Sie guckte an die Wand oder auf die Uhr aber ich hatte immer noch Fragen. Nach einer Stunde verabschiedeten wir uns unter Austausch von Nettigkeiten und vergaßen die Sache.
Ich hatte noch eine Stunde bis zum Rückflug und nutzte die Zeit, um in der Lufthansa Lounge Beobachtungen zu machen und die Bar zu testen. Neben mir saß ein Geschäftsmann, der persisch aussah, ein älterer Herr, vermutlich kannte der den Schah noch persönlich. Er rauchte lange weiße Zigaretten und blies den Rauch nicht raus, sondern ließ ihn gelassen in hellen Wolken aus Mund und Nase fließen. Das sah sehr cool aus, er gehörte zu den Rauchern, denen das Nikotin ganz offensichtlich nix anhaben konnte. Nicht so wie die nordeuropäischen Violettgesichter, die zitternd am Stengel hängen und denen man ansah, wie das Gift Zug um Zug den klapprigen Körper abnagt. Mein Perser hier war braungebrannt und wohlgenährt und der Rauch wurde ganz offensichtlich durch Stahlpipelines hinunter zu seiner Eisenlunge geführt, dort verwertet und danach einfach wieder abgelassen wie aus einem unverwüstlichen Fabrikschornstein. Die ganze Zeit über fütterte er einen auf seinem Arm mitgeführten Zwerghund mit liebevoll zurechtgebrochenen Keksbrocken. Souverän! Der wär sicher anders umgesprungen mit Frau S. als ich. Aber der verkauft ja auch bestimmt Öl oder Edelsteine und sicher keine lahmarschige langweilige Software.
Später auf dem Weg zum Gate liefen mir drei Promis aus der zweiten und dritten und vierten Reihe über den Weg: Guido van Kampen, der an mir vorbei hetzte, weil er fast seinen Flug nach Brüssel verpasst hätte, Christa Kinshofer in einer wahnwitzigen Kombination aus dunklem Nadelstreifenanzug und kirschroter Krawatte sowie Hagen Bosdorf, der auf meinen Flug nur über Warteliste reinkam. Der sah ganz blaß aus und trug eine speckige, traurige Schweinslederjacke in Schwarz.
Über den Wolken hab ich dann ganz viel Dvorak in meinem ipod laufen lassen und mich unter Zusatz von Economyclassrotwein in eine ganz gemütliche Tagesausklangstimmung bringen können. War eigentlich ganz okay der Tag aber trotzdem werd ich das nächte Mal so eine Reise nicht mehr machen. Das mit dem Fliegen hat lange nix mehr zum Gutfühlen beigetragen. Und seitdem ich weiß, wohin Flugpanik jemanden führen kann, fühl ich mich diesem scheußlichen Gefühl auch näher.

Musik für Frauen, die grad mal nicht stolz und stark sein wollen

Nix gegen stolze Frauen. Nix gegen „I ain’t gonna give in, I’m gonna stand up and fight blabla“. Ist ja auch gesund, so eine Einstellung.
Aber manchmal, liebe Frauen, merkt ihr doch selbst, dass Ihr Euch ganz anders fühlt: voller Angst, dass er geht, verzweifelt, weil er sagt, dass es aus ist, bettelnd, dass er bleibt, am Boden, weil er doch gegangen ist.
Für diese Stimmung, genau für diese, hat Gott Trisha Yearwood erschaffen und in unsre Welt geschickt.
Niemand bettelt wie sie, keine schreit Ihre Verzweiflung so heraus wie sie, so wie sie kann keine andere Diva Ihre Ohnmacht heraushauchen.
„How do I Live“ ist von ihr, nicht von dieser Pest Leann Rimes. Sie besingt Ihre Angst, von ihm verlassen zuwerden. Und mit jeder Strophe wird klarer, dass er sie verlassen wird und sie weiss es längst. Sie singt im Konjunktiv aber das ist nur die Grammatik des Songs. Das Saxophon kämpft zwar noch, aber die Geigen lassen schon den Kopf hängen, begleitet von den wissenden Trommeln. Und darüber diese Stimme, die die Hoffnung beschwört und doch die Hoffnungslosigkeit selbst ist.
Wer nach diesen 4 Minuten noch nicht genug hat, hört sich dann „Down on my knees“(!) an. Das gibt den Rest. Wer da nicht wegfliesst, hat ein Betonherz und niemals Liebeskummer gehabt. Kein Stolz, kein Aufbäumen, kein Trotz. Nur ein abgrundtief schwarzes Loch der Verzweiflung.
So ist das Leben eben auch.
Bei iTunes oder hier.

Ekelanfall

In Hamburg die großbürgerlichen, anorektischen Eppendorfer Guccinutten, in München die grotesk aufgespritzen und silikonisierten Maximillianstraßenmonster. Frankfurter Westend, Charlottenburg, Kö, what have you…Die Männer arbeiten als Partner bei Egon Zehnder International, weil sie für Boston Consulting zu alt geworden sind. Und faseln von notwendiger Elitenbildung in Deutschland. Und alle, Männer wie Frauen, machen sich über sich selbst lustig, weil sie jung genug sind, um die Harald Schmidt’sche Selbstironie gelernt zu haben. Das ist die, die allerdings immer durchblicken lässt, dass man eigentlich eben doch mehr checkt als alle anderen und deshalb gefälligst als untoppably cool bewundert zu werden hat. (Jauch: „Wissen Sie, Herr Schmidt, worum ich Sie beneide?“ — Schmidt: „Um mein Einkommen?“). Ja, arriviert aber eben trotzdem, frei, cool und individuell. Genauso reich wie die Fussballer aber intelligenter. Genauso intelligent wie die Professoren aber natürlich viel reicher. Genauso witzig die besten Humoristen, aber selbstverständlich mit Dr. und MBA und mit ordentlichen Berufen. So schön wie die Jugend, aber intelligenter UND reicher. Sieg auf jedem Schlachtfeld. Herrenrasse. Natürlicher Machtanspruch. Unschlagbar.
Ein Stoßgebet an den Gerechten: Gib den Eppendorferinnen eine Chance: lass sie durch eine eklige Krankheit ein Bein verlieren oder eitrige Hautflechten bekommen. Irgendwas, was man nicht mit Geld wegoperieren oder heilen kann. Lass sie Schreikinder gebären und keine Nanny finden, die sich das antun will. Lass ihre Männer von paparazzis erwischt werden: mit runtergelassener Hose vor dem Laptop, beim Anschauen von Kinder- oder Sodomiepornos. Schick sie in den Ironieresistenten Raum. Gib Ihnen Armut und einen öffentlichen IQ-Test, bei dem sie als Grenzdumme entlarvt werden.
So, Anfall vorbei. Danke. Sie können jetzt weitergehen, hier gibts nix mehr zu sehen.

Countryfication breakdown

Johnny Cash war gestorben und kurz vorher hatte er noch dieses LETZTE Video gemacht. „Hurt“ war Bilanz und illusionsloser Schlußpunkt eines verzweifelten Lebens. Wiglaf Droste hat beschrieben, was „Hurt“ so einzigartig machte. Ich erinnere mich, dass selbst die Tagesthemenmoderatorin damals Tränen in den Augen hatte, als sie im Bericht zum Tode Ausschnitte aus diesem Video sah. „Hurt“ war gar nicht Country aber Johnny Cash wars und auf einmal hörte man „Ring of Fire“ wieder im Radio und da grub sich der Bumm-tschakka-Bomm-Tschakka-Rhythmus langsam in die Hirnwindungen auch derjenigen Leute, die bisher Country als Überseevariante von Volksmusik betrachteten. Und war ja auch gar nicht so falsch, wo doch hier bei uns bislang einzig Truck Stop und die beiden Alkoholleichen Tom Astor und Gunther Gabriel für Country standen und die treten ja schließlich auch in den Musikantenschlagerstadln des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf. Mit Johnny Cashs Tod jedenfalls hat alles begonnen. Johnny Cashs Tod machte Country cool. Das war ein Chance für Country. Und die wurde natürlich verplempert.
Es ging Schlag auf Schlag: Der Langnesesong galoppiert auf einmal countrifiziert von The Boss Hoss durchs Kino, Heike Makatsch spielt eine Countryverrückte in „Almost Heaven“ und schwärmt in Interviews von Tammy Wynette und Dolly Parton. Und als Höhepunkt: Texas Lightning gewinnen mit „No no never“ den Grand Prix-Vorentscheid.
The Twang aus Braunschweig aber prägen mit Ihrem Albumtitel „Countryfication“ den zentralen Begriff, der den deutschen Countryhype am besten beschreibt. Und das Problem. Jemand im Karneval dieses Jahr durch die Kneipen gezogen? Dann hat er sicher auch „Last Christmas“ von The Boss Hoss gehört. Countrifiziert. Was für ein Partyknaller. Aber eben doch mit dem überdeutlichen ironischen Augenzwinkern eingespielt. So wie beim Schlager, der wurde ja auch nur ironifiziert in Form von Gildo Horn oder offen geisteskrank wie bei Christian Anders akzeptiert.
Ist das jetzt gut oder schlecht?
Gut ist es. Denn dann ist der ganze Aufruhr auch bald wieder vorbei, Heike Makatsch wird als nächstes Blumentopfschmeißen gut finden,The Boss Hoss werden im Dunst von Gottlieb Wendehalsens Schnapsfahne die Faschingszelte zum Kochen bringen, bevor sie an Klaus & Klaus übergeben und Wiglaf, ich und ein paar andere können wieder ungestört und mit viel Platz rings um uns in den kleinen Country-Abteilungen der CD-Läden stöbern.
Na, vielleicht ist das Ende schon erreicht: ich lese gerade, dass Van Morrisons neues Album eine Countryplatte ist.
Wie schön.

Ursula von der Leyen

Vieles kann ich Ursula von der Leyen verzeihen. Diese muttchenhaft prüde Aufmachung mit Flachschuh und Haarspange, das Pferd im Stall, die Familienbilder zu neunt, selbstverständlich auch ihre Verteidigung gegen die heuchlerischen „Rabenmutter“-Angriffe von muffigen Erzkonservativen, für die eigentlich Magda Goebbels immer noch die Übermutter sein müsste. Aber die eigenen Kinder David, Sophie, Donata, Victoria, Johanna, Egmont und Gracia zu nennen, da kommt mir die Galle hoch. Asexuell UND elitär, das geht zu weit.

Eckart von Klaeden

Eckart von Klaeden (CDU) hat den Namen, der doch viel besser zu Guido Westerwelle passen würde.
Eckart von Klaedens hab ich zuhauf im Studium um mich rum gehabt. Alden-Schuhe, Barbourjacke, Hartmann-Trunk und karierte Hemden mit Doppelmanschette: So muss er ausgesehen haben.
Den Wanst hat er sich im 2. Semester in der schlagenden Verbindung angesoffen und seitdem ist er ihn nicht mehr losgeworden. Zur Examensfeier (Jura, natürlich) wurden
Zigarren gereicht. Am Ende der Feier stand EvK mitten auf der Tanzfläche, mit puterrotem, verschwitztem Gesicht, das Brooks Brothers Hemd drei Knöppe offen, links das Pils in der Hand, rechts die Cohiba und dann hat er „Dirty old town“ von den Pogues gekreischt.
Der Moment war seine Revolution, seine Befreiung, sein Coming Out. Schau her, Vater, ich bin anders als Du! Der Vater sah zu, schüttelte den Kopf, schaute betreten auf seine Aldens, suchte einen Ascher für seine Habano, nahm die Barbourjacke und seine Frau und ging nach Haus.
Und EvK war am nächsten Morgen wieder nüchtern, ging danach dann gleich ab in den Bundestag, besetzte hier und da Ausschüsse und ist nun Chefsprecher Außenpolitik.
Go, Ecki, go, Du bist echt so ein Pogues-Typ, ein totaler Revoluzzer!

Eine Lanze fürs Arschgeweih

Eine Lanze fürs Arschgeweih!
Als ich 16,17 war, da war es schlicht unvorstellbar, dass eine mehrfach tätowierte und regelmäßig intimenthaarte Frau woanders arbeitete als in einem Marseiller Hafenbordell. Und anders als alt und häßlich aussah. In diesen Zeiten klarer Weltvorstellungen war dies ebenso unzweifelhaft wie die Überzeugung, dass solche Frauen die sexualpraktisch höchste Kompetenz aufwiesen, verknüpft mit einem Hang zu libertinärer Ausschweifung. Zusammenfassend gesagt: Wer Tattoos hatte plus keine Haare unten, war (die paar schwulen Matrosen mal ausgeklammert) eine Nymphomanin und deshalb das größte für uns hormonübersättigte Jungs.
Das prägt. Das bleibt im Hirn. Heute sind solcherlei Frauen oftmals jung und hübsch und in bürgerlichen Berufen. Die Assoziation ist damals wie heute falsch. Aber trotz gelassenerer Hormone spüre ich mit behaglich wonnigem Entzücken heute immer noch einen leichten, lendenwärts gerichteten Stromstoß beim Anblick einer schönen Tätowierung an einem makellosen Rücken. Das ist nur ein kurzer Augenblick aber der kann schonmal einen trüben Tag strahlend aufhellen. Deshalb meine egoistische Bitte an die Frauen: Das TShirt weiterhin kurz lassen und die Tätowierstuben weiterhin aufsuchen! Danke!

Taormina 24. – 30. Juli

Taormina 24. – 30. Juli

38 Grad sind zu heiß für mich. Ich schwitze schon bei 25, wenn kein Lüftchen geht. Bei 30 fühl ich mich richtig unwohl, bei über 40 müsste ich ganz sicher sterben.
Ganz Sizilien hatte vom Tage meiner Ankunft bis zur Abreisestunde niemals weniger als 38 Grad anzubieten, mit Ausnahme der kurzen Zeitspanne von zwei bis fünf Uhr nachts. Lebensrettend für mich sind daher im Hochsommer klimatisierte Räume. Ich hasse die Leute, die sich im Sommer über Klimaanlagen beschweren. Die machen im Auto bei 56 Grad lieber die Fenster auf als die Air Condition an: „Man hat sich sonst ja SOFORT eine Erkältung gefangen!“ Rücksichtslose Ärsche! Ich sterbe wegen Kaliumverlusts durch übermäßiges Schwitzen und die sorgen sich um einen Schnupfen!
Also fragte ich telefonisch beim ausgesuchten Hotel an, ob die Räume klimatisiert waren. Ich fragte nicht einmal, ich fragte zehmal. Ich hatte da schon Überraschungen erlebt, Klimaanlagen sind ja nicht gleich Klimaanlagen. Ich erinnere mich an die Panik, die mich einmal im August in einem Ferienclub in der Türkei befiel, als ich im Hotelzimmer erstmalig die Aircondition ausprobierte und lediglich ein jämmerliches Winseln zu hören bekam statt eines wuchtigen Fauchens. Ich verbrachte den überwiegenden Teil des Aufenthalts damit, herauszufinden, wo man stromgetriebene Tischventilatoren kaufen konnte. Damals jedenfalls hieß es auch“Klar haben wir klimatisierte Zimmer, ist doch logisch!“. Also fragte ich jetzt ungefähr so oft wie Jack Nicholson in „Besser gehts nicht“: „Haben Sie Taschenkrebse?“ „Haben Sie Taschenkrebse? “ „Haben Sie Taschenkrebse?“.
Sie hatten. Eine sehr gute Klimaanlage im Zimmer. Ein wunderschönes Zimmer mit eigenem Balkon und Blick aufs Mittelmeer.

 

Taormina selbst auch schön. Bisschen überlaufen. Aber doch schöne Stimmung am Abend. Hochzeit um zehn Uhr abends. Das fand ich ungewöhnlich, aber nachvollziehbar, denn ein Bräutigam im dunklen Anzug würde eine Mittagstrauung im Sommer nicht überleben.

 

Kobnhavn Kopenhagen 17. – 21.Juli

Auffallend:
Die Männer – in der Überzahl schlank und drahtig,Typ Lance Armstrong, mit den asketischen Vertikalfurchen in den Wangen. Dagegen die Frauen: Blond (nicht unerwartet) und moppelich (überraschte mich dann doch). Deshalb sahen die meisten Pärchen ein wenig seltsam aus, da war eine Unwucht drin, irgendwie. Ich versuchte, einige dieser Pärchen beim Essen zu beobachten, konnte aber nicht feststellen, dass die Frauen ihren Freunden heimlich die Pølser vom Teller klauten.

Aufregend:
Die schönste Frau von ganz Kopenhagen ist Frederikke, sie bedient an der berühmten Hafenpromenade namens Nyhavn in einem Lokal, dessen Namen ich vergessen hab, aber es ist direkt hinter der ersten Querstraße gelegen. Frederikke ist nicht blond, nicht moppelich und hat ein Lächeln, das den Bäumen im Dezember die Blüten an die Äste treiben kann.

Ärgerlich:
Das Phoenix trägt im Reiseführer den Zusatz „Nobelhotel“. Das passte nicht so recht zum günstigen Übernachtungspreis, den ich im Internet bekam aber ich dachte mir erstmal nichts dabei. Als ich ankam, war deutlich zu sehen, dass dies eins von diesen Hotels war, die die Nobelzeit ziemlich lange hinter sich hatten, so in etwa wie das Palace in Berlin, das ja irgendwann einfach nur schlau entschieden hat, allen Luxus abzuschaffen und nur die Pagen mit ihren Käppis beizubehalten. Reicht für 5 Sterne:

Übrigens, apropos Pagen, das unglaublichste Hotel, in dem ich jemals übernachtet habe, ist das Peninsula in Manila:

Die Pagen dort dürfen nicht größer als 1,40m sein. Sie stehen am riesigen Eingangsportal und öffnen die Tür, die dreimal so hoch ist wie sie. Und sie stehen zu zweit diskret in der Ecke des Waschraums auf dem Klo, wo sie sofort mit einem Baumwollhandtuch herbeihechten, wenn man sich die Hände fertiggewaschen hat. Beim erstenmal denkt man eine Sekunde lang an Überfall, beim zweiten und dritten Mal lacht man innerlich, beim vierten Mal denkt man gar nix mehr und beim fünften Mal dreht man sich verärgert um, wenn der Heranhechter eine Zehntelsekunde Verspätung hat.
Das Phoenix hat keine Pagen, nur eine dolle Historie (H.C. Andersen! wohnte! hier! oft!) und eine einigermaßen beeindruckende Lobby. Und das vermutlich kleinste Hotelzimmer ganz Europas. Mir wurde klar, dass die günstige Rate sich ganz einfach dadurch erklären ließ, dass sie sich offensichtlich über einen Quadratmeterpreis berechnete. Mein Zimmer hatte schätzungsweise 6 davon. 6 Quadratmeter. Vollgestellt mit Bett, Schrank, TV, Tisch, Badezimmer. Jetzt kamen noch ich und mein Koffer dazu. Wenn ich den öffnete, ging das nur, indem ich mich aufs Bett hockte und den Koffer davor auf den Boden platzierte. Wie gesagt, ärgerlich.

WASG

Mal in der WASG Homepage gestöbert und Folgendes gefunden:
„Der Druck auf die Menschen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen und eben keine relevanten Vermögenseinnahmen haben, hat verschiedene Dimensionen. Zum einen wird die akkumulierte oder vergegenständlichte Arbeit (als Kapital) immer wichtiger gegenüber der lebendigen Arbeit. Die Eigentümer beanspruchen daher den Löwenanteil des Ertrages aus diesem Wertschöpfungsprozess, soweit sie nicht durch die organisierten Lohnabhängigen zu anderen Kompromissen gezwungen oder durch gesetzliche Regulation beschränkt werden.“
An diesem Jargon-Geschwurbel erkennt man, wie nötig die Linke einen „Volkstribun“ (Prantl) hat, der potenzielle Wähler vor diesem altlinken Hauptseminargeschwätz bewahrt. Typisch, dass es momentan insbesondere um die Namensfrage geht: „Judäische Volksfront“ oder „Volksfront von Judäa“.
Da lasst Euch man ein bis drei Monate Zeit für die Diskussionen im Schneidersitz und unter Lehrern.
Kassler Kappes!
Wenn das wirklich 8 – 15 Prozent geben soll, dann muss man einen populären Politstar wie Oskar finden, der mit allen Medienwassern gewaschen ist. Wenn ich mir die vier Tröpfe da am Tapeziertisch der WASG-Pressekonferenz angucke, dann denke ich zusätzlich „UND ZWAR SCHNELL!“.
Wir haben da: 2 Volkswirte, einen Elektromechaniker und eine Suchttherapeutin.
Der Sympathischste ist der Mechaniker.
Der erweiterte Bundesvorstand ist ähnlich besetzt. Vielen Dank, Herr Thies Gleiss, für dieses total sozialwahlalternative Zungerausstrecken auf dem Bild. Das ist echt irgendwie super subversiv.
Dann noch ein Abstecher zum Kreisverband München
Hm.
Ich geh da nie nich mehr auf die WASG-Website. Das macht wieder mutlos.

Die Guten ins Töpfchen III : Das Ergebnis

Wie war das noch? Schlimme Nachrichten will man im Regelfall lieber persönlich überbracht bekommen, gute eher per Telefon? Oder andersrum? Oder gibts da keine Regel?
Mir ist so oder so telefonisch lieber. Bei schlimmen schon mal sowieso, dann kann man das Schwitzen anfangen oder bleich im Gesicht werden oder ein Vase zertrümmern und nachher kann man immer noch behaupten, man habe das alles ganz cool weggesteckt.
Aber auch bei Glücksnachrichten ist mir lieber, wenn der Überbringer mich nicht prüfend anstarren kann, um festzustellen, ob ich mich auch JA genug freue: „Schatz ich bin schwanger!“ „Toll.“ „???“

Gestern gabs die Töpfchenergebnisse. Bzw. die gabs schon lang, nur gestern hab ich mich erst getraut, anzurufen. Sehr nervös im Bürosessel rumgeschwungen. Und dann noch Warteschleife, weil der Doktor telefoniert! Wahrscheinlich teilt er gerade einem 55jährigen Prostatapatienten irgendeine niederschmetterende Alles-muss-rausgenommen-werden- Diagnose mit.
Dann ist er in der Leitung und Papier raschelt. Stille als Begrüßung. Meine Kehle ist Wüste. „Sooooo…. Sie haben eine geringe ……… , 18,8 statt dem normalen Durchschnitt von 20 Millionen Spermien. Das kann aber an der Tagesform liegen. Alle sonstigen Werte okay, Beweglichkeit sehr gut, Testosteron spitze. Alles in Ordnung“.
Alles in Ordnung? Nicht wirklich! Mein Freund U. z.B. hat 27 Mio Spermien abgeliefert! Dieser flächendeckende „Shock & Awe“-Einsatz einer 8,2 Mio Köpfe starken Zusatztruppe hat ihn vermutlich kürzlich zum Vater gemacht. Einer von diesen Kämpfern wars bestimmt, der durchkam.
Also, bei mir unterdurchschnittlich viele, dafür aber gut trainierte Jungs im Camp. Flink, geschmeidig, schnell und zusätzlich befeuert vom Testosteronhammer. So stell ich mir das vor.
Die schlechte Nachricht kam ganz am Ende. „Ist wahrscheinlich nichts Schlimmes aber Sie könnten wegen Ihrer ….. mal eine Blasenspiegelung machen lassen. Nur zur Sicherheit. Ich weiß, das ist eine unangenehme Untersuchung, aber wir haben ein flexibles Spezialgerät, das tut damit weniger weh.“

Sonntagsfrage

Gerade weil jetzt restlos alle überzeugt sind, dass die Politik nach der vorgezogenen Wahl nur in die chefvolkswirtschaftlich anerkannt richtige Richtung gehen kann (lediglich in der Ausprägung gibts die Frage: Diesel oder Turbo?), setz ich auf Oskar. Man stelle sich vor, er holt 15 % (5 von PDS, 5 von SPD, 5 vom Rest), und dann im Herbst etwa so: CDU 43, SPD 28, FDP 5, Grüne 5, Oskar 15 und dann gibts die große Koalition und zwei Jahre später ist die kaputt und der Bundestag löst sich auf, weil er das inzwischen verfassungsrechtlich ermöglicht hat und Oskar hat 30%.
Wenn schon Opposition, dann auch richtig. Mal wieder wirklich links wählen können, ohne die Stimme zu verschenken, das würde mich schon sehr freuen, wo ich mich doch momentan so unaufgehoben fühle mit meiner politischen Meinung.
Aber vielleicht ist es eben doch zu früh. Blöde Neuwahlen, blöde.

Alternativlos

Da schwillt was an. Die alte Messerstichnarbe tritt deutlich wie ein Marskanal auf dem Halsfett hervor. Die Gesichtshaut schimmert im bäuerlichen Violettrosa. Unter dem riesigen, haarbekränzten Schädelrund zucken Mund und Augen noch weibischer als sonst.
Oskar Lafontaine hört gerade die Müntefering`sche Ankündigung vorgezogener Neuwahlen.
Schröder, der Sack, schon wieder. Der Arsch! Macht mir alles kaputt! Der schöne Coup, Austritt aus der SPD und Linksbündnis mit mir als Chef des Politbüros! Der finale Fangschuß für den niederträchtigen Niedersachsen!Am Tag seiner NRW-Niederlage. Ha!Und nun das. Alles hin. Wahlen schon dieses Jahr? Zu früh! 4 Monate reichen nicht für das Hochziehen einer Linkskoalition. Man kennt doch diese Linken mit ihren Debattier- und Quengelfreude. Dabei wärs doch was, mit Gregor, dem untotbaren Wiedergänger. Das wärs doch gewesen! Ein General für den Westen, einer für den Osten!
Und nun? Kacke! Scheiße! Nochmal 4 Jahre warten auf St. Helena oder sonstwo.

Die Guten ins Töpfchen – Teil II: Gunslinger

Geschafft.
Anschließend der Versuchung widerstanden, fünf Minuten zu warten und dann nachzulegen, um mengenmäßig Eindruck bei der Arzthelferin zu schinden.
In der Praxis dann Tür offen aber niemand da, außer einer Dame um die 60, die ihre eingetopfte Urinprobe in der Hand hält. Sie bemerkt, dass ich ein gleichaussehendes Plastikgefäß mit mir führe, startet ein Lächeln, das dann aber einfriert, als sie erkennt, dass der Inhalt meines Töpfchens andersfarbig und von abweichender Konsistenz ist. Ich versuche ihrem Blick mit neutralem Gesichtsausdruck standzuhalten, so dass wir uns 5 Sekunden wie zwei Revolverhelden beim Duell gegenüberstehen.
Dann kommt das faule Sprechstundenluder endlich, nimmts mir ab und fragt mich, wie alt es sei. Ich antworte nach einem Blick auf die Uhr und bin froh, der Versuchung (s.o.) nicht nachgegeben zu haben, sonst hätte ich jetzt „15 und 20 Minuten“ antworten müssen.

Die Guten ins Töpfchen

Die Guten ins Töpfchen

„Denken Sie bitte an die Karenzzeit?!“. Ja, mach ich. Die Karenzzeit ist die Zeit, in der ich meine „Batterien auffüllen“ sollte (Originalton Dr. K.), also weder allein noch unter Zuhilfenahme einer Frau meinen unter potenziellem Qualitätsmangel leidenden Spermien den Weg nach draußen zeigen darf.
Nach der Karenzzeit („5 Tage, einige sagen, drei wär besser aber machen Sie mal 5“) bin ich dann aufgefordert in dieses Töpfchen:


den Beweis meiner vorhandenen oder nicht vorhandenen Vermehrungsfähigkeit zu erbringen.
Um zehn Uhr morgens ist abzuliefern.
„Es muss frisch sein, höchstens 30 Minuten alt“. Das Sprechstundenluder guckt mich an. Denkt die sich eigentlich irgendwas dabei? Denkt die vielleicht, die arme Sau, noch gar nicht so alt aber schon Schluss mit lustig?
„Ich meine, müssen sie es hier machen?“ Das sagt sie wirklich und das finde ich fast anzüglich in der Wortwahl. Außerdem ist mir das Gesprächsthema unangenehm, weil hinter mir der UPS-Mann steht und ein Paket in der Praxis abliefern will.
Ich erkläre ihr schnell, dass ich 5 Minuten um die Ecke in der Auffahrtsallee wohne.
„Gutdannistdasjakeinproblem“. Okay, die denkt sich absolut gar nix dabei.
Ich hab das schon mal machen müssen, das ist gut zehn Jahre her. Damals noch in Köln. Da lieferte ich nach gestoppten 22 Minuten ab. Während der Autofahrt hatte ich mir überlegt, ob die Situation bei einer eventuellen Polizeikontrolle als übergestzlicher Notstand durchgehen würde. In der Praxis war grad Mittagspause, als ich ankam und erst nach 3 mal Klingeln hat die Arzthelferin geöffnet. Mit mürrischem Blick und gerade in ein belegtes Brot beissend. Ich hab mit knallrotem Kopf mein Töpchen abgegeben, das sie mit sehr spitzen Fingern entgegennahm. Seitdem weiss ich, warum die Dinger so einen Schnabel am Deckel haben (s. Bild).
Aber warum die so groß sein müssen, weiss ich bis heute nicht. Entmutigend groß.
Donnerstag früh werd ich wieder davorsitzen.

Weggucken, weil man sich stellvertretend schämt

Die Herren Moretti und Koch bei einem Sportreporter zu Gast. Man sollte denen die Zunge abbrennen. Fritz Walter jr. konnte auch nur Hütten machen und nicht reden. Weil der mit dem Zählen nicht so hinkam. Ich stell mir Sebastian Koch (ich mag schon den Vornamen nicht) nach drei Wodka vor, mit einem blonden Dings im Arm. Das Hemd drei Knöpfe auf und verschwitzte Brusthaare. Dann zu wissen, dass man mit drei Klugscheissersätzen die Blonde weich machen kann. Und nach dem ersten Satz zu wissen, dass man sich bei den beiden anderen nicht mehr anstrengen muss.

Fundsache

Fundsache

Ich habe wirklich keine Ahnung mehr, was der Cassettentitel mir bzw. irgendjemand anderem sagen wollte. Aber ansonsten ist das hier doch mal wirklich eine Diedrich-Diederichsen-reife Zusammenstellung:

Aber dann so oberarrogant „4th Single“ bei Depeche Mode hingeschrieben, statt des wirklichen Titels. Wahrscheinlich hab ich da irgendeine obskure, auf Spanplatte gepresste allerallererste Scheibe mit dazugerechnet und dann alle abgekanzelt, die mir mit „hey aber die 4. Single von denen ist doch ne ganz andere!“ einen Fehler nachweisen wollten.
Muss ich 1984 oder spätestens 1985 gemacht haben.
Jungejunge.

Headhunterday

„Wir fliegen Sie nach Frankfurt ein für ein Gespräch.“ SO kriegt man mich natürlich, das geb ich zu. Da war dann auch egal, dass die Jobbeschreibung wieder mal überhaupt nicht zu meinem Lebenslauf passte. Aber der lag denen ja vor und wenn die so dämlich sind….
Im Airport Club des Frankfurter Flughafens (Members only! Kolonialmöbel mit grünem Kunstlederbezug!) begrüsste mich die resolute Frau S, musterte meine Erscheinung (den Fleck am Revers hatte ich am Morgen entdeckt und vergeblich versucht, ihn wegzurubbeln), rückte ihr Eulenbrille im strengen Gesicht zurecht und sprach: „Ich mach seit 18 Jahren Personalberatung“. Ich erwartete, dass sie das Wort „Sohn“ noch ergänzen würde aber sie tats nicht und so entstand schon die erste unangenehme Pause.
Im Gespräch wurde dann schnell deutlich, dass beide Seiten nicht so recht wussten, wieso man sich traf aber da ich hier der Eingeladene war und Kaffee und Kekse frisch waren, machte ich es mir im Gespräch gemütlich. Sie guckte an die Wand oder auf die Uhr aber ich hatte immer noch Fragen. Nach einer Stunde verabschiedeten wir uns unter Austausch von Nettigkeiten und vergaßen die Sache.
Ich hatte noch eine Stunde bis zum Rückflug und nutzte die Zeit, um in der Lufthansa Lounge Beobachtungen zu machen und die Bar zu testen. Neben mir saß ein Geschäftsmann, der persisch aussah, ein älterer Herr, vermutlich kannte der den Schah noch persönlich. Er rauchte lange weiße Zigaretten und blies den Rauch nicht raus, sondern ließ ihn gelassen in hellen Wolken aus Mund und Nase fließen. Das sah sehr cool aus, er gehörte zu den Rauchern, denen das Nikotin ganz offensichtlich nix anhaben konnte. Nicht so wie die nordeuropäischen Violettgesichter, die zitternd am Stengel hängen und denen man ansah, wie das Gift Zug um Zug den klapprigen Körper abnagt. Mein Perser hier war braungebrannt und wohlgenährt und der Rauch wurde ganz offensichtlich durch Stahlpipelines hinunter zu seiner Eisenlunge geführt, dort verwertet und danach einfach wieder abgelassen wie aus einem unverwüstlichen Fabrikschornstein. Die ganze Zeit über fütterte er einen auf seinem Arm mitgeführten Zwerghund mit liebevoll zurechtgebrochenen Keksbrocken. Souverän! Der wär sicher anders umgesprungen mit Frau S. als ich. Aber der verkauft ja auch bestimmt Öl oder Edelsteine und sicher keine lahmarschige langweilige Software.
Später auf dem Weg zum Gate liefen mir drei Promis aus der zweiten und dritten und vierten Reihe über den Weg: Guido van Kampen, der an mir vorbei hetzte, weil er fast seinen Flug nach Brüssel verpasst hätte, Christa Kinshofer in einer wahnwitzigen Kombination aus dunklem Nadelstreifenanzug und kirschroter Krawatte sowie Hagen Bosdorf, der auf meinen Flug nur über Warteliste reinkam. Der sah ganz blaß aus und trug eine speckige, traurige Schweinslederjacke in Schwarz.
Über den Wolken hab ich dann ganz viel Dvorak in meinem ipod laufen lassen und mich unter Zusatz von Economyclassrotwein in eine ganz gemütliche Tagesausklangstimmung bringen können. War eigentlich ganz okay der Tag aber trotzdem werd ich das nächte Mal so eine Reise nicht mehr machen. Das mit dem Fliegen hat lange nix mehr zum Gutfühlen beigetragen. Und seitdem ich weiß, wohin Flugpanik jemanden führen kann, fühl ich mich diesem scheußlichen Gefühl auch näher.

Flaches Denken

Neulich beobachtete ich einen Jungen, der flache Kieselsteine in den See schmiss, die dann eine Zeitlang über das Wasser hüpften. Ja Scheiße, fuhrs mir durchs Hirn, genauso ist Dein Denken, da fehlts an Tiefe, Du kratzt immer nur an der Oberfläche. Und das Ende des Kieselflugs ist auch kein Eintauchen und Heraufholen, sondern einfach nur ein Untergehen.
Herrjeh.
Naja. Die vermisste Tiefe hab ich dann später im Biergarten gefunden als ich ins ein oder andere Glas schaute. Da hab ich dann wieder recht zufrieden aus der Wäsche geguckt.

Säälä

Gestern im t**o (fürch-ter-licher Laden! Unterirdisch! Weiß ich selbst, war aber angedüdelt und hab mich von Anderen überreden lassen):
Ich im Gespräch mit einer mir unbekannten blonden Frau Mitte 30, die so klein und zierlich war, dass man Angst haben musste, man tritt auf der Straße aus Versehen auf sie.
Ruslana sei ihr Name, sagt sie, aus Kiew komme sie. Das hätte stimmen können, obwohl sie keinen von diesen großen runden russischen Köpfen hatte, sondern ganz im Gegenteil.
Ihr Sohn sei 17 und heisse Sergej. Hab ich auch geglaubt, weil mir ein Foto gezeigt wurde und warum auch nicht. Junge Mutter eben.
Das Parfum roch gut und teuer. Ihre Hände waren klein, unlackiert und dauernd in Bewegung. Sie blickte in meine Seele („Ich blickä in Deinä Säälä“) und hat nette Dinge über mich gesagt, die ich gern glauben wollte.
Dann sagte sie sehr viel später noch, da war sie dann schon sehr betrunken vom Rotwein, der Ihre Schneidezähne so blau gefärbt hatte, als ob sie Tinte getrunken hätte:
„Ich brauche Mann mit Gäld. Ich brauche für mich und für Sergej, Du verstehen?“
Ich verstand. Im Wein liegt die Wahrheit. Ich griff nach meinem Mantel. „Was? Warum Du willst gähän jätzt? Wer zahlt meine Gätränkä hier?“
Ich weiß nicht, wer letztlich ihre Gätränkä zahlte.
Ich weiß nur, dass ich noch mit dem Auto nach Hause gefahren bin und dass das -betrunken wie ich war- ziemlich dumm von mir gewesen ist.

Reflex

Vorgestern, irgendwo in der Stadt:
„Ich hab gar keine blauen Augen. Ganz im Gegenteil!“ sagte sie und zog eine Schnute.Er blickte schnell nach unten auf seine Fußspitzen, um mich nicht in sie zu verlieben.

Die Valschen bekommen die Kinder

Heute wird in der taz anlässlich des Weltfrauentags wieder das Thema des fehlenden Akademikernachwuchses aufgewärmt und aus datums-angemessenem Blickwinkel serviert.

http://www.taz.de/pt/2005/03/08/a0146.nf/text

Jajaja. Nur: Das ist doch kein Unterschicht-/Oberschichtproblem. Wer keine Kinder bekommt, das ist die Mittelschicht, egal ob akademisch oder nicht. Alles darüber vermehrt sich strategisch und verbissen in Lebensbornmanier. Statistisch kann ich das nicht belegen aber ich bin mir sicher. Wer in München am Sonntagvormittag im „Eisbach“ frühstücken geht, und die Kohorten von Akademikerfamilien, Unternehmensberater- und Anwaltsnachwuchs sieht, der versteht mich.
Putzige Kindchen langweilen sich im schicken Kinderwagen oder an der Hand des Maßschuh- und Barbour-Nachf.-tragenden Papas. Die Mama, stolz, schneller als Heidi Klum wieder das Schwangerenfett abpilatiert zu haben schwatzt derweil gutgelaunt mit der soccermom vom Nachbartisch, die gerade den eigenen Nachwuchs aus dem Caffe Latte zieht.
Was bleibt nach dem Überschreiten der 35, dem Brilliantring, der Nobelwohnung in Isarnähe und dem xhundert-PS-Van noch zu tun, um sich ins rechte soziale Licht zu rücken? Kinder haben. Viele Kinder haben. Hier im Eisbach am Sonntagmorgen sieht man sie alle. Erschaffen und geformt nach den Ebenbildern aus der Vogue-Bambini. Teure Kinder – 100.000 Euro kosten die nicht erst im Studium, sondern schon vor dem Abitur.
Die einen Falschen kriegen die Kinder mit Anfang 20, die anderen Falschen mit Ende 30. Und diese Kinder der Spätestgebärenden, die da großwerden, werden einen Teufel tun, die „Weichen anders zu stellen“ als die Frauen von heute, so wie es die taz-Autorin beklagt.
Denn alles soll ja so bleiben wie es ist (s.u., 7. März). Und daran werden sie arbeiten, die Heranwachsenden, werden kleine postpubertäre Zweifelkeime überwinden und dann am Ende schlimmer sein als die eigenen Eltern. Prost Mahlzeit.
Was geh ICH auch Sonntagmorgens ins Eisbach? Selbst Schuld, wenn ich mir den Tag versaue.

Nur’n Plan

Mein Plan ist, heute um 18 Uhr zur Praterinsel zu fahren, da macht die Kantine nämlich zu und sie hat Schichtende.
Wenn ich mich nicht täusche, fährt sie einen Golf. Ich platziere mich dann also strategisch in dessen Nähe, am besten wär es, grad nebenan zu parken. Sie wird sicher sehr müde sein, vom vielen Kellnern und vom Abwehren der unehrenhaften Annäherungsversuche böser angetrunkener Männer, die sie alle nicht mag, weil sie doch vom weißen Ritter träumt, der ihr romantisch den Hof macht. Weil ich clever bin wie ein Fuchs, hab ich die Curver-Box dabei, die mir zum Einladen der Geschenke am Ende des Fests mitgegeben worden war. Die will ich jetzt also zurückbringen, da hab ich einen prima Grund. Und deshalb kann ich, wenn ich sie dann treffe, so mit „ach bin ich jetzt zu spät, ich wollte Euch doch noch das hier zurückbringen“ in das Gespräch einsteigen. Ich plane, ein wenig ungeschickt mit der Box rumzuhantieren und einen etwas hilflosen Eindruck zumachen, nicht zuviel, nur so dass sie sich überlegt „ach dieser nette Mann, der tut sicher den ganzen Tag große und wichtige Sachen aber im täglichen Leben ist er ein wenig überfordert, da helf ich ihm doch gleich mal“. Dann gehen wir also nochmal rein in die Kantine und geben das ab und auf dem Weg werd ich so ganz ungezwungen smalltalk machen, so wie „Das ist vielleicht ein Winter, was?“ z.B. oder ähnliches, nur nichts politisches oder so, das weiß man ja, dass das nicht so gut ankommt. Auf dem Rückweg zum Auto sollte sie dann am besten ausrutschen, dann kann ich sie im letzten Moment auffangen und sagen „wenn du mit mir was essen gehst, lass ich Dich nicht fallen“ oder was anderes lustiges. Wenn sie dann lacht, dann heisst das ja, dass sie in mich verliebt ist, aber wenn sie mir einen Vogel zeigt, dann ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass sie momentan noch nicht erkannt hat, dass ich ihr weißer Ritter bin und dann werd ich mir was anderes ausdenken, was ich tu. Aber Fallenlassen werd ich sie dann trotzdem nicht, denke ich, es sei denn, sie sagt noch was entmutigendes, so wie „Hilfe, Hände weg!“. Dann vielleicht doch.

Alles bleibt so wie es ist

Sonntagmorgen vor einer Münchner Bäckerei in Nymphenburg: Ich beobachte eine wohl 40jährige schlanke Frau mit streng zurückgebundenen Haaren beim Wiedereinladen der Kinder in den sehr großen dunklen SUV. Sie trägt Seven-Jeans, Prada-Schuhe, eine weiße Bluse und eine Perlenkette darüber, dezenter Goldring am Finger: Philippa! Hierher! Charlotte, rutsch durch, mach Platz für Maximilian! Und drei kleine hübsche gesunde blondschopfige Kinder, ausgestattet von Lodenfrey Kinderabteilung, krabbeln lachend ins Auto, fahren wie jeden Tag zurück in ihr Haus in der Prinzenstraße, spielen mit den Hunden, grüßen artig den Gärtner, radeln in die Vorzugsschule, werden in 10 Jahren beginnen, ihr herrschaftssicherndes Kreuzchen an jedem Wahltag bei F.D.P. und CSU zu machen. Und in 20 Jahren, als sieggewohnte junge MBA Absolventen, werden sie Witterung aufnehmen, um gleichgesinnte, vor Fruchtbarkeit fast explodiernde Geschlechtspartner zu finden, die für herrschaftssichernden Nachwuchs sorgen werden, damit die Fackel weitergegeben wird, auf dass die Welt immer so bleibt wie sie ist, denn mein Gott, das wäre doch schrecklich, wenn dieses Paradies verloren ginge….

Audiophil

Gestern rief so eine Call Center-Frau von Kienbaum an, wegen irgendeines, auf mich völlig unpassenden Jobangebots. Das hab ich ihr auch gleich mitgeteilt, dass ich da überhaupt nicht in Frage käme.
Aber sie hatte eine sehr schöne Stimme, ganz samtig und das letzte Wort in jedem Satz hat sie so ganz langsam ausrollen lassen, wie auf einem roten Teppich. Das hab ich ihr gesagt, mitten im Satz hab ich sie unterbrochen. Und sie ist richtig schön aus dem Konzept gekommen und hat gestottert mit ganz vielen süßen kleinen samtigen „ääh’s“.
Dann entspannte sich folgender Dialog:
„Naja also ich interessiere mich sehr für die Stelle“
„Aber eben haben Sie doch das gegenteil gesagt!“
„Geben Sie mir Ihre Nummer? Ich überlege nochmal wegen der Stelle und rufe dann zurück“
-kurzes Schweigen am anderen Hörer mit Denkgeräuschen-
„Die Stelle ist für einen Projektmanager. Das hat ja tatsächlich ziemlich wenig mit dem zu tun, was Sie momentan beruflich machen, das scheint nicht zu passen“
„Ich glaub das auch“
„Warum wollen Sie dann meine Nummer?“ (das kam schnell und hörte sich etwas herausgerutscht an)
-taktisches Schweigen meinerseits-
„ähm“ (nicht ganz so samtig, wie sie es eigentlich könnte) und dann
„0211/3……..“
„Dankeschön“
-nochmal kurze, knisternde Pause-
„Gut, dann also, Sie melden sich nochmal?“ (sehr samtig aber ohne Ausrollen am Ende, sondern eher so, als ob sie sich nach der letzten Silbe auf die zunge gebissen und ‚wie blöd hab ich das denn grad betont‘ gedacht hat)
„Bestimmt“
-Schlußgrußformelaustausch-

Die nächsten zwanzig Minuten war ich verliebt.

Dann stellte ich mir vor, dass diese Stimme zu einer 150 kg Dame mit Nasenhaaren gehörte und ich erinnerte mich an meinen guten Freund U., der mal im Studium tagelang einen Telefonflirt veranstaltet hat und die Frau dann bei einer Party zum erstenmal getroffen hat.
Seine ersten Worte waren: „Ach, ich hab mir Dich ganz anders vorgestellt, Du hast so eine hübsche Stimme!“. Es waren auch die letzten und ich kann verstehen, warum er selbst heute noch vor Peinlichkeit Gänsehaut bekommt, wenn ihn jemand drauf anspricht.