Konstruktivismus ist nicht gleich Postmodernismus

Die Annahme, dass unsere Wahrnehmung der Welt das Ergebnis einer Konstruktion ist, die wir auf Basis der mit unseren Sinnen aufgenommenen Signale in unserem Gehirn vornehmen, heisst NICHT, dass Fakten (nach wissenschaftlichen Regeln validierte Annahmen in der Forschung —> Wissen) soziale Konstruktionen sind. Wahrheit ist ungleich wissenschaftlich validierte Annahme. Die Ablehnung von Wahrheit durch die Postmodernisten bezieht sich aber genau auf die Ablehnung der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis insgesamt zugunsten durch Machtsysteme installierter Narrativen, die erfolgreich einen Wahrheitsanspruch für sich reklamieren. MaW sei, was wir wissen können, stets abhängig von dem System, das die Macht hat, das Wissen zu bestimmen.

Vor allem die negative Konnotation des Begriffs Macht bei den Postmodernisten weist über die Beschreibung des Zustand hinaus ins politische. Es gilt, die Machtkonstruktionen zu durchschauen und zu sabotieren.

Postmodernismus ohne politische Agenda gibt interessante Einsichten im Hinblick auf unser Verständnis von Sprache, Wissen, Wahrheit, Macht, Systeme.

Man ergänze Luhmann, der explizit keine politische Agenda hatte und damit Habermas ärgerte.

Oder Heinz von Förster, der dem konfrontativen Widerstand gegen eine nach Auffassung der Postmodernisten überall sich manifestierende Unterdrückung der Ohnmächtigen die wunderbare Metapher des Tanzes entgegenstellt: Gemeinsam Schritt für Schritt sich aus gegenseitigem Unverständnis hervortasten, langsam und immer wieder sich korrigierend, bis ein Miteinander entsteht, das schließlich in einen koordinierten Tanz mündet, in dem beide zeigen, dass sie durch Aufmerksamkeit, Empathie und viel Übung gelernt haben, sich zu verstehen und bestehende , womöglich große (kulturelle, ideologische, biologische etc.) Unterschiede zu überwinden.

Norbert Bolz: Keine Macht der Moral! Politik jenseits von Gut und Böse

Norbert Bolz schreibt mit bestechender Klarheit* über die Entstehung und die Folgen der Moralisierung der Politik. Mit erkennbarer Sympathie für konstruktivistische und vor allem systemtheoretische Positionen erklärt er das, was wir vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges nur erahnten: welch furchtbare Wirklichkeit wir bekommen, wenn wir in realitätsfremden, idealisierenden Träumereien von einer guten Welt verharren, statt die Tatsache anzuerkennen, dass es rational sein kann, politische Interessen auch gewaltsam durchzusetzen – und darauf dann angemessen, klug und effizient zu reagieren.

Er führt Machiavelli an und erläutert umfassend die Gegensätzlichkeit dessen politischer virtú des Fürsten einerseits und der Tugend des außerpolitischen Menschen andererseits. Die Fähigkeit, situativ richtig zu handeln ist die Kunst des Politischen und diese Kunst ist amoralisch (nicht unmoralisch). Das Richtige ist bei Machiavelli nicht das Gute, sondern das, was für die Selbsterhaltung des Fürsten notwendig ist.

Über Hobbes schreibt er, dass dieser, geprägt durch die Schrecknisse der Religionskriege, in der Unterwerfung unter die nicht hinterfragbare Autorität des Staates (bei Machiavelli wars noch eine Person, der Fürst) die einzige Möglichkeit sieht, den Krieg aller gegen aller zu verhindern: Durch Einschränkung der Freiheit des Einzelnen um Austausch mit der Gewährung von Schutz. So wird das Eintreten für Wahrheit, das nach Hobbes immer zum Krieg führt, durch eine oberste Entscheidungsinstanz ersetzt. Der Wert der Entscheidungen dieser Instanz besteht in der Entscheidung selbst und in nichts anderem. Nicht in Gerechtigkeit, Wahrheit, Moral. Insofern liegt Hobbes ganz auf einer Linie mit Hegel, den Bolz anschließend behandelt.

Der Kompass eines tugendhaften Menschen zeigt mitunter in eine andere als für die Zwecke des Machterhalts -und damit die Zwecke des Politischen schlechthin- richtige Richtung. Deshalb ist die Frage nach der gesellschaftlichen Sphäre (Comte Sponville), nach dem funktionalen System (Luhmann) in der/dem wir uns befinden, so wichtig: Wer glaubt, in der Sphäre des Politischen die Leitunterscheidung des Moralischen (Gut/Böse) anstelle der Leitdifferenz des Politischen (Macht/Ohnmacht) anwenden zu können, begeht einen Kategorienfehler. Einen Fehler mit unter Umständen gravierenden negativen Folgen.

Die Moralisierung des Politischen, schreibt Bolz, geht einher mit der Politisierung der Moral. Zu sehen ist das auch in den gemischten Talkrunden, in denen es inzwischen zur absoluten Normalität geworden ist, NGO’s und Politiker über die Richtigkeit politischer Entscheidungen diskutieren zu lassen. Ohne zu merken, dass dadurch zwei unbedingt getrennt zu haltende Ebenen vermischt werden und die Ebene des Moralischen auf die Ebene des Politischen (oder umgekehrt, je nach Bewertung) heruntergeholt wird. Die Überzeugung, dass das politisch Richtige nur das moralisch Gebotene sein kann, wird dadurch geadelt. Falsch bleibt sie trotzdem.

Deshalb hätte uns auch das neue deutsche Dogma einer werteorientierten Außenpolitik von Anfang an so verstören müssen. Deren Frontmann Steinmeier begreift aber erst jetzt, im Angesicht des Scheiterns am machiavellistischen Widersacher Putin, seinen Fehler.

*Was Bolz allerdings mal bräuchte, wäre ein aufmerksamer Lektor, denn zahlreiche Wiederholungen, zum Teil im selben Absatz, sind offensichtlich Ergebnisse von Zusammentragungen aus verschiedenen Texten oder Notizen. Sie bleiben unkorrigiert, was den Lesegenuß an so manchen Stellen unnötig schmälert.

Das „Zeig-mir-wie-Du -wohnst-und-ich-sage-Dir wie-Du-bist“ – Missverständnis

Wohnungseinrichtungen zeigen meistens nicht, wie man ist, sondern wie man sein will. Deshalb sind Wohnungseinrichtungen nur insofern interessant, als man sie als Hinweis auf die Charaktereigenschaften des Wohnungseinrichtenden begreift.

Warum sind Andere so daran interessiert, wie man wohnt und wie man sich einrichtet? Aha, klassische Moderne – ein gebildetet Haushalt! aha, schwarze Seidenbettwäsche – ein notgeiler Asi! Aha – Schmutz in den Ecken – ein faule Sau ohne Disziplin und Ordnungssinn?

Nein: Eine aufgeräumte, saubere Wohnung mit kuratierten Einrichtungsgegenständen ist, wenn schon, dann ein Zeichen für eine psychische Störung. Kontrollwahn, Minderwertigkeitskomplexe, Gefallsucht, Selbsthass, whathaveyou.

Girard

Wir wollen das haben, was ein anderer hat. Dieser wiederum hat zwar das, was wir nicht haben, ist selbst aber ebenso jemand, der etwas haben will, was ein anderer hat.

Ergo: Wir imitieren das Haben wollen des Anderen. In Philosophisch: wir begehren mimetisch das Begehren des Anderen.

Sowas kann sich nur ein Franzose ausdenken und dieser Franzose war René Girard.

Der Erfolg der Influencer lässt sich kinderleicht mit Girards mimetischem Begehren erklären. Influencer sind eine Erfindung der Werbeindustrie und es ist deshalb völlig richtig, wenn man sagt, Influencer arbeiten in der Werbeindustrie. Denn die Werbeindustrie hat verstanden, dass es in ihrem Geschäft nicht darum geht, den Konsumenten vom objektiven Wert des Produktes zu überzeigen, sondern davon, dass der, dem man gleichen will, dasselbe Produkt kauft.

Die Angst vor dem Scheitern bringt mich immer zu dem, was ich nicht will. Weil ich weiss, dass da, wo ich eigentlich hin will, das Wollen, das meinem gleicht, stärker ist als mein eigenes. Und ich deshalb den Rivalen unterlegen sein würde.

Kontingenz

Die mehrheitlich in den deutschen Medien und in der Politik vertretene Haltung zur Klima- und Pandemiekrise erinnert mich an die Geisteshaltung einer Frau, der ich regelmäßig beim Joggen am Samstag begegne. Ich kenne sie nicht, habe nie mit ihr geredet aber sie ist geschlechtsneutral repräsentativ und hat folgende Eigenschaften:

Um die 40 Jahre alt, Akademikerin, ein Ehepartner desselben sozialen Milieus und mit mindestens gleich hohem gesellschaftlichen Status. 2 Kinder, 3 und 7 oder 4 und 8, eins wird noch im Buggy vor sich hergeschubst, eins läuft schon mit. Oskar und Felix heißen sie, das nächste wird vermutlich Hugo oder Hanns mit 2 n genannt werden und dann etwas später gemeinsam mit dem sportlich aktiven Familienrest das geerbte oder schon bald abgezahlte eigene Heim bewohnen.

Sie ist jetzt da angekommen, wo sie hinwollte. Mit Selbstdisziplin, Organisationsfähigkeit, Planung und Kontrolle hat sie sich erarbeitet, was sie sich sls 13jährige erträumt hat. Sie hat das Leben in den Griff gekriegt und so hingebogen, wie sie es für sich und die zukünftigen Ihren angestrebt hat. Gegen Widerstände, innere und äussere, durch Verzicht heute zugunsten von Vorsorge und Absicherung für morgen, durch Sparen und Investieren. Sicher anlegen.

Und dann kommt diese Bedrohung in Form von Corona und Klima. Unberechenbar, gewaltig und von einem Einzelnen oder einer Familie eben nicht kontrollierbar. Was passiert: Diese Frau, stellvertretend eben für alle gleichartigen Menschen, fällt in den Panikmodus und fordert von der Politik „radikale Maßnahmen!“.

Mit welchem Tugenden man der Krise begegnen soll, weiss sie und schreit sie den Politikern entgegen: „Disziplin! Verzicht! Vorsicht! Regeln! Strenge Kontrolle!“ hat schließlich auch bei ihr geklappt und verdammt nochmal was ist denn die Aufgabe des Staates wenn nicht bitteschön das mit allen Mitteln zu verteidigen, was sie sich aufgebaut hat!

Diese sozial privilegierte Krakeelerin repräsentiert die Lebenswelt der Privilegierten im Journalismus, im Verlagswesen, in der Öffentlichkeitsarbeit, die abends beim Viertele Biowein mit den Politikern zusammensitzen und denen die Stimmung „im Volke“ nahebringen.

Diese Lebenswelt hat so gut wie nichts zu tun mit den Menschen in dem gegenüber liegenden Teil der Stadt, mit den Familien auf der anderen Strassenseite, mit den „Elenden“, wie sie Anna Mayr so glänzend beschrieben hat in ihrem Buch.

Und sie hat noch weniger als das mit den Lebenswelten der ganz großen Mehrheit der Menschen auf der Erde zu tun, die Lichtjahrzehnte entfernt sind davon, auch nur einen Gedanken an morgendliches Familien-Joggen im Park zu verschwenden.

Zurück in unser Land. Ohja, auch die Ärmeren und Armen kennen Verzicht. Und sie müssen grösstes Organisationstalent besitzen. Nur ist der Verzicht kein freiwilliger, um später mehr zu haben, sondern ein erzwungener, um heute über die Runden zu kommen. Und das Orgatalent hat nicht die beste aller Kitas, Schulen, Vereine, Stadtviertel und Unis zum Ziel, sondern ohne Geld und SUV das Kind sicher zur Schule oder zum Sportplatz zu bringen, während man selbst vom Chef keine flexiblen Arbeitszeiten bekommt, um solche privaten Dinge regeln zu können.

Was die beiden Seiten unterscheidet, macht sich an der Planbarkeit fest. Hüben funktioniert das, drüben nicht. Hüben werden ungewollte Schwangerschaften, falsche Partnerwahl und unkluge finanzielle Entscheidungen verhindert, weil die Familie Techniken und Argumentationen kennt, die bei den Gefährdeten greifen. Und Geld, um auszubügeln, was doch mal schief geht. Hinter allem steht die Sicherheit des ererbten oder erarbeiteten Vermögens, der Immobilie, der Wertgegenstände, die angesammelt werden konnten.

Auf der anderen Seite, drüben, die Geworfenen, die Tumbleweeds, die eine andere Strategie entwickelten, entwickeln mussten: Aushalten. Reagieren. Sich nicht umwerfen lassen von den Unwägbarkeiten des Lebens, die jeden Tag das Erarbeitete, Erhoffte, zunichte machen können. Die wissen, dass es morgen kommen kann wie erhofft oder ganz anders. Das sind diejenigen, die begriffen haben, erfahren haben, was Kontingenz bedeutet. Und deren Strategie eben völlig anders ist als nach Verboten, Regeln und Absicherung zu rufen.

Für diese Menschen ist die Pandemie und die Klimakrise nur ein weiteres Zeichen dafür, dass das Leben verrückte Volten schlagen kann. Die sich zurück ziehen zu den Dingen, die ihnen in solchen Situationen Halt geben: Familie. Freundschaft, Gemeinschaft. Und das, gerade das, wird ihnen weggenommen, weil den Privilegierten der Verzicht heute leicht fällt. Es gibt ja die Zukunft, für die sie arbeiten und die sie freudig erwarten. Verzicht heute, Ernte morgen. Na klar! Wie kann man das anders sehen?

Naja. Man kann. Man tut. Man muss. Nur leider nicht in dem Mainstream der Meinungen in Gesellschaft, Politik und Presse.

Einzelschicksale interessieren mich nicht

Der Vater einer Freundin war seinerzeit ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt aus dem Süddeutschen. Es waren die späten 80er und beginnenden 90er Jahre und ich erinnere mich noch gut an ihn, da in seinem von Großbürgerlichkeit durchwehten Haus, von Kopf bis Fuß in Maß gekleidet, auf der Nase eine Brille, die ich einmal leichtfertig als „Helmut Kohl in seiner pfälzischen Ministerpräsidentenzeit“ klassifizierte – was mir scharfen Protest einbrachte, war doch  das Einzige, was man in diesem Haushalt mit Helmut Kohl teilte, seine Liebe zum Wein.

„Dummheit frisst – Intelligenz säuft“. Lebensweisheiten und gesellschaftliche Kommentare verdichtete er gern zu griffigen Einzeilern, die er dann beim Mittags- oder Abendbrottisch zum Besten gab. Nicht alle waren lustig, alle aber provozierend oder wenigstens überraschend – am nachhaltigsten im Gedächtnis haften blieb mir sein  „Einzelschicksale interessieren mich nicht!“. Damals war das ein beiläufiger aber in seiner gewürzten Kürze abschließend vernichtender Kommentar zum Geschäftsmodell der BILD-Zeitung, der den grundsätzlichen Unterschied zwischen seriösen Medien umd Ramschpostillen am treffendsten illustrierte. Nur darauf natürlich bezog sich das. Nicht auf Einzelschicksale der eigenen Familie, der Freunde.

Wer stets einen Mangel an Herz und Gefühl in der Gesellschaft beobachtet und wer Vernunft ausschließlich mit dem Adjektiv „kalt“ benutzt, der sieht in jeder Entlassung einer Supermarktkassiererin einen Skandal und in jedem Wochenendurlaub eines Bundesministers während andernorts eine Supermarktkassiererin entlassen wird ein Zeichen von maximaler Verkommenheit der „Politikerkaste“. Und zu dieser Sicht erwartet solch ein Konsument in den Medien die passende Geschichte. Er erwartet weder Statistiken zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit im Einzelhandel noch eine Übersicht der dienstlichen Termine des Bundesministers vor und nach dem betreffenden Wochenende. Das wären Informationen, auf die der erwähnte Vater der Freundin bestehen würde, da sie ermöglichen, das Geschehene einzuordnen, in einem größeren Ganzen zu sehen, kurz, ihm Bedeutung ausserhalb des Privaten zu geben.

Was wiederum die allermeisten Leser oder Zuschauer verwirren und frustrieren würde, erwarten sie doch gerade den Blick ins Private, um jeder einzelnen am Geschehen beteiligten Person entweder Mitgefühl oder Verachtung schenken zu können.

So wie in „The Crown“ bei Netflix, wo ausnahmslos jeder Politiker oder Adlige, über den dort erzählt wird, heruntergezogen wird auf die Ebene der privaten Abgründe, mindestens aber der privaten Anekdote. So erscheint im Rückblick das Bemerkenswerteste an Edward Heath sein Junggesellendasein zu sein, so wie die Hahnrei-Existenz des Harold Macmillan, der Drogenkonsum des Anthony Eden und die Alzheimererkrankung des Harold Wilson – um nur bei Beispielen aus der Riege der Premierminister zu bleiben.

Das funktioniert in der Unterhaltungsindustrie fantastisch! The Crown ist aufwendiges Popcorn-TV, das einen Episode für Episode an den Fernsehsessel nagelt. Nach jeder Folge hat man allerdings ausser den überaus oft eingeblendeten kommentierenden Schlagzeilen der Presse nichts über die Hintergründe der jeweiligen politischen Hochereignisse gelernt, in deren Rahmen die Skandale, Erschütterungen und Leiden – Einzelschicksale eben – der königlichen Hauptfiguren genüsslich und überaus gekonnt in Szene gesetzt werden.

Da ist es nicht überraschend, dass auflageverlierende Zeitungen Politikerverhalten wie „Duplo essend“, „Fliege tragend und besser wissend“, „aus Bayern stichelnd“, „Fehlentscheidungen entschuldigend zurücknehmend“, „den Kollegenerfolg missgönnend“ usw. in der Berichterstattung über die Corona-Politik einen immer größer werdenden Platz einräumen. Die Entwicklung der Inzidenzraten und die Belegungsquote der Intensivbetten kann man eben nicht bewundern, nicht verachten, sie taugen nicht als Anlass für Schadenfreude oder fürs Fremdschämen. Die Wendung „Schicksale, die sich hinter diesen nackten Zahlen verbergen“ ist deshalb ein von der Tagesschau bis zum Spiegel benutztes Wortsignal, das den einschlafbedrohten Netflixgucker wachhalten oder vom Wegschalten bzw. Appwechseln bzw. Weglegen abhalten soll – mit der Aussicht auf Herzzerreißendes, Skandalöses oder wenigstens irgendwie Saftiges.

Längst heisst es also „Nur Einzelschicksale interessieren“ und ein öffentlich geäußertes gegenteilige Interesse wird, wen wunderts, für den, der es tut, zur Gefahr, den eigenen Ruf irreparabel zu beschädigen.

Livestreambäckerei

Meine Mutter lebt in einer kleinen Gemeinde in der Voreifel.

Auf dem Dorfplatz steht vorschriftsmäßig eine Linde, die das morgendliche Geschäftstreiben in der kleinen Bäckerei an der Ecke beschirmt.

„Guten Morgen“

„Guten Morgen, Augenblick, bin sofort da, ich muss hier hinten die Anlieferung noch auspacken, das will die Chefin, dass das immer sofort passiert, bin aber gleich fertig und dann sofort da. Oh das ist aber schwer aufzukriegen, das dauert noch nen kleinen Moment ja, Entschuldigung ich muss das hier auspacken.“

„Ok“.

Gott liebt alle Menschen und das Prinzip der Nächstenliebe fordert uns Christen nachdrücklich auf, uns stets an seinem Vorbild zu orientieren. Und deshalb will er, dass ich auch die Bäckereifachverkäuferin liebe. Und nicht umbringe. Wozu ich Lust hätte. Sie streamt ihre Gedanken live und jeder der online, d.h. in diesem Fall in der Bäckerei, ist, muss das über sich ergehen lassen, wenn er nicht offline geht, also ohne leckeres Doppelröggelchen den Laden verlässt. Unmöglich, zu diesem Stream-of-no-thought den eigenen, süß-trägen Morgengedanken nachzuhängen. Unmöglich, irgendwas zu denken.

„So, jetzt aber, ich muss das aber wirklich machen, bin ich froh, dass ich das jetzt hinter mir habe, die Chefin will das so, was darfs denn sein, bitte?“

„Ein Doppelröggelchen bitte“

„Gern, kommt da noch was dazu wir haben noch lecker Ardennerbrot, nein, ok, danke, moment, ich muss die Artikelnummer hier, ja, so, 95 Cent, die sind auch lecker, haben Sie‘s klein, oh super, ja, danke, ebenso, Tschö!“

Und die Linde beschirmt weiter die Eckbäckerei in der Frühlingssonne und ward mit knapper Not nicht Zeuge eines Mordes aus Fassungsverlust.

Das philosophische Radio Spezial vom 6.6.2020

Ungemein interessant, Ende Dezember eine philosophische Diskussion aus dem Juni nachzuhören. Im philosophischen Radio des WDR gab es zwei äußert aufschlussreiche Gespräche zum Thema Corona: einmal mit Julian Nida-Rümelin und Svenja Flaßpöhler und am selben Tag mit Markus Gabriel und Reinhard Merkel. 4 Philosophen, die sich letzlich einig waren, dass die Maßnahmen gegen die 1. Welle notwendig waren, um einerseits Zeit zu gewinnen, damit das Virus besser erforscht und die Gefahr, die von ihm ausgeht, besser eingeschätzt werden konnte; um andererseits aber auch die Überlastung des Gesundheitssystems, und damit ganz konkret Triagesituationen in den Hospitälern zu vermeiden.

Mit der – im Gespräch vom Juni offen ausgesprochenen – Folge, dass bei einer 2. Welle die gleichen Grundrechtseinschränkungen eben nicht mehr zu rechtfertigen seien. Denn dann kenne man das Virus ja schon und Gesundheitsämter und Krankenhäuser hätten genug Zeit gehabt, sich auf den wiederkehrenden Anstieg der Infektionen vorzubereiten.

In der Realität aber hat sich nichts verändert: Mit denselben Argumente rechtfertigt die Politik den erneuten Shutdown.

Nida-Rümelin hat damals in diesem Gespräch gesagt, dass die Gesellschaft es nicht aushalten werde, käme es nochmal zu solchen Lockdowns wie im Frühjahr.

Und jetzt?

„So ist das nun mal“ (Andreas Dorau)

Je älter, dünner, gelifteter (oder hilfsweise gemakeupter), gefärbter, geschmackvoller, trainierter, schmuck- (oder hilfsweise tuch-)behängter, dezenter (oder hilfsweise provokanter) deutsche Frauen werden, desto unattraktiver.

Wie anziehend dagegen 55jährige laute, dicke, grell geschminkte, in kurzen Miniröcken ohne Nylons steckende und unendliche Dekolletés zur Schau stellende Afrikanerinnen oder 60jährige Asiatinnen in Billigflipflops, mit einfacher Schürze und Bluse, ohne Make Up, mit Falten, mausgrauem Haar und Original-Zähnen.

So ist das nun mal. Nichts kann es ändern.

Fraktale: Wiki vs. HvF

Immer wieder nervenzermürbend: Man sucht im Internet eine Erklärung eines Begriffs, einer Theorie, eines Konzepts. Und findet dann bei Wikipedia irgendein verschlungenes Satzgedärm, das offensichtlich durch sich an Detailgenauigkeit überbieten wollende Lehrer mit reichlich Tagesfreizeit entstanden ist. So wird im Laufe eines Artikels zuverlässig jede zierlich und zerbrechlich am Horizont heraufziehenden Ahnung von Verständnis von deutschen Zack-Zack-Cheferklärer-Soldatenstiefeln zermalmt. Wer will, liest den Eintrag zu Fraktalen.

Und danach möge der Suchende ein Buch von oder über Heinz von Förster aufschlagen. Man liest: „Fraktale. Was sind das für seltsame Gebilde? Es sind geometrische Figuren, die die Eigenschaft haben, dass der Teil so ist wie das Ganze“.

So einfach ist das. Danke, Heinz!

Calistanancy

Calista Flockhart sieht inzwischen so aus wie Nancy Pelosi (bitte selbst googlen). Ich verstehe immer noch nicht, warum die Presse offenkundig Plastischechirurgiemonster für okay hält aber Falten und Ringe unter den Augen stets für einen „Anlass sich Sorgen zu machen“ (mit Fragezeichen). Oder doch. Ich verstehe es. Hab halt kurzzeitig gedacht, da gäbe es noch jemanden, der Anstand und Stolz gegen Klickraten verteidigen wollte und könnte. Natürlich Quatsch.

Mentalität im Fußball

Einfach. Das Wort hat Eingang gefunden in den Fußballjargon. Aus Denkfaulheit benutzt. Jargon wird oft verwandt, um einen gewissen Sound zu erzeugen, der den Eindruck von vertieftem Verstehen erzeugt und sich so der Analyse zu entziehen versucht. Klingt irgendwie nach Expertentum, also wird es schon richtig sein, mal besser nicht nachfragen.

Wer Wikipedia (reicht hier schon) bemüht, um da mal nachzulesen, wo das Wort herkommt, versteht sofort, dass Reus richtig liegt, wenn er von „Mentalitätsscheiß“ spricht.

Deinhoff kauft nicht

Deinhoff sagt: Erst die kapitalistischen Auswüchse auf dem Berliner Wohnungsmarkt kritisieren und dann stolz grinsend erzählen, wie man kurz vor dem Anziehen der Preise da noch den super Deal mit einer Eigentumswohnung genacht hat.

Nicht nur : „ich bin ja für Windenergie aber nicht hier“, sondern auch „Diese große Ungleichheit geht gar nicht aber holt es erstmal von den richtig Reichen“.

Wenigstens sind das die Provinzler, die sich mit ihren dicken Teslas und Landrovern komplett lächerlich machen in Berlin. Und die erst gar nix und dann schwäbisch langsam kapieren, dass solche Kisten hier heute ausnahmslos Luden, 75jährige Pensionisten und 19jährige Clanfamilienmitglieder fahren. Und Touristen aus der kleinstädtischen Provinz (Köln, Stuttgart, München usw.).

Berlin, Deutschland, die Nachbarn und die Grüne Gefahr (aktualisiert Februar 22)

Wie man sich da wohl als Einwohner irgendeines Landes außerhalb von Deutschland fühlen muss, wenn ihm der neue deutsche Michel mal wieder mangelnde Sauberkeit, unzureichende Sicherheit, zu wenig Gerechtigkeit, rückständige Sichtweisen hinsichtlich sexueller Orientierung und fehlendes Umweltbewusstsein vorwirft.

Vermutlich ähnlich wie gebürtige oder langjährige Berliner, die die Kommentare zur Hauptstadtlage von Provinzlern aus BW, Bayern, Hessen, NRW oder randständigen Bundesländern lesen.

Pantoffelige Spießerforderungen nach mehr Recht & Ordnung kommen ja schon längst nicht nur von den dumpfbackigen Blödianen der Rechten, sondern auch von der anderen Seite. Schließlich ist Recht & Ordnung ja auch längst nicht mehr das, was es früher mal war.

Während das Recht auf Ruhe zu den unsterblichen Klassikern des Genres gehört und inzwischen auch in Berlin immer vehementer nachgefragt wird, ist das Recht auf Ruhe des Gewissens relativ neu dazugekommen. Und das ist z.B. implizit eine Kernforderung der Grünenwähler. Die wollen in ihren Kreuzberger Eigentumswohnungen mit unverstellbarem Innenhofblick mit gutem Gewissen beim Araber geholtes Falafel und beim Türken gekauftes Chicken-Döner aufs Fischgrätparkett kleckern – ohne das Gefühl haben zu müssen, damit fehlenden Pazifismus, Geschlechterdiskriminierung oder Religionsfanatismus zu unterstützen. Damit man das unangenehme Thema nicht am Thresen vorbringen muss, werden die Politik und die Politiker in die Pflicht genommen. Die sollen gefälligst Protestnoten an die Araber schicken, Erdogan boykottieren und in bittschön jeder Anti-Putin-Demo in Russland mitmarschieren. Und nur wenn der für mich politisch Werktätige sich wöchentlich aufs Äußerste empört über den Mord am Regenwald samt indigener Bevölkerung darin zeigt, kann ich hier meine Caipirinhas und den Samba beim Karneval der Kulturen unverschatteten Gemüts genießen. Ich hoffe nicht, dass andersrum dieselben Leute über unbeweglich im Weg liegende Obdachlose hinwegsteigen, um in den Bürgerschaftsversammlungen, zu denen sie grad unterwegs waren, die Politik aufzufordern, vermehrt die Strassenpolizei auf Kiezstreife zu schicken, um ohnmächtig oder schlimmer wirkenden Wohnungslosen gegebenfalls Erste Hilfe zu leisten.

Denn das Gesagte hat längst das Getane ersetzt. So wie das Liken und Followen dem Gespräch den Garaus gemacht hat. Ich like Deinen Beitrag und followe Dir. Das sind digitale Markierungen, die analoge Gespräche verhindern. 1 oder 0, like den Text oder nicht, followe mir oder nicht. Für ein Dazwischen und ein Ja aber ist kein Platz.

Das ist wie mit der Moral. Gut sei der Nachbar oder eben böse. Wenn einer böse ist, dann darf kein Text geliked und ihm sowieso nicht gefollowed werden. Das ist passgenau und deshalb taugen die sozialen Medien so gut als Schlachtfeld der Moralisierer.

Die „Achse des Bösen“ war eben keine schreckliche Formulierung, weil sie die Falschen als böse bezeichnet hat, sondern weil sie fallbeilartig, endgültig, digital, snobistisch die andere Sichtweise verachtenswert macht und alle politischen Verhandlungsergebnisse verunmöglicht.

Ganz genau denselben Fehler macht die grüne Außenministerin. Wie sollte es auch anders sein, in einer Partei die immer behauptet, moral sei ein Standortvorteil für Deutschland. Wer da nicht erschaudert und Angst bekommt, der hat von Politik keine Ahnung.

Die Vorortisierung Berlins – Gedanken zu den Artikeln von Adrian Daub

Lars Eidinger fasste die Stimmung der Party-Gäste nach dem Polizeieinsatz wegen Ruhestörung in Berlin-Mitte so zusammen: „Erst wenn die letzte Party geräumt und der letzte Club geschlossen ist, werdet ihr merken, dass Berlin zu dem Kaff geworden ist, aus dem ihr gekommen seid.“

Ich weiss nicht, ob Lars Eidinger die Überlegungen des Stanford-Professors Adrian Daub kennt, der wiederholt in Zeitungsartikeln die schleichende Suburbanisierung der amerikanischen Grossstädte analysiert. Aber wer sich diese sehr klugen Schriften zu Gemüte geführt und früher in der Schule einigermaßen den Transfer gelernt hat, für den sind die Thesen des Professors für vergleichende Literaturwissenschaft kinderleicht auf die Entwicklungen in Berlin übertragbar.

Schimpfereien wie die von Dr. Motte im verlinkten BILD-Artikel, über das Schwabylon, zu dem Berlin werde, stehen stellvertretend für ein konkretes Gefühl des Gefährdetseins, das immer mehr Großstädter (und in Deutschland heisst das immer Berlin, denn eine andere Großstadt gibt es hier bei uns nicht) befällt.

Der Verdrängungsprozess im Prenzlauer Berg ist vollständig abgeschlossen. In Mitte ist er voll im Gange, inzwischen auch in Friedrichshain, wo sich Bewohner der neu errichteten Luxusappartments auf der gegenüberliegenden Spreeseite über vom Holzmarktareal herüberschwappende Geräusche beschweren.

Mit Daubs Anlayse wird klar, dass seine auf das Silicon Valley bezogenen Beobachtungen auch für Berlin zutreffend sind. Er sieht in den dortigen aktuellen Geschehnissen Beispiele für eine in die Großstädte zurückgespülte Kultur der Abwehr des Fremden, die schon in den 50ern in den sterilen, ununterscheidbaren und doch labyrintisch verwinkelten Suburbs amerikanischer Großstädte entstanden ist, die von nachbarlichem Zusammenhalt genauso wie von Misstrauen und Angst vor dem Fremden (den Nicht-Nachbarn) geprägt waren.

Flüchtete damals die weiße Mittelschicht vor dem Zuzug afroamerikanischer Familien aus der Groß- in die Vorstadt, so ist seit Jahren eine umgekehrte Entwicklung beobachtbar: Die Großstädte werden wieder von der Mittelschicht besiedelt und diese verdrängt dort die finanzschwächeren Anwohner.

Der Clou der These von Adrian Daub ist aber nun, dass mit dieser Umkehr auch die erwähnte Abwehrkultur in die Großstadt einziehe, die energisch verfolgte Absicht, die eigene Nachbarschaft zum Refugium zu machen, zur sicheren Ruheoase des intensivbeschäftigten, gutausgebildeten Hochverdieners mit Familie. Getrieben – bewusst oder unbewusst – von den im suburbanen Milieu kultivierten Ängsten vor dem Fremden.

In Berlin wird dieses Fremde in den Augen des zugezogenen Mittelschichtlers repräsentiert durch alles Laute, Lärmende, Unkontrollierte, Wuchernde, Wilde, Exzessive und Risikohafte, was diese Stadt jahrzentelang ausgemacht hat.

Die Wut der Leidtragenden und Gefährdeten dieser Entwicklung speist sich deshalb aus mehr als der sich weiter verschlechternden Wohnungslage. Es ist die Wut auf eine Haltung, die auch durch die Verstärkungs- und Reichweiteneffekte der Sozialen Medien eine epidemische Verbreitung quer durch die Milieus erfährt: von AfD-und einem Teil der Linken-Sympathisanten über Wohlstandsgrüne bis zu den Kindern der liberalkonservativen Eltern. Die letzten beiden Milieus schlagen mit dem Kauf eines Berliner Appartments drei Fliegen mit einer Klappe: sichere Finanzanlage, bequeme Studiumsunterkunft für den Nachwuchs und praktische Wochenendbleibe für aufregende Großstadttrips von Papi und Mami.

Ergänzt durch die sich nunauchmalwastrauenden xenophoben Teile der AfD- (vermutlich so ziemlich alle) und Linken-(weniger) Wählerschaft wird – durch Selbstverstärkung und Echoeffekte von Twitter, Facebook und lokalen Community-Apps – die ANGST zu einem immer weiter sich ausbreitendem Grundgefühl. Und das führt dann zu nicht überraschenden, gleichwohl alarmierenden Konsequenzen wie Überwachung, Freiheitsbeschränkungen und schließlich Beseitigung dieser angstmachenden Fremdheiten und Fremden.

WM Frauen im ör TV

Alle hassen USA und lieben Kamerun aka alle, die Underdogs sind. Multipliziert mit 2, weil das sind ja auch noch Frauen. Bzw. andersrum mal 2, weil das sind ja kalte Trump-Bitches.

Fazit: Berichterstattung in 100% Anti-Hajo-Friedrichs-Manier und keinen juckts.

Auch nicht Valeska Homburg, die frei von Sachverstand Sportberichterstattung zu Leuteheute-Interviews ummodelt.

Rückschau Stokowski Zizek März 2019

In einer ihrer schwächsten Artikel fährt M.S. mit Volldampf in die Lächerlichkeit. Gegen Zizek, der in der NZZ die „Entzauberung des Erotischen“ durch den Feminismus kritisiert, fallen Stokowski in SPON nur ein paar dünnbierhafte Kalauer und Sticheleien ein. Keine Zeit, Max Weber zu lesen, die Einordnung zu kapieren, überhaupt irgendwas zu versuchen zu kapieren, was nicht nur mit Hier & LIVE zu tun hat. Am Ende nur Mitleid mit ihr und ihrem völligen Nichtverstehen der Situation. Jede Zeile ein überdeutliches Zeichen intellektueller Überforderung.

DB_ile Bahn: Hosenschisswerbung

Ob Boris Palmer nun Recht hat oder nicht mit seiner „welche Gesellschaft soll das abbilden“-Kritik an der Werbekampagne der Deutschen Bahn. Eins ist sicher: Sie erinnert in der schrecklich ranschmeißerisch streberhaften Art an manches, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der letzten Zeit in Berichten und Kommentaren bringt.

Ergänzend zu den von Palmer kritisierten Plakat-Abbildungen von Menschen, die das Thema Migrationshintergrund bespielen, findet sich in den ICE Waggons noch Folgendes:

Die coolen Alten: Opa Clooney und Oma Streep hams noch drauf. Und Wahnsinn, der trinkt ja sogar ein Glas Rotwein zur Whateversuperfood-Bowl. Gesund ernähren plus Hinundwiedergeniessen. Toll.

Die tolerierten Alternativlebensstile: Unzählige Piercings, sogar 1 Pickel aber perfekte Zahn- und Nägelpflege.

Die fleißigen Asiaten: Bahn-Bonus-Werbung mittels einer Frau mit asiatischen Gesichtszügen (nicht zu jung, nicht zu alt, verlobt, nicht verheiratet und natürlich im gehobenen Businessoutfit, man will ja keine Katalogfrauenklischees befördern).

Das ist ein so abgrundtief langweiliges Auf-der-richtigen-Seite-stehen-und-nur-keinen-Shitstorm-riskieren wie das wohl ein Staatsbetrieb machen muss.

Allerdings: Erfrischend clever und doppelbödig dagegen der Ronja von Rönne Spot für die Bayern LB. Geht doch!

Actually…like….you know

Heute macht sich hoffentlich niemand mehr über das Englisch der Bahnbeamten lustig – und hoffentlich jeder über die Horden von Schülerinnen und Studentinnen, die während ihrer Austauschschuljahre und Auslandssemester in den Vereinigten Staaten offensichtlich kein Interesse daran haben, die englische Sprache richtig zu lernen. Es ist ihnen vielmehr unzweifelhaft ein wichtiges Anliegen, sie vorsätzlich falsch zu lernen, um so zu klingen wie ihre bevorzugten Umgänge dort, also wie dumme kalifornische kaugummikauende Highschool-Hupfdohlen.

Muss man, wie leider der Verfasser, häufig Berliner S- und U-Bahnen benutzen, ist es unvermeidlich, Ohrenzeuge dieser fassungslos machenden Zurschaustellung erfolgreich umgesetzter Selbstverdummungsstrategie zu werden. Denn unglücklicherweise sind die bemitleidenswerten Mädchen und Jungfrauen auch noch stolz darauf, so zu reden (und nicht so wie die Bahnbeamten). Und verteilen deshalb, ohne Punkt und Komma schwafelnd, ihren Verbaldurchfall in Maximallautstärke in den Waggons, anstatt wie anständige Jugendliche die gesamte Beförderungszeit still sitzend und mit bis auf einen Finger gänzlich erstarrtem Leib süchtig in ihr Smartphone stierend zu verbringen.

Die Anzahl der die Leere im Gehirn bestens repräsentierenden Füllwörter (uhm, like, you know, actually usw.) nimmt bei entsprechendem Gesprächsverlauf im selben Maße zu wie die Aufgewühltheit der Sprecherin, weil von ihr dann noch mehr Adjektive gesucht – und selbstverständlich nicht gefunden werden. Uhm. Like. You know.

Wer erfindet das Instagram für Sprachposer? Dann würde das hirnlose Gebrabbel – so wünschte ich mir das – leise irgendwo ins Gerät getippt und andernorts nach der Umwandlung in den gewünschten Schwachsinnigendialekt über Ohrhörer ebenso geräuschlos angehört.

Und endlich wäre wieder Ruhe.

Palmer und Kazim im Streitgespräch

Der neue SPIEGEL Nr. 19/2019 bringt ein schönes Streitgespräch zwischen dem Tübinger Oberbürgermeister und dem SPIEGEL-Redakteur, der Palmer Rassismus nachsagt. Palmer hatte zuvor der Deutschen Bahn vorgeworfen, sich durch eine Werbung mit sechs dort abgebildeten Menschen, von denen fünf einen Migrationshintergrund haben, „gegen Kritik zu immunisieren“. Während dies, so Palmer jetzt im SPIEGEL-Gespräch, in der jüngeren Vergangenheit (er nennt das Scharmützel Rützel gegen Amani als Beispiel) dadurch geschehen sei, dass die Kritisierte sich auf die Zugehörigkeit zu einer Minderheit berufe – zur Abwehr einer Kritik, die überhaupt nichts mit dieser Zugehörigkeit zu tun habe, sondern ausschliesslich mit der Qualität der Darbietung, liegt nach Palmer im Bahnfall in abgewandelter Form etwas Vergleichbares vor. Das Unternehmen versuche sich auf die beschriebene Weise als „offenes und tolerantes Unternehmen zu präsentieren“. Perfiderweise (und das ist der Kniff in Palmers Argument) dadurch, dass es zum Beispiel den Fernsehkoch Müller, der im Schwabenland aufgewachsen und so deutsch wie nur was ist, durch den Kontext der leicht zu durchschauenden Werbeabsicht zwinge, sich als Symbol für das vermeintlich Fremde darzustellen. Was wiederum gebraucht wird, um sich selbst von den Fremdenfeindlichen abzugrenzen.

Spätestens als direkt danach Kazim als Erwiderung nichts besseres einfällt, als Aufzuzählen, welche Prominenten und Nichtprominenten („Zigtausende“) Palmer für seine Aussage kritisieren, wird klar, wer hier das völlig überfordete Leichtgewicht in dieser Dokussion ist. Palmer nimmt die Vorlage volley und erledigt Kazim mit dem Hinweis, wer Recht hat, ist der, der die besseren Argumente hat – und nicht die meisten Follower.

Die Vermischung von Moral und Politik wird zum Problem für das linke Projekt

Bernd Stegemann ist klug.

Seine Analyse der Verdopplung der linken und rechten poltischen Ansichten (hier soziale Politik plus Identitätspolitik, da Neoliberalismus plus Nationalismus) erklärt sehr schön die aktuellen Paradoxien in der politischen Diskussion: Eine politische Forderung hat sowohl eine „linke“ als auch eine „rechte“ Begründung – Stegemann bringt das Beispiel der Förderung von Einwanderung zwecks Besetzung andernfalls nicht besetzbarer Stellen in der Altenpflege. (Identitätspolitisch geprägte) Grüne unterstützen die CDU-Forderung. Kritik der Linken, dass dies die Bemühungen um aus ihrer Sicht notwendigen Lohnerhöhungen in der Pflege untergrübe, wird als fremdenfeindlich gebrandmarkt.

Das führt nicht nur in diesem Beispiel zu neuen Allianzen und aus Stegemanns Sicht insgesamt zu einer Schwächung der klassisch linken Positionen.

Die Begründung findet er in der um sich greifenden Moralisierung des Politischen. Durch die Verwendung „moralischer“ Argumente tappe die Linke (wohl auch übertragbar auf die rechte Seite aber Stegemann geht es um das linke Politikprojekt) in eine „Moralfalle“, die am Ende zu einer Schwächung der eigenen Position führe. Denn die Moral würde allzuhäufig in Form moralisierender Appelle in die Politik eingebracht und verhülfe so einer moralischen Gesinnungspolitik zu einer Vorherrschaft, die nach Stegemann einer linken Interessenpolitik zwangsläufig schaden müsse.

Seit mehr als 2000 Jahren wird politische Philosophie betrieben. Ein ganz wesentliche Errungenschaft haben wir dieser Disziplin zu verdanken, nämlich die (schon früh) herausgearbeitete Erkenntnis, das Moral und Politik nicht gleichgesetzt werden dürfen, weil politisch Bestes eben nicht immer auch gleichzeitig das moralisch beste ist. Was sich heute schon fast provozierend liest, ist dessenungeachtet wahr.