Der Faktencheck ist die Erfindung eines Lügners

Truth kommt von Trust, sagte Heinz von Förster. Wahrheit kommt von Vertrauen. Vertrauen setzt aber, so ist es nun mal, Nichtwissen voraus. Die Transparenz, die ja in aller Weltenverbesserer Munde ist, schafft das Nichtwissen und damit das Vertrauen ab. Transparent ist nur die Leere, sagt Byung-Chul Han. Und er sagt auch: Die Wahrheit ist ein Versprechen.

Jedes Versprechen aber ist intransparent. Wahrheit braucht also Vertrauen.

Eine Summe von Informationen schafft keine Wahrheit. Wahrheit erklärt das Warum, Informationen erklären das Was. Kausalität versus Korrelation. Wenn eine Summe von Informationen eindeutig einen Zusammenhang zeigt zwischen gelber Innenwandfarbe von Supermärkten und hohem Umsatz, dann reicht das zur Entscheidungsfindung, welche Farbe man dem neu zu bauenden Supermarkt geben soll. Niemand muss dazu den Grund wissen, warum es diesen Zusammenhang gibt. Deshalb ist es egal ob der Zusammenhang „wahr“ ist. Er ist einfach da.

Was ist 3+4? fragt der Lehrer. 7, sagt der Schüler. Das ist wahr, lobt der Lehrer. Das ist nicht wahr!, meldet sich Heinzchen. Warum? fragt der Lehrer. Weil 3+4 auch 4+3 ist, sagt Heinzchen. Na und, schnaubt der Lehrer. Wenn das wahr ist, belehrt Heinzchen, dann kann „7“ nicht auch wahr sein. Aber warum denn nicht, empört sich der Lehrer. Weil es doch keine „alternativen Wahrheiten“ gibt, antwortet der Schüler, das ist doch eine Erfindung der Neorechten in Amerika, sagen Sie doch immer! Aber das ist doch etwas völlig anderes, ruft der Lehrer. Eben, sagt Heinz.

Fakten versus Sinn. Religionen, aber auch politische Bewegungen, sind Sinngeber, sie erklären das Warum. Mit einem Versprechen, das man nicht validieren kann, weil es nicht um Fakten, also validierte Informationen geht, sondern um eine Erzählung. Um Vertrauen. Glauben. Nichtwissen. Intransparenz.

Es gibt keine Versprechen mehr in der Politik. Sie werden sofort mit Faktenchecks getötet. Deshalb gibt es auch keine Narrative, Erzählungen im Wahlkampf, kein Mitreißen, keinen Aufbruch, kein Ziel. Gerechtigkeit als Narrativ funktioniert nur im philosophischen Kosmos, nicht im Datenkosmos. Aus Daten kann keine Gerechtigkeit herausgelesen werden, nur Gleichheit oder Ungleichheit. Deshalb die verfälschende Gleichsetzung von Gerechtigkeit mit Gleichheit in der Politik heutzutage. Gleich oder ungleich? Das ist eine Frage, die der Faktencheck beantworten kann. Gerecht oder ungerecht? Da muss er passen.

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