Altsein meistern heißt, in Frieden dick werden zu können.
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Frischeparadiessoziologie
Ich habe oft Lust, etwas Schönes zu kochen aber dann stellt sich heraus, dass ich eigentlich nur Lust darauf habe, die Menschen beim Einkaufen im Berliner Feinschmeckertempelkaufhaus „Frischeparadies“ zu beobachten. Denn da laufen fast nur Berufssöhne und -töchter rum, deren Eltern zuviel Geld und zu wenig Hirn hatten – oder die Eltern selbst: Unternehmer kurz nach dem StartUp-Exit, Kanzleianwälte, Chefärzte, arrivierte Kunstschaffende. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie haben gelernt, dass man Platz macht für sie. Und in einem gut gefüllten Kaufhaus, wo es nur solche Menschen gibt, geht das schief. Jeder steht mitten im Gang, macht weitausholende Chefgesten, zeigt, wo‘s lang geht oder erklärt mit Cheftimbre in der Stimme dem Anderen, was der gerade falsch macht. Das lässt der Andere dann aber nicht auf sich sitzen, wer ist denn hier der Boss, na warte, Dir zeig ichs, Du bist sicher nur Vivantes, das sieht man sofort aber ich bin Charité!
Beste Unterhaltung. Und dann doch wieder nichts gekauft und nichts gekocht, sondern bestellt.
1 Jahr verweht
Mutter starb, Architekt entwarf, Freund wanderte aus, Architekt änderte, M. bekam Krebs, Architekt änderte nochmal, es regnete, der Architekt finalisierte.
Ohne D. alles nichts und nichtig. Ach ja, und P., our little furry everything.
Einzelschicksale interessieren mich nicht
Der Vater einer Freundin war seinerzeit ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt aus dem Süddeutschen. Es waren die späten 80er und beginnenden 90er Jahre und ich erinnere mich noch gut an ihn, da in seinem von Großbürgerlichkeit durchwehten Haus, von Kopf bis Fuß in Maß gekleidet, auf der Nase eine Brille, die ich einmal leichtfertig als „Helmut Kohl in seiner pfälzischen Ministerpräsidentenzeit“ klassifizierte – was mir scharfen Protest einbrachte, war doch das Einzige, was man in diesem Haushalt mit Helmut Kohl teilte, seine Liebe zum Wein.
„Dummheit frisst – Intelligenz säuft“. Lebensweisheiten und gesellschaftliche Kommentare verdichtete er gern zu griffigen Einzeilern, die er dann beim Mittags- oder Abendbrottisch zum Besten gab. Nicht alle waren lustig, alle aber provozierend oder wenigstens überraschend – am nachhaltigsten im Gedächtnis haften blieb mir sein „Einzelschicksale interessieren mich nicht!“. Damals war das ein beiläufiger aber in seiner gewürzten Kürze abschließend vernichtender Kommentar zum Geschäftsmodell der BILD-Zeitung, der den grundsätzlichen Unterschied zwischen seriösen Medien umd Ramschpostillen am treffendsten illustrierte. Nur darauf natürlich bezog sich das. Nicht auf Einzelschicksale der eigenen Familie, der Freunde.
Wer stets einen Mangel an Herz und Gefühl in der Gesellschaft beobachtet und wer Vernunft ausschließlich mit dem Adjektiv „kalt“ benutzt, der sieht in jeder Entlassung einer Supermarktkassiererin einen Skandal und in jedem Wochenendurlaub eines Bundesministers während andernorts eine Supermarktkassiererin entlassen wird ein Zeichen von maximaler Verkommenheit der „Politikerkaste“. Und zu dieser Sicht erwartet solch ein Konsument in den Medien die passende Geschichte. Er erwartet weder Statistiken zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit im Einzelhandel noch eine Übersicht der dienstlichen Termine des Bundesministers vor und nach dem betreffenden Wochenende. Das wären Informationen, auf die der erwähnte Vater der Freundin bestehen würde, da sie ermöglichen, das Geschehene einzuordnen, in einem größeren Ganzen zu sehen, kurz, ihm Bedeutung ausserhalb des Privaten zu geben.
Was wiederum die allermeisten Leser oder Zuschauer verwirren und frustrieren würde, erwarten sie doch gerade den Blick ins Private, um jeder einzelnen am Geschehen beteiligten Person entweder Mitgefühl oder Verachtung schenken zu können.
So wie in „The Crown“ bei Netflix, wo ausnahmslos jeder Politiker oder Adlige, über den dort erzählt wird, heruntergezogen wird auf die Ebene der privaten Abgründe, mindestens aber der privaten Anekdote. So erscheint im Rückblick das Bemerkenswerteste an Edward Heath sein Junggesellendasein zu sein, so wie die Hahnrei-Existenz des Harold Macmillan, der Drogenkonsum des Anthony Eden und die Alzheimererkrankung des Harold Wilson – um nur bei Beispielen aus der Riege der Premierminister zu bleiben.
Das funktioniert in der Unterhaltungsindustrie fantastisch! The Crown ist aufwendiges Popcorn-TV, das einen Episode für Episode an den Fernsehsessel nagelt. Nach jeder Folge hat man allerdings ausser den überaus oft eingeblendeten kommentierenden Schlagzeilen der Presse nichts über die Hintergründe der jeweiligen politischen Hochereignisse gelernt, in deren Rahmen die Skandale, Erschütterungen und Leiden – Einzelschicksale eben – der königlichen Hauptfiguren genüsslich und überaus gekonnt in Szene gesetzt werden.
Da ist es nicht überraschend, dass auflageverlierende Zeitungen Politikerverhalten wie „Duplo essend“, „Fliege tragend und besser wissend“, „aus Bayern stichelnd“, „Fehlentscheidungen entschuldigend zurücknehmend“, „den Kollegenerfolg missgönnend“ usw. in der Berichterstattung über die Corona-Politik einen immer größer werdenden Platz einräumen. Die Entwicklung der Inzidenzraten und die Belegungsquote der Intensivbetten kann man eben nicht bewundern, nicht verachten, sie taugen nicht als Anlass für Schadenfreude oder fürs Fremdschämen. Die Wendung „Schicksale, die sich hinter diesen nackten Zahlen verbergen“ ist deshalb ein von der Tagesschau bis zum Spiegel benutztes Wortsignal, das den einschlafbedrohten Netflixgucker wachhalten oder vom Wegschalten bzw. Appwechseln bzw. Weglegen abhalten soll – mit der Aussicht auf Herzzerreißendes, Skandalöses oder wenigstens irgendwie Saftiges.
Längst heisst es also „Nur Einzelschicksale interessieren“ und ein öffentlich geäußertes gegenteilige Interesse wird, wen wunderts, für den, der es tut, zur Gefahr, den eigenen Ruf irreparabel zu beschädigen.
Livestreambäckerei
Meine Mutter lebt in einer kleinen Gemeinde in der Voreifel.
Auf dem Dorfplatz steht vorschriftsmäßig eine Linde, die das morgendliche Geschäftstreiben in der kleinen Bäckerei an der Ecke beschirmt.
„Guten Morgen“
„Guten Morgen, Augenblick, bin sofort da, ich muss hier hinten die Anlieferung noch auspacken, das will die Chefin, dass das immer sofort passiert, bin aber gleich fertig und dann sofort da. Oh das ist aber schwer aufzukriegen, das dauert noch nen kleinen Moment ja, Entschuldigung ich muss das hier auspacken.“
„Ok“.
Gott liebt alle Menschen und das Prinzip der Nächstenliebe fordert uns Christen nachdrücklich auf, uns stets an seinem Vorbild zu orientieren. Und deshalb will er, dass ich auch die Bäckereifachverkäuferin liebe. Und nicht umbringe. Wozu ich Lust hätte. Sie streamt ihre Gedanken live und jeder der online, d.h. in diesem Fall in der Bäckerei, ist, muss das über sich ergehen lassen, wenn er nicht offline geht, also ohne leckeres Doppelröggelchen den Laden verlässt. Unmöglich, zu diesem Stream-of-no-thought den eigenen, süß-trägen Morgengedanken nachzuhängen. Unmöglich, irgendwas zu denken.
„So, jetzt aber, ich muss das aber wirklich machen, bin ich froh, dass ich das jetzt hinter mir habe, die Chefin will das so, was darfs denn sein, bitte?“
„Ein Doppelröggelchen bitte“
„Gern, kommt da noch was dazu wir haben noch lecker Ardennerbrot, nein, ok, danke, moment, ich muss die Artikelnummer hier, ja, so, 95 Cent, die sind auch lecker, haben Sie‘s klein, oh super, ja, danke, ebenso, Tschö!“
Und die Linde beschirmt weiter die Eckbäckerei in der Frühlingssonne und ward mit knapper Not nicht Zeuge eines Mordes aus Fassungsverlust.
Alkohol
Wer nicht trinkt, nimmt sich selbst zu wichtig
Der Zug der Liebe
In Berlin veranstaltet heute der „Zug der Liebe e.V.“ eine Demonstration für – Moment – „mehr Liebe und soziale Gerechtigkeit“. „Lautstark“, wie vermerkt wird. Kann ich bestätigen, ich hab die Fenster auf und der Bummsbeat zaubert schöne seismische Wellen in mein Weinglas. „2017 geht es für die Presse- und Meinungsfreiheit auf die Strasse“, steht auf der zugehörigen Website.
Weiter: „…denn das Thema ist hochrelevant seit all den Putins, Erdogans und Trumps. Aber auch wir prügeln uns auf Facebook verbal die Köpfe ein, Populisten bestimmen die News, Identitäre klettern auf unser Tor. Blockieren hat das Miteinander reden abgelöst. Medien aller Art, ob nun Magazine, Zeitungen oder Fernsehsender und ihre Vertreter werden diffamiert und sogar körperlich angegriffen. Dazu kommt, das (sic!) die Pressefreiheit, durch mangelnde Transparenz oder Verweigerung von Zugang bei politischen Veranstaltungen, beschnitten wird. Der absurde Vorwurf, (sic!) von (sic!) einer gelenkten Lügenpresse hat online eine gefährliche Filterblase geschaffen, in der rationale Diskussion nur noch als Täuschungsmanöver diskreditiert wird.
Auf der Straße zeigen wir, wo echte Mehrheiten sind.
UND wir werden auch 2017 wieder zeigen, dass diese Stadt voller netter Menschen ist, die keinen Bock auf diesen Mist haben.“
Reality check: Einige Hundertschaften von augenscheinlich nicht nur aussen befeuchteten (es ist schließlich Regenzeit in Berlin dieses Wochenende) Jung-Twens torkeltanzen die Stralauer Allee entlang, vermutlich nicht nur total voll von Liebe. Liebestoll und blasenvoll sprühen sie ihre harnsauren Liebesbotschaften wie Hündchen, die ihr Revier markieren auch an die im Weg stehenden Strassenecken. Gerade zieht der Wagen „Save the Lake Atitlan“ vorbei, dessen Betreiber sich mit der Verschmutzung des gleichnamigen Sees in Guatemala nicht abfinden wollen. Immerhin: Guatemala ist weit und eine Verunreinigung des geschundenen Sees ist aus dieser Entfernung auch durch Wildpinkler nicht zu befürchten.
Für soziale Gerechtigkeit sorgt augenscheinlich schon das flächendeckende Stehenlassen von Bierflaschen, ökosystemisch wird das weggeräumt von Bewohnerschichten, die temporär noch in prekäreren Finanzverhältnissen leben müssen und die, Putzerfischen gleich, konkreten und unmittelbaren Nutzen aus der Veranstaltung ziehen. Hintan die fleißigen Räumwagen der BSR und schon gegen 20:45 Uhr fällt der Rudolfkiez wieder in unruhige Vornachtruhe.
Pfingsten II
Bevor Du auf zum Himmel fährst,
o Bucklige,
hat Gott Dir erst den Rücken noch gekrümmt.
Du sollst – so scheints – den Dreck zu Deinen Füßen sehen
und nicht den Zug der Wolken weiss vor blau.
Siehst aus als trügst Du Christus‘ Kreuz
und trägst doch nur die eigne Last.
Gebeugt doch nicht gebrochen auch Dein Wille –
Beharrung ist er, strebt nach nirgends.
Ich hab auf Sand gebaut und Du auf Fels,
das Wasser, das ihn langsam höhlt, hat mich längst fortgespült.
Pfingsten
Mein Vater wohnt jetzt in einem kleinen Zimmer
am Ende eines langen Ganges.
Auf dem Weg dorthin viele andere Zimmer
voll übler Gerüche.
Ein mächtiger Protest: Ich stinke, jetzt und in der Stunde meines Todes.
Ich werde gehen
aber meinen Geruch werdet Ihr nicht los.
Wenn ich die Tür zum Zimmer meines Vaters erreiche,
haben Schuld und Scham mich so klein gemacht
wie ihn.
Er sitzt auf dem Bett und schaut mich an.
Der Vater, der Sohn
und der Heilige Geist
fehlt.
Seine Augen sind immer noch so schön.
Wasserblau der Blick, voll
Glaube und Liebe,
hoffnungsleer.
Wir wollen heim.
Locked in LinkedIn
Aufkommender Verdacht nach zwei Wochen reaktivierter LinkedIn-Nutzung: so viel, wie da geteilt und geliked wird, wird nicht gelesen.
Eher: Ist der Teilende ein guter Freund oder Einer, von dem ich mir beruflichen Nutzen verspreche (= liked er viel von mir oder will ich was von ihm), dann find ich das gut und empfehl ich das weiter – nachdem ich ungefähr soviel wie die Überschrift von dem Artikel gelesen hab.
Mal ernsthaft: Wieviele Artikel (und das sind ja FACHartikel, keine Bummsnachrichten) kann der berufstätige LinkedIn-Nutzer denn so pro Tag durchlesen und verstehen, bevor der Chef ihn anpfeift, er solle gefälligst arbeiten, statt die Zeit zu vertrödeln mit dem Lesen von – äh – Bummsnachrichten:
Chef: „Aufhören, Bummsnachrichten zu lesen und gefälligst arbeiten!“
Der Digital Strategist (Selbstverliehene Berufsbezeichung desjenigen in internetfernen Unternehmen, dem man alle blödsinnigen Anfragen, in denen das Wort „Digitalisierung“ vorkommt, weiterleiten darf) antwortet daraufhin dem Chef: „Das IST meine Arbeit, wir müssen als Unternehmen jederzeit auf der Höhe des Wissens über, naja, alles mögliche, bleiben. Dazu muss ich lesen und wir müssen auch posten da.“
Chef: „Was müssen wir?“
Digital Strategist: „Unsere Strategie zum Thema Digitalisierung in den sozialen Medien darstellen beispielsweise“.
Chef: „Versteh ich Sie richtig? Sie machen unsere Strategien im Internet publik?“
Digital Strategist: „Ist doch guter Content. Wir leben in Zeiten einer shared economy. Herrschaftswissen gibts nicht mehr und das Expertentum erodiert sowieso.“
Chef . „Was?“
Digital Strategist: „Die digitale Transformation bedeutet viel. Da gehts um die total customer obsession als Ansatz“
Chef (kopfschüttelnd von der Bühne, dabei murmelnd): „Bummsnachrichten. Bummsnachrichten.“
Naheliegender Schluß: Der Counter zählt und nicht der Inhalt. Content hat den Bedeutungsteil „Inhalt/Sinn“ verloren, es steht nur noch für Text bzw. Anzahl von Textkopien. Und zwar für Text, der bitte in einskommafünf bis maximal drei Worten eine Marketingwirkung zu erzielen hat. Entweder Selbst- oder Unternehmensmarketing.
Ich empfehle ein uraltes Buch dazu:

Mein Leben ist ein Live-Mitschnitt
Keine Kinder
Deinhoff sagt: Ich habe keine Kinder. Ich hätte Angst davor, in der Erziehung zu versagen und dann wachsen da vernachlässigte Nachkommen heran, die naturlich falsche Entscheidungen treffen. Sie wissen es ja nicht besser! Sie geraten womöglich an falsche Freunde aus dem falschen Millieu und dann ist es passiert und sie machen Abschlüsse in Jura oder BWL und machen Karriere in der Wirtschaft. Wie ich mich da schämen wuerde als Elternteil!
Nach dem Besuch des Friedhofs der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden
Wenn Vater stirbt ist Mutter allein ist Vater tot ist die Hälfte weg ist der Rest anders und
ich werde erwachsen sein.
Low profile für Männer
Lächerlich 1: jetzt runde Brillen kaufen. Zu früh (2 Jahre etwa), zu durchsichtig, zu langweilig. Etwas für Gordon Gekko wanna-be Markus Koch von n-tv. Der hat natürlich eine.
Lächerlich 2: immer noch: Teure superlangweilige gutgeputzte Edelschuhe. Guttenbergsch. Klaedenesk. Siegelringkompatibel. Zur Zigarre. Am besten drauftreten, wenn man sie sieht.
Schlimme Dünne
Schlimm, diese Frauen, die erwarten, für ihre Abmagerung bewundert zu werden: „Gott, hast Du abgenommen“. „Ja, danke!“ „??!!“
Ich werde ab jetzt den Satz immer folgendermaßen ergänzen: „Gott hast Du abgenommen, Du siehst ja schrecklich aus“.
Aber halt, dann denken die womöglich „Gut, dann sieht man eben, was das für ne Scheißquälerei war. Aber es hat sich ja offensichtlich gelohnt!“
Also besser: „Gott hast Du abgenommen, schrecklich, richtig ALT GEWORDEN siehst Du aus!“
Hm. Obwohl. Wieviele dieser Frauen dann wohl immer noch denken „Alt? Frechheit! Aber juhuu, ich sehe also dünn aus!“
Okay, der beste Kommentar ist also: „Mein Gott hast Du ZUGENOMMEN“.
Er könnte es wenigstens auf Lautlos stellen
Wenn eine ältere Dame über eine andere Person in dessen Hörweite in der dritten Person spricht, dann handelt es sich entweder um die Queen und den italienischen Ministerpräsidenten oder man sitzt im Ruhezonen-Großraumwagen eines ICE’s.
Man erkennt Ruhezonen an obigem Piktogramm.
Etwas verunglückt. Erinnert an Nasebohren. Beim Stöbern nach dem Bild bin ich über zwei Ecken auf das hier gestoßen (bitte danach zur Erklärung diesem Link folgen).
Tun das die japanischen Grundschüler wirklich? Muss man davon ausgehen, dass auch der japanische Ministerpräsident in seiner Jugend Kan-CHO’t wurde? Und haben die da drüben keine straffen Hosen aus festem Stoff?
Die ältere Dame saß neben mir auf der anderen Seite des Gangs als mein Handy klingelte. Es war auf volle Lautstärke gestellt. Das liegt daran, dass ich Angst habe, nachts einen wichtigen Anruf zu verpassen. Warum, das tut hier nichts zur Sache.
Es klingelte und meine Nachbarin direkt neben mir auf dem Fensterplatz erschütterte vor Schreck.
Sofort anschließend kam es zu folgendem Dialog zwischen der Dame auf der anderen Gangseite und mir:
Ältere Dame, sehr laut, den Kopf halb zu Ihrem Fensterplatznachbarn gewandt: „Er könnte es wenigstens auf Lautlos stellen!“
Ich, den Kopf zu ihr gewandt: „Es tut mir leid.“
Ältere Dame, selbe Kopfhaltung: „Er sieht doch, wir lesen hier!“
Ich, sehr laut, den Kopf zu meiner Fensterplatznachbarin gewandt: „Es tut ihm leid.“
Fensterplatznachbarin, aufgerissenen Auges nach vorne auf den Plastikdrehknopf, der das Aufklapptablett hält starrend: „Mh.“
Später setzte sie sich nach einem Toilettengang ohne Erklärung eine Reihe weiter nach vorne, die war kurz vorher von aussteigenden Passagieren geräumt worden.
Ich versuchte die ältere Dame mit vergifteten Blicken zu töten, schaffte es aber nicht.
Sprudel im Strudel
Das Wort Sprudel als Bezeichnung für kohlensäurehaltiges Mineralwasser stirbt aus.
Dafür gibt es zwei Gründe:
1.) Es steht dem Differenzierungswahn der Marketingstrategen wehrlos gegenüber. Dieser gründet auf der simplen Erfahrungstatsache, dass das Anbieten mehrerer Produktvarianten ceteris paribus insgesamt zu mehr verkauften Produkten, also zu mehr Profit führt.
Der Sprudel wird abgeschafft. Er muss dem Zwillingspärchen „classic“ und „medium“ Platz machen. Die sprudeln auch, aber unterschiedlich heftig.
2.) Das Wort „Sprudel“ ist gnadenlos Deutsch. Versteht sonst fast keiner. Die Worte Classic und medium sind gnadenlos international verwendbar und die Vereinheitlichung von Bezeichnungen spart Kosten.
3.) Obwohl. Wer Wörter wie Häägen Dazs erfindet, kann auch mit Sprudel in Amerika Erfolg haben. „Sprudel, like Poodle with a Schpritzzz“.
Ca. 50 Zeilen Hass
Schön, früh im Flieger zu sitzen, Gangplatz ist wie erste Reihe vor dem Laufsteg. Schön anzusehen, wenn dann gleich mehrere der RevolvingClothes.com-Frauen an mir vorbeidefilieren, zwischen 35 und Anfang 40, noch strahlend, telefonierend, mit perfektem Zusammenspiel von Kostüm, Nicht-Frisur, Dezent-Make up, Schuh und It Bag. Noch sind sie fast stolz auf Ihre skelettöse Figur, noch wissen sie nicht, dass sie gestern begonnen haben, scheußlich aussehen, die Jeans sitzt schon ein bisschen wie auf einem Kleiderbügel und die Augen sind zu groß, um wahr zu sein.
Och wie nett, denkt man aber trotzdem, die waren doch eben noch im Katalog oder in der Gala. Und jetzt hier und nicht in Hollywood!
Aber ich will wie jeder vernünftige, gutaussehende, intelligente, humorige, sympathische und wohlhabende Mann natürlich nicht, dass eine dieser Frauen sich in meine Reihe setzt. Auf keinen Fall. Hilfe! Das ist, als ob der Tod neben mir Platz nähme. Sie will mich reinziehen in diese Arktis Ihres Lebens und will eisige Häuser mit erstarrten Gärten bewohnen, und Ihre gletscherkalten Bekannten einladen, um bunte tote Nahrungsmittelimitationen gemeinsam zu essen. Nach der Unterzeichung des Ehevertrags will sie, dass wir Samen und Ei in einer Großstadtklinik einem Arzt zur Verfügung stellen, damit dieser Kinder herstellen kann. Sie kommen tot zur Welt. Später sollen diese totgeborenen Kinder in Privatschulen geschickt werden, Schulen exklusiv für Totgeborene. Dann will sie viel Geld ausgeben für Ärzte und Kleider und für Geliebte. Und dann schließlich will sie irgendwann, dass wir gemeinsam langsam immer weniger essen, um schließlich zu verhungern. Damit der Sarg Größe 0 haben kann.
Die Spuren dieses dauernden und immer härter werdenden Ringkampfes gegen das Stinkende, Laute, Peinliche, Fette, Hängende, Chaotische, Unkontrollierbare sind überdeutlich zu beobachten bei diesen Frauen. Die Totalverkrampftheit springt über auf mich. Ich spüre sofort, wie meine Darmbewegungen einfrieren. Solche Frauen wirken wie Immodium. Sie nehmen auch selbst Immodium, weil Darmbewegungen, weil das Wort Darm schon allein, weil die Vorstellung, dass dieser hohle Wurm im Innern durch vulgäre Bewegungen schleimige, stinkige Verdauungsreste aus dem Körper herausdrückt, unerträglich eklig ist für diese Frauen, deshalb lieben sie Immodium.
Sie riechen schön. Immer nach nicht zu viel und nicht zuwenig gutem Parfum. Sie haben nie Mundgeruch. Mundgeruch brächte sie aus der Fassung. Vollständig. Mundgeruch ist Durchbruch des natürlichen Schmutzes durch die Mauern Ihres Bollwerks zur Verteidigung des Klinisch-Reinen. Deshalb haben sie hohe Zahnarztrechnungen und essen nie Döner, und wenn doch, dann kündigen sie es zehn Tage vorher an: „Dienstag in einer Woche gehen die Mädels und ich aus. Mit Dönerbude und allem!“ Ganz sicher ist auch der Mittwoch dann kein Tag mit wichtigen Meetings.
ICH WILL KONTROLLE BEHALTEN, das ist das Mantra. Und sie pressen die Lippen aufeinander. Die vertikalen Hexenfalten um den Mund, die man davon bekommt, werden sooft weggemacht, wie sie wiederkommen.
Das freundliche Strahlen dieser Frauen kommt aus einem Phaser und ist lebensgefährlich.
Ich ducke mich weg. Und habe vielleicht Glück.
Während einer Bahnfahrt Berlin – Heidelberg
Haltestellenassoziationen:
Fulda besitzt als Wort schon einen gewissen südlichen Klang, Kassel kurz vorher hatte noch den trockenen, nordischen Sound.
Und während in Kassel die Gesichter noch die Klarheit und Kühle eines Doppelkorns ausstrahlen, spiegeln sich in Fulda schon fast die nahenden Weinbaugebiete im Wangenrot.
Es wird Beckiger und weniger Merkelig.
Lob der Pornographie
In Zeiten anschwellenden staatlichen Vorgehens gegen Sinnenfreuden des niederästhetischen Frequenzbereiches sollte man in schöner demokratischer Tradition beim Abwägen des Für und Wider das Für nicht vergessen. Mir zumindest fallen drei Dinge ein, die ich auf die Positivseite setzen würde, wenns um Schmuddelkram geht.
1.) Es gibt kein besseres Mittel, um die 19jährige Tochter oder die von Altersangst befallene Ehefrau von Brustoperationen abzuhalten als das Vorführen von Auszügen aus US-amerikanischen Pornostreifen. Groteskere Verformungen, bizarrere Verrutschungen, hässlichere Faltenwürfe und Narbenwülste kann man nirgendwo sehen.
Es ist halt ein Unterschied, ob man Demi Moores gepimpte Oberweite festsitzend im ausgeschnittenen Abendkleid betrachtet oder freigelassen unverhüllt in rasanter Durchschüttelung. Ashton Kutcher könnte hier sicher erhellende Sachen erzählen aber noch schweigt er.
2.) Entgegen dem, was Werbung, Frauen- und Männerzeitschriften sowie Hollywood und Laufsteg uns tagtäglich einhämmern, gibt es Spaß, Lebensfreude und jede Menge Sex jenseits von Modelmaßen und jenseits der 40. Zum Beweis empfehle ich einen flüchtigen oder vertieften Abstecher in die Welt der Amateurpornointernetseiten. Dort tummeln sich im schönsten Wortsinne unverschämte Paare, die ihren Spaß am Sex und damit ihre aus dem Leim gegangenen und teilverschrumpelten Körper mit großer Leidenschaft und geringer Kenntnis filmischen Basiswissens aufnehmen und zur allgemeinen Ansicht freigeben. Es entfaltet sich ein Panoptikum ästhetischer Grenzüberschreitung in nicht für möglich gehaltenem Ausmaß. Man wird Angriffen pickeliger Riesenhintern ausgesetzt, sieht dutzendfache Beispiele für fußpflegerische Notfälle und wird von einem veritablen Tsunami formlosen Fleisches und wabernden Fetts überspült. Ein mutmachender Trost für alle (auch die zukünftigen) Dicken und Alten.
3.) Pornografische Darstellung beantwortet dem gänzlich Unerfahrenen sehr anschaulich wesentliche Fragen, die jenseits der Antworten in Biologiebüchern, Aufklärungsunterricht und Doktorsommerrubriken bestehen bleiben. Der Verfasser fühlte sich als 17jähriger bezogen auf die Abläufe des sexuellen Vorgangs an sich jedenfalls unzureichend informiert: Das Biologiebuch zog sich an entscheidender Stelle mit Formulierungen aus der Affäre, die in wissenschaftlicher Klarheit daherkamen aber jedwede Art praktisch verwertbarer Bedienungshinweise vermissen ließen: Das Glied wird versteift in die sekretfeuchte Scheide eingeführt. Basta. Dass an den erwähnten primären Geschlechtsmerkmalen auch noch der Rest des Körpers hing, der in irgendeiner Form dabei positioniert und gehandhabt werden muss, war logisch, indes die brennende Frage nach dem Wie blieb unbeantwortet.
Jedenfalls solange, bis ich den von außen unverdächtig aussehenden Zeitschriftenladen im Stadtzentrum entdeckte, der neben dem üblichen Angebot an Druckerzeugnissen auch eine ganze halbe Regalreihe mit unverschweißten (!) Hardcorepornoheftchen aufzuweisen hatte. Gnädigerweise war das betreffende Regal in einer schlecht einsehbaren Ecke des Ladens aufgestellt worden. So konnte man – und ich tats – durch Ausnutzen eines günstigen Moments 20 Sekunden Zeit gewinnen, eines der Heftchen zu greifen und hektisch durchzublättern, bevor der Ladenbesitzer oder andere Besucher Verdacht schöpfen konnten. An einem Tag, an dem das Schicksal mich mit großem Glück beschenkte, konnte ich so auf der Mitteldoppelseite eines Happy Weekend Heftchens die Antwort auf einige meiner drängendsten Fragen entdecken. In nie für möglich gehaltener Klarheit und Eindeutigkeit waren dort zwei nackte Männer und eine genauso nackte Frau beim tatsächlichen Tun abgebildet. Links der Mann, der sein tatsächlich versteiftes G. in die -hmmmmmmm- anscheinend NICHT sekretfeuchte S. der Frau eingeführt hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite der zweite Mann, der sein entsprechendes Geschlechtsmaterial offensichtlich einvernehmlich in einer unerhört andere Körperöffnung der Frau geparkt hatte. Unglaublich! Also so! Verstehe! Diese 10 Sekunden verstohlener Betrachtung wogen Jahre verschämter zweideutiger unklarer Erklärungen mit einem Schlag auf. In großer Aufgewühltheit und in der Euphorie des Erkenntnisrausches verließ ich den Laden. Heute noch bin ich dem Besitzer dankbar, von dem ich vermute, dass er ein Herz hatte für arme, hormonelle Tumulte durchleidende Heranwachsende. Er hatte mich mich selbst aufklären lassen. Wahrscheinlich hatte er Ähnliches in seiner Jugend durchgemacht. Das alles geschah vor ungefähr 25 Jahren. Würde der Ladenbesitzer heute sowas tun und dulden und am Ende sogar noch die Dummheit begehen, darüber zu reden, dann wäre am nächsten Tag womöglich sein Laden geschlossen und er als „Sex-Bestie“ auf der BILD-Titelseite.
Berlin Ostbahnhof
Berlin macht es einem schwer, es zu lieben, wenn man das Pech hat, den Wagen am Ostbahnhof abgestellt zu haben. Mach ich oft so, mit dem Zug von Berlin Ost nach Frankfurt Main ist unschlagbar schnell. Dann von Frankfurt weiter nach München mit dem Zug geht auch noch, naja. Dann zurück mit Germanwings von München nach Schönefeld und mit dem Airportexpress wieder zum Ostbahnhof, zum Wagen eben, den brauch man ja. Das nervt schon. Schönefeld ist 10 Minuten von meiner Berliner Wohnung entfernt, der Ostbahnhof zwanzig, und zwar in die andere Richtung. Dann heisst das: von München aus um 18.50 mit Bus und S Bahn zum Flughafen, Flug um 20.40 ab FJS, Ankunft Schönefeld 21.50, Abfahrt airportxpress 22.31 (!) Ankunft Ostbahnhof 22.47.
Und dann runter ins Souterrain und… es stinkt. Es stinkt so gottserbärmlich nach massenhaft altem, zu lange unter kaputten Nieren und Lebern gelitten habenden Urin. Im Souterrain und in der überdachten Parkgaragenvorhalle suchen die Obdachlosen und die anderweitig Verlorenen Schutz. Man will ja auch nicht, dass sie vertrieben werden. Wie wär es mal mit öffentlichen Toiletten an den RICHTIGEN Stellen? Kann man doch erriechen, wo dramatische Angebotsknappheit herrscht. Unverständlich! Berliner Duft. Hilft nix, also Nase zu und durchkämpfen zum Auto, um festzustellen, dass durch eine Lücke im Betondach Tauben pfundweise Dreck auf den Lack und das Glas geschleudert haben. Und selbst der Taubendreck stinkt hier penetranter. Und geht schlechter weg. Und überhaupt.
Nachmittags noch am Nymphenburger Schloß in München die Nase in die Blumenrabatten gesteckt … und abends das.
Ankunft Berliner Wohnung 23.15. Kein Bier da. Dafür kann aber Berlin nix.
www.KeinQuasselnImFlugzeug.de
So. jetzt isses passiert. Ryanair ist die erste Airline, die Handybenutzung
während des Flugs erlaubt und alle, alle werden folgen.
Vorbei die herrlichen Zeiten der Nichterreichbarkeit ohne schlechtes Gewissen, vorbei die Freude auf eineinhalb Stunden ungestörten Schmökerns, Passagierebeobachtens oder Schlafens während der Arbeitszeit. Adé, Freiheit, hallo Telkos über den Wolken. Wer braucht das denn? Kein Mensch. Statt mehr arbeitsfreie Zeiten zu schaffen, schaufeln wir uns die letzten Lücken zu. Wem hilft das? Niemand außer den Besitzern von Netzbetreiberaktien. Wer will das? Ich jedenfalls nicht. Und ich bin doch nicht allein mit dieser Meinung oder? Das kann doch nicht sein! Unmöglich!
Ich erwarte ein Welle des Protests! Einen Aufschrei! Sturm brich los! Nu mach schon!!
Ich will Aktionen! Sonst muss ich am Ende die Webseite im Titel oben wirklich ins Leben rufen.
Die „Invertierte Freud’sche Fehlleistung“ am Beispiel
Freud’sche Versprecher (im englischen „freudian slip“, herrlich rutschig, was?) sind Fehlleistungen beim Sprechen, die, wenn sie einem unterlaufen, insbesondere dann jahrelang zu dankbaren Inhalten von Abi-, Alumni- und sonstigen „Weescht-noch“-Treffen werden, wenn das aus dem Unterbewußtsein hervorbrechende Wort ein schlüpfriges oder noch besser gleich ein total versautes war.
Mir ist unbekannt, ob das Phänomen, um das es in der vorliegenden sonntagvormittäglichen Notiz gehen soll, auch bereits einen wissenschaftlichen Namen hat. Solange dies unklar ist, werde ich es jedenfalls auf den Namen „invertierte Freud’sche Fehlleistung“ taufen und damit im folgenden eine Fehlleistung nicht beim Sprechen, sondern bei der Perzeption von Geschriebenem meinen.
Es geht -in concreto- um Wortgebilde mit dem Präfix „It-„, im selben Sinne verwandt wie z.B. -und jetzt fällt der Groschen- beim „It-Girl“. Das It-Girl, das als Begriff schon seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts existiert und das sich seitdem und in besonderer Häufung in den letzten 3-5 Jahren zu einer Großfamilie entwickelt hat, in der es von It-Bags, It-Shoes und It-Jeans usw. nur so wimmelt.
Besonders, wenn dieses Präfix in Majuskeln präsentiert wird, stelle ich an mir immer wieder fest, wie ich in beruflich bedingter Fehlleitung im ersten Moment annehme, es handle sich beim It-Girl um eine Bezeichnung für eine Frau aus der Informationstechnologiebranche, beim It-Bag um eine neue modische Tragetasche für mein Notebook und beim It-Boy um mich selbst. Die Aufmerksamkeit wird bei mir sofort durch das Signalwortteil „It“ erregt, um dann heftig enttäuscht zu werden und in Ärgerlichkeit umzukippen. In die Irre geleitet vom eigenen Hirn! Invertierte Freud’sche Fehlleistung eben.
So stehe ich dann vor Postern, die Frauenzeitschriften bewerben und werde immer wieder getäuscht getäuscht getäuscht, kann nichts dagegen machen, da bin ich wie der Hund vom Pawlow.
Ach! Wie aufregend meine berufliches Umfeld doch sein könnte, arbeitete ich in einer überaus hippen Branche, der „It-Branche“ überhaupt, zu der dann wohl auch bald Paris Hilton hinstreben würde. Und das nächste It-Girl wäre wirklich ein Girl aus der IT. Aber so? Novemberstimmung mitten im August.
Schlafend oder tot?
Alt ist man, wenn man beim Schlafen aussieht wie ein Toter. Vorher sieht man aus wie ein Schlafender. Die Partner berichten, wie süß und friedlich man ausgesehen habe. Irgendwann hört das Berichten auf. Wenn man Glück hat, sagt einem dann ein guter Freund mal sowas wie: „Ich musste Dich wachrütteln, du lagst da mit offenem Mund und sahst aus wie gerade einem Leiden erlegen.“ Von da an sollte man in einer Beziehung drauf achten, niemals nach dem Bettnachbarn aufzuwachen. Und wenn da dasselbe Alter liegt, besser auch nicht zur Seite zu schauen.
Donor 402
Donor 401 ist ein Traum von einem Genträger: 1.95m, blond und blauäugig und schnellbräunend, früher Collegefootballstar, heute Besitzer eines Masterabschlusses und zudem noch mit poetischer Ader ausgestattet. Ein Star unter den Samenspendern, die Ungewollt Kinderlosen Frauen (UKF) reißen sich um ein stickstoffdampfedes Döschen seines Destillats.
Aber Donor 401 spendet nicht mehr. Alle Lagerbestände sind aufgebraucht. Die UKF’s sind verzweifelt. Doch Rettung ist nun da.
Ich bin Donor 402.
Jeder Mensch sehnt sich nach ein bisschen Unsterblichkeit (Mondlander, Weltmeister, Bill-Gates-Torte-Ins-Gesicht-Schmeißer). Toll. Aber aufwändig, langwierig und teuer. Die unanstrengendste Methode ist aber für knapp 500 € p.a. zu haben und das Prozedere ist sogar noch mit gewisser Freude verbunden (http:⁄⁄www.cryobank-muenchen.de⁄Website%20Cryobank%20aktuell-Dateien⁄page0020.htm)
Den Rest erledigen andere für mich. Großartig. Ist wie Geld, das allein arbeitet.
Ich bin zwar nur 186cm, aber die sind gerade gewachsen, 1+ im Sport und Prädikat im Examen hab ich auch, Tagebuchschreiber und Literat bin ich, dazu Philanthrop und Humorist, tougher Wirtschaftskapitän tagsüber und abends WärmflaschansbettBringer.
Und 2058 ist mein Enkel Fußballweltmeister und meine Tochter gratuliert als Bundespräsidentin.
Wenn uralte Frauen mit den Beinen baumeln
Ganz rührend: wenn ururalte Frauen mit winzigen zusammengeschrumpelten Körpern auf dem Sessel sitzen und mit den zu kurzen Beinen baumeln wie übermütige Kinder.
So geschehen letztens bei meiner Großtante, die ist 98.
Und gelesen bei Yoko Ogawa, Museum der Stille. Ich bin noch mitten drin, es ist so wunderbar. S. Bücherbegleitung Mai.
Hm.
Irgendwann sitzt man auch selbst in so einem verfallenen Körper fest und will möglicherweise nicht nur Beinbaumeln, sondern auch aufspringen. Aber man weiss ja, das ist auf ewig völlig unerreichbar.
Nimmt man das dann gelassen oder bringt einen das aus der Fassung?
Apropos alte Frauen:
Eben schreibt Spiegel online, dass die vermutlich älteste Frau der Welt den Tag am liebsten mit Dösen verbringt und seit Jahren schon keine Lust mehr hat, zu sprechen. Wie wunderbar verschwenderisch sie mit der Zeit umgeht! Von wegen „Carpe diem“!
Bestens geeignet gegen das schlechte Gewissen am Sonntag abend, nachdem man bei herrlichstem Frühlingswetter das ganze Wochenende drinnen auf der Couch verbracht hat mit AnNichtsDenken, Schlafen, Nasebohren.
Nachtlokale im Duden-Bildwörterbuch
Gefunden beim Durchstöbern des Bücherregals:
Das Duden-Bildwörterbuch der deutschen Sprache. Der Untertitel „Die Gegenstände und ihre Benennung“ macht zwar nicht direkt Lust aufs reinschauen, doch wenn mans trotzdem tut, wird man aufs Schönste belohnt. Ein oder mehrere unbekannte Meister haben hier mit bewundernswerter Akkuratesse genaueste Zeichnungen zu verschiedensten Sachgebieten des Lebens und der Umwelt erstellt. Jedes Detail, das zur Benennung taugt, wurde darin numeriert und in einer beigefügten Legende erklärt. Das Ganze reicht von eher nüchternen Darstellungen und Erklärungen dröger technischer Apparaturen (Setzerei, Fotolabor), bis zu ausgesprochen funkelnden Juwelen, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Wie diesem sehr lustigen hier im Beitrag abgebildeten unter der Überschrift „Nachtlokal“ (s.o.)


Drollig! Die Gäste eine Mischung aus dandyesken Typen (der zwischen der Nummer 16 und der 32), korrekter Mittelschicht, Lustgreisen und Hippiekommune, die „Combo“ ein mit viel Blech bestücktes Livequartett unter Discostrahlern. Insgesamt ein 9-köpfiges Personal für genausoviele Gäste. Kann sich ja nicht rechnen. Sowas ist ausgestorben, pleite, vergessen. Vergessen wie das Wort „Sofittenbeleuchtung“, das ich jedenfalls vorher noch nie irgendwo gelesen oder gehört hatte.
Gewieft finde ich übrigens die praktische Umsetzung der Filmvorführungsaufgabe als Kombination von örtlich klug installiertem Projektor (20) und pfiffiger Leinwandplatzierung (21).
Ich habe hier eine Ausgabe von 1992, in der 4., neu bearbeiteten und aktualisierten Auflage, vor mir. Die Zeichnung selbst muss aber wohl doch älter sein, 1992 gabs doch schon CD? Zumindest die Tonbandzeit (Nr. 17 hinten links neben einer der Animierdamen) war da schon ganz sicher vorbei.
Anrührend antiquiert, das ganze. Und mit Liebe gemacht. Wie hinten im Bild die Garderobiere interessiert zuschaut! Wie pflichtschuldig und vollständig alle Kleidungsstücke benannt werden, die die Stripteuse noch trägt oder schon weggeworfen hat („Das ist ein BH, das weiss ich aus dem Bildwörterbuch!“). Hach!
Weiss jemand, ob es eine neue Auflage gibt? Ich würde mir bildhafte Darstellungen vom „Chatroom“ und dem „Musicdownloadportal“ wünschen, das wäre bestimmt eine harte Nuss.
Personalberatung. Reloaded – weils bald wieder so weit ist
„Wir fliegen Sie nach Frankfurt ein für ein Gespräch.“ SO kriegt man mich natürlich, das geb ich zu. Da war dann auch egal, dass die Jobbeschreibung wieder mal überhaupt nicht zu meinem Lebenslauf passte. Aber der lag denen ja vor und wenn die so dämlich sind….
Im Airport Club des Frankfurter Flughafens (Members only! Kolonialmöbel mit grünem Kunstlederbezug!) begrüsste mich die resolute Frau S, musterte meine Erscheinung (den Fleck am Revers hatte ich am Morgen entdeckt und vergeblich versucht, ihn wegzurubbeln), rückte ihr Eulenbrille im strengen Gesicht zurecht und sprach: „Ich mach seit 18 Jahren Personalberatung“. Ich erwartete, dass sie das Wort „Sohn“ noch ergänzen würde aber sie tats nicht und so entstand schon die erste unangenehme Pause.
Im Gespräch wurde dann schnell deutlich, dass beide Seiten nicht so recht wussten, wieso man sich traf aber da ich hier der Eingeladene war und Kaffee und Kekse frisch waren, machte ich es mir im Gespräch gemütlich. Sie guckte an die Wand oder auf die Uhr aber ich hatte immer noch Fragen. Nach einer Stunde verabschiedeten wir uns unter Austausch von Nettigkeiten und vergaßen die Sache.
Ich hatte noch eine Stunde bis zum Rückflug und nutzte die Zeit, um in der Lufthansa Lounge Beobachtungen zu machen und die Bar zu testen. Neben mir saß ein Geschäftsmann, der persisch aussah, ein älterer Herr, vermutlich kannte der den Schah noch persönlich. Er rauchte lange weiße Zigaretten und blies den Rauch nicht raus, sondern ließ ihn gelassen in hellen Wolken aus Mund und Nase fließen. Das sah sehr cool aus, er gehörte zu den Rauchern, denen das Nikotin ganz offensichtlich nix anhaben konnte. Nicht so wie die nordeuropäischen Violettgesichter, die zitternd am Stengel hängen und denen man ansah, wie das Gift Zug um Zug den klapprigen Körper abnagt. Mein Perser hier war braungebrannt und wohlgenährt und der Rauch wurde ganz offensichtlich durch Stahlpipelines hinunter zu seiner Eisenlunge geführt, dort verwertet und danach einfach wieder abgelassen wie aus einem unverwüstlichen Fabrikschornstein. Die ganze Zeit über fütterte er einen auf seinem Arm mitgeführten Zwerghund mit liebevoll zurechtgebrochenen Keksbrocken. Souverän! Der wär sicher anders umgesprungen mit Frau S. als ich. Aber der verkauft ja auch bestimmt Öl oder Edelsteine und sicher keine lahmarschige langweilige Software.
Später auf dem Weg zum Gate liefen mir drei Promis aus der zweiten und dritten und vierten Reihe über den Weg: Guido van Kampen, der an mir vorbei hetzte, weil er fast seinen Flug nach Brüssel verpasst hätte, Christa Kinshofer in einer wahnwitzigen Kombination aus dunklem Nadelstreifenanzug und kirschroter Krawatte sowie Hagen Bosdorf, der auf meinen Flug nur über Warteliste reinkam. Der sah ganz blaß aus und trug eine speckige, traurige Schweinslederjacke in Schwarz.
Über den Wolken hab ich dann ganz viel Dvorak in meinem ipod laufen lassen und mich unter Zusatz von Economyclassrotwein in eine ganz gemütliche Tagesausklangstimmung bringen können. War eigentlich ganz okay der Tag aber trotzdem werd ich das nächte Mal so eine Reise nicht mehr machen. Das mit dem Fliegen hat lange nix mehr zum Gutfühlen beigetragen. Und seitdem ich weiß, wohin Flugpanik jemanden führen kann, fühl ich mich diesem scheußlichen Gefühl auch näher.
Ekelanfall
In Hamburg die großbürgerlichen, anorektischen Eppendorfer Guccinutten, in München die grotesk aufgespritzen und silikonisierten Maximillianstraßenmonster. Frankfurter Westend, Charlottenburg, Kö, what have you…Die Männer arbeiten als Partner bei Egon Zehnder International, weil sie für Boston Consulting zu alt geworden sind. Und faseln von notwendiger Elitenbildung in Deutschland. Und alle, Männer wie Frauen, machen sich über sich selbst lustig, weil sie jung genug sind, um die Harald Schmidt’sche Selbstironie gelernt zu haben. Das ist die, die allerdings immer durchblicken lässt, dass man eigentlich eben doch mehr checkt als alle anderen und deshalb gefälligst als untoppably cool bewundert zu werden hat. (Jauch: „Wissen Sie, Herr Schmidt, worum ich Sie beneide?“ — Schmidt: „Um mein Einkommen?“). Ja, arriviert aber eben trotzdem, frei, cool und individuell. Genauso reich wie die Fussballer aber intelligenter. Genauso intelligent wie die Professoren aber natürlich viel reicher. Genauso witzig die besten Humoristen, aber selbstverständlich mit Dr. und MBA und mit ordentlichen Berufen. So schön wie die Jugend, aber intelligenter UND reicher. Sieg auf jedem Schlachtfeld. Herrenrasse. Natürlicher Machtanspruch. Unschlagbar.
Ein Stoßgebet an den Gerechten: Gib den Eppendorferinnen eine Chance: lass sie durch eine eklige Krankheit ein Bein verlieren oder eitrige Hautflechten bekommen. Irgendwas, was man nicht mit Geld wegoperieren oder heilen kann. Lass sie Schreikinder gebären und keine Nanny finden, die sich das antun will. Lass ihre Männer von paparazzis erwischt werden: mit runtergelassener Hose vor dem Laptop, beim Anschauen von Kinder- oder Sodomiepornos. Schick sie in den Ironieresistenten Raum. Gib Ihnen Armut und einen öffentlichen IQ-Test, bei dem sie als Grenzdumme entlarvt werden.
So, Anfall vorbei. Danke. Sie können jetzt weitergehen, hier gibts nix mehr zu sehen.
Ursula von der Leyen
Vieles kann ich Ursula von der Leyen verzeihen. Diese muttchenhaft prüde Aufmachung mit Flachschuh und Haarspange, das Pferd im Stall, die Familienbilder zu neunt, selbstverständlich auch ihre Verteidigung gegen die heuchlerischen „Rabenmutter“-Angriffe von muffigen Erzkonservativen, für die eigentlich Magda Goebbels immer noch die Übermutter sein müsste. Aber die eigenen Kinder David, Sophie, Donata, Victoria, Johanna, Egmont und Gracia zu nennen, da kommt mir die Galle hoch. Asexuell UND elitär, das geht zu weit.
Eckart von Klaeden
Eckart von Klaeden (CDU) hat den Namen, der doch viel besser zu Guido Westerwelle passen würde.
Eckart von Klaedens hab ich zuhauf im Studium um mich rum gehabt. Alden-Schuhe, Barbourjacke, Hartmann-Trunk und karierte Hemden mit Doppelmanschette: So muss er ausgesehen haben.
Den Wanst hat er sich im 2. Semester in der schlagenden Verbindung angesoffen und seitdem ist er ihn nicht mehr losgeworden. Zur Examensfeier (Jura, natürlich) wurden
Zigarren gereicht. Am Ende der Feier stand EvK mitten auf der Tanzfläche, mit puterrotem, verschwitztem Gesicht, das Brooks Brothers Hemd drei Knöppe offen, links das Pils in der Hand, rechts die Cohiba und dann hat er „Dirty old town“ von den Pogues gekreischt.
Der Moment war seine Revolution, seine Befreiung, sein Coming Out. Schau her, Vater, ich bin anders als Du! Der Vater sah zu, schüttelte den Kopf, schaute betreten auf seine Aldens, suchte einen Ascher für seine Habano, nahm die Barbourjacke und seine Frau und ging nach Haus.
Und EvK war am nächsten Morgen wieder nüchtern, ging danach dann gleich ab in den Bundestag, besetzte hier und da Ausschüsse und ist nun Chefsprecher Außenpolitik.
Go, Ecki, go, Du bist echt so ein Pogues-Typ, ein totaler Revoluzzer!
Eine Lanze fürs Arschgeweih
Eine Lanze fürs Arschgeweih!
Als ich 16,17 war, da war es schlicht unvorstellbar, dass eine mehrfach tätowierte und regelmäßig intimenthaarte Frau woanders arbeitete als in einem Marseiller Hafenbordell. Und anders als alt und häßlich aussah. In diesen Zeiten klarer Weltvorstellungen war dies ebenso unzweifelhaft wie die Überzeugung, dass solche Frauen die sexualpraktisch höchste Kompetenz aufwiesen, verknüpft mit einem Hang zu libertinärer Ausschweifung. Zusammenfassend gesagt: Wer Tattoos hatte plus keine Haare unten, war (die paar schwulen Matrosen mal ausgeklammert) eine Nymphomanin und deshalb das größte für uns hormonübersättigte Jungs.
Das prägt. Das bleibt im Hirn. Heute sind solcherlei Frauen oftmals jung und hübsch und in bürgerlichen Berufen. Die Assoziation ist damals wie heute falsch. Aber trotz gelassenerer Hormone spüre ich mit behaglich wonnigem Entzücken heute immer noch einen leichten, lendenwärts gerichteten Stromstoß beim Anblick einer schönen Tätowierung an einem makellosen Rücken. Das ist nur ein kurzer Augenblick aber der kann schonmal einen trüben Tag strahlend aufhellen. Deshalb meine egoistische Bitte an die Frauen: Das TShirt weiterhin kurz lassen und die Tätowierstuben weiterhin aufsuchen! Danke!
Taormina 24. – 30. Juli
38 Grad sind zu heiß für mich. Ich schwitze schon bei 25, wenn kein Lüftchen geht. Bei 30 fühl ich mich richtig unwohl, bei über 40 müsste ich ganz sicher sterben.
Ganz Sizilien hatte vom Tage meiner Ankunft bis zur Abreisestunde niemals weniger als 38 Grad anzubieten, mit Ausnahme der kurzen Zeitspanne von zwei bis fünf Uhr nachts. Lebensrettend für mich sind daher im Hochsommer klimatisierte Räume. Ich hasse die Leute, die sich im Sommer über Klimaanlagen beschweren. Die machen im Auto bei 56 Grad lieber die Fenster auf als die Air Condition an: „Man hat sich sonst ja SOFORT eine Erkältung gefangen!“ Rücksichtslose Ärsche! Ich sterbe wegen Kaliumverlusts durch übermäßiges Schwitzen und die sorgen sich um einen Schnupfen!
Also fragte ich telefonisch beim ausgesuchten Hotel an, ob die Räume klimatisiert waren. Ich fragte nicht einmal, ich fragte zehmal. Ich hatte da schon Überraschungen erlebt, Klimaanlagen sind ja nicht gleich Klimaanlagen. Ich erinnere mich an die Panik, die mich einmal im August in einem Ferienclub in der Türkei befiel, als ich im Hotelzimmer erstmalig die Aircondition ausprobierte und lediglich ein jämmerliches Winseln zu hören bekam statt eines wuchtigen Fauchens. Ich verbrachte den überwiegenden Teil des Aufenthalts damit, herauszufinden, wo man stromgetriebene Tischventilatoren kaufen konnte. Damals jedenfalls hieß es auch“Klar haben wir klimatisierte Zimmer, ist doch logisch!“. Also fragte ich jetzt ungefähr so oft wie Jack Nicholson in „Besser gehts nicht“: „Haben Sie Taschenkrebse?“ „Haben Sie Taschenkrebse? “ „Haben Sie Taschenkrebse?“.
Sie hatten. Eine sehr gute Klimaanlage im Zimmer. Ein wunderschönes Zimmer mit eigenem Balkon und Blick aufs Mittelmeer.
Taormina selbst auch schön. Bisschen überlaufen. Aber doch schöne Stimmung am Abend. Hochzeit um zehn Uhr abends. Das fand ich ungewöhnlich, aber nachvollziehbar, denn ein Bräutigam im dunklen Anzug würde eine Mittagstrauung im Sommer nicht überleben.
Kobnhavn Kopenhagen 17. – 21.Juli
Auffallend:
Die Männer – in der Überzahl schlank und drahtig,Typ Lance Armstrong, mit den asketischen Vertikalfurchen in den Wangen. Dagegen die Frauen: Blond (nicht unerwartet) und moppelich (überraschte mich dann doch). Deshalb sahen die meisten Pärchen ein wenig seltsam aus, da war eine Unwucht drin, irgendwie. Ich versuchte, einige dieser Pärchen beim Essen zu beobachten, konnte aber nicht feststellen, dass die Frauen ihren Freunden heimlich die Pølser vom Teller klauten.
Aufregend:
Die schönste Frau von ganz Kopenhagen ist Frederikke, sie bedient an der berühmten Hafenpromenade namens Nyhavn in einem Lokal, dessen Namen ich vergessen hab, aber es ist direkt hinter der ersten Querstraße gelegen. Frederikke ist nicht blond, nicht moppelich und hat ein Lächeln, das den Bäumen im Dezember die Blüten an die Äste treiben kann.
Ärgerlich:
Das Phoenix trägt im Reiseführer den Zusatz „Nobelhotel“. Das passte nicht so recht zum günstigen Übernachtungspreis, den ich im Internet bekam aber ich dachte mir erstmal nichts dabei. Als ich ankam, war deutlich zu sehen, dass dies eins von diesen Hotels war, die die Nobelzeit ziemlich lange hinter sich hatten, so in etwa wie das Palace in Berlin, das ja irgendwann einfach nur schlau entschieden hat, allen Luxus abzuschaffen und nur die Pagen mit ihren Käppis beizubehalten. Reicht für 5 Sterne:

Übrigens, apropos Pagen, das unglaublichste Hotel, in dem ich jemals übernachtet habe, ist das Peninsula in Manila:

Die Pagen dort dürfen nicht größer als 1,40m sein. Sie stehen am riesigen Eingangsportal und öffnen die Tür, die dreimal so hoch ist wie sie. Und sie stehen zu zweit diskret in der Ecke des Waschraums auf dem Klo, wo sie sofort mit einem Baumwollhandtuch herbeihechten, wenn man sich die Hände fertiggewaschen hat. Beim erstenmal denkt man eine Sekunde lang an Überfall, beim zweiten und dritten Mal lacht man innerlich, beim vierten Mal denkt man gar nix mehr und beim fünften Mal dreht man sich verärgert um, wenn der Heranhechter eine Zehntelsekunde Verspätung hat.
Das Phoenix hat keine Pagen, nur eine dolle Historie (H.C. Andersen! wohnte! hier! oft!) und eine einigermaßen beeindruckende Lobby. Und das vermutlich kleinste Hotelzimmer ganz Europas. Mir wurde klar, dass die günstige Rate sich ganz einfach dadurch erklären ließ, dass sie sich offensichtlich über einen Quadratmeterpreis berechnete. Mein Zimmer hatte schätzungsweise 6 davon. 6 Quadratmeter. Vollgestellt mit Bett, Schrank, TV, Tisch, Badezimmer. Jetzt kamen noch ich und mein Koffer dazu. Wenn ich den öffnete, ging das nur, indem ich mich aufs Bett hockte und den Koffer davor auf den Boden platzierte. Wie gesagt, ärgerlich.
WASG
Mal in der WASG Homepage gestöbert und Folgendes gefunden:
„Der Druck auf die Menschen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen und eben keine relevanten Vermögenseinnahmen haben, hat verschiedene Dimensionen. Zum einen wird die akkumulierte oder vergegenständlichte Arbeit (als Kapital) immer wichtiger gegenüber der lebendigen Arbeit. Die Eigentümer beanspruchen daher den Löwenanteil des Ertrages aus diesem Wertschöpfungsprozess, soweit sie nicht durch die organisierten Lohnabhängigen zu anderen Kompromissen gezwungen oder durch gesetzliche Regulation beschränkt werden.“
An diesem Jargon-Geschwurbel erkennt man, wie nötig die Linke einen „Volkstribun“ (Prantl) hat, der potenzielle Wähler vor diesem altlinken Hauptseminargeschwätz bewahrt. Typisch, dass es momentan insbesondere um die Namensfrage geht: „Judäische Volksfront“ oder „Volksfront von Judäa“.
Da lasst Euch man ein bis drei Monate Zeit für die Diskussionen im Schneidersitz und unter Lehrern.
Kassler Kappes!
Wenn das wirklich 8 – 15 Prozent geben soll, dann muss man einen populären Politstar wie Oskar finden, der mit allen Medienwassern gewaschen ist. Wenn ich mir die vier Tröpfe da am Tapeziertisch der WASG-Pressekonferenz angucke, dann denke ich zusätzlich „UND ZWAR SCHNELL!“.
Wir haben da: 2 Volkswirte, einen Elektromechaniker und eine Suchttherapeutin.
Der Sympathischste ist der Mechaniker.
Der erweiterte Bundesvorstand ist ähnlich besetzt. Vielen Dank, Herr Thies Gleiss, für dieses total sozialwahlalternative Zungerausstrecken auf dem Bild. Das ist echt irgendwie super subversiv.
Dann noch ein Abstecher zum Kreisverband München
Hm.
Ich geh da nie nich mehr auf die WASG-Website. Das macht wieder mutlos.
Die Guten ins Töpfchen III : Das Ergebnis
Wie war das noch? Schlimme Nachrichten will man im Regelfall lieber persönlich überbracht bekommen, gute eher per Telefon? Oder andersrum? Oder gibts da keine Regel?
Mir ist so oder so telefonisch lieber. Bei schlimmen schon mal sowieso, dann kann man das Schwitzen anfangen oder bleich im Gesicht werden oder ein Vase zertrümmern und nachher kann man immer noch behaupten, man habe das alles ganz cool weggesteckt.
Aber auch bei Glücksnachrichten ist mir lieber, wenn der Überbringer mich nicht prüfend anstarren kann, um festzustellen, ob ich mich auch JA genug freue: „Schatz ich bin schwanger!“ „Toll.“ „???“
Gestern gabs die Töpfchenergebnisse. Bzw. die gabs schon lang, nur gestern hab ich mich erst getraut, anzurufen. Sehr nervös im Bürosessel rumgeschwungen. Und dann noch Warteschleife, weil der Doktor telefoniert! Wahrscheinlich teilt er gerade einem 55jährigen Prostatapatienten irgendeine niederschmetterende Alles-muss-rausgenommen-werden- Diagnose mit.
Dann ist er in der Leitung und Papier raschelt. Stille als Begrüßung. Meine Kehle ist Wüste. „Sooooo…. Sie haben eine geringe ……… , 18,8 statt dem normalen Durchschnitt von 20 Millionen Spermien. Das kann aber an der Tagesform liegen. Alle sonstigen Werte okay, Beweglichkeit sehr gut, Testosteron spitze. Alles in Ordnung“.
Alles in Ordnung? Nicht wirklich! Mein Freund U. z.B. hat 27 Mio Spermien abgeliefert! Dieser flächendeckende „Shock & Awe“-Einsatz einer 8,2 Mio Köpfe starken Zusatztruppe hat ihn vermutlich kürzlich zum Vater gemacht. Einer von diesen Kämpfern wars bestimmt, der durchkam.
Also, bei mir unterdurchschnittlich viele, dafür aber gut trainierte Jungs im Camp. Flink, geschmeidig, schnell und zusätzlich befeuert vom Testosteronhammer. So stell ich mir das vor.
Die schlechte Nachricht kam ganz am Ende. „Ist wahrscheinlich nichts Schlimmes aber Sie könnten wegen Ihrer ….. mal eine Blasenspiegelung machen lassen. Nur zur Sicherheit. Ich weiß, das ist eine unangenehme Untersuchung, aber wir haben ein flexibles Spezialgerät, das tut damit weniger weh.“
Die Guten ins Töpfchen – Teil II: Gunslinger
Geschafft.
Anschließend der Versuchung widerstanden, fünf Minuten zu warten und dann nachzulegen, um mengenmäßig Eindruck bei der Arzthelferin zu schinden.
In der Praxis dann Tür offen aber niemand da, außer einer Dame um die 60, die ihre eingetopfte Urinprobe in der Hand hält. Sie bemerkt, dass ich ein gleichaussehendes Plastikgefäß mit mir führe, startet ein Lächeln, das dann aber einfriert, als sie erkennt, dass der Inhalt meines Töpfchens andersfarbig und von abweichender Konsistenz ist. Ich versuche ihrem Blick mit neutralem Gesichtsausdruck standzuhalten, so dass wir uns 5 Sekunden wie zwei Revolverhelden beim Duell gegenüberstehen.
Dann kommt das faule Sprechstundenluder endlich, nimmts mir ab und fragt mich, wie alt es sei. Ich antworte nach einem Blick auf die Uhr und bin froh, der Versuchung (s.o.) nicht nachgegeben zu haben, sonst hätte ich jetzt „15 und 20 Minuten“ antworten müssen.
Die Guten ins Töpfchen
„Denken Sie bitte an die Karenzzeit?!“. Ja, mach ich. Die Karenzzeit ist die Zeit, in der ich meine „Batterien auffüllen“ sollte (Originalton Dr. K.), also weder allein noch unter Zuhilfenahme einer Frau meinen unter potenziellem Qualitätsmangel leidenden Spermien den Weg nach draußen zeigen darf.
Nach der Karenzzeit („5 Tage, einige sagen, drei wär besser aber machen Sie mal 5“) bin ich dann aufgefordert in dieses Töpfchen:

den Beweis meiner vorhandenen oder nicht vorhandenen Vermehrungsfähigkeit zu erbringen.
Um zehn Uhr morgens ist abzuliefern.
„Es muss frisch sein, höchstens 30 Minuten alt“. Das Sprechstundenluder guckt mich an. Denkt die sich eigentlich irgendwas dabei? Denkt die vielleicht, die arme Sau, noch gar nicht so alt aber schon Schluss mit lustig?
„Ich meine, müssen sie es hier machen?“ Das sagt sie wirklich und das finde ich fast anzüglich in der Wortwahl. Außerdem ist mir das Gesprächsthema unangenehm, weil hinter mir der UPS-Mann steht und ein Paket in der Praxis abliefern will.
Ich erkläre ihr schnell, dass ich 5 Minuten um die Ecke in der Auffahrtsallee wohne.
„Gutdannistdasjakeinproblem“. Okay, die denkt sich absolut gar nix dabei.
Ich hab das schon mal machen müssen, das ist gut zehn Jahre her. Damals noch in Köln. Da lieferte ich nach gestoppten 22 Minuten ab. Während der Autofahrt hatte ich mir überlegt, ob die Situation bei einer eventuellen Polizeikontrolle als übergestzlicher Notstand durchgehen würde. In der Praxis war grad Mittagspause, als ich ankam und erst nach 3 mal Klingeln hat die Arzthelferin geöffnet. Mit mürrischem Blick und gerade in ein belegtes Brot beissend. Ich hab mit knallrotem Kopf mein Töpchen abgegeben, das sie mit sehr spitzen Fingern entgegennahm. Seitdem weiss ich, warum die Dinger so einen Schnabel am Deckel haben (s. Bild).
Aber warum die so groß sein müssen, weiss ich bis heute nicht. Entmutigend groß.
Donnerstag früh werd ich wieder davorsitzen.
Weggucken, weil man sich stellvertretend schämt
Die Herren Moretti und Koch bei einem Sportreporter zu Gast. Man sollte denen die Zunge abbrennen. Fritz Walter jr. konnte auch nur Hütten machen und nicht reden. Weil der mit dem Zählen nicht so hinkam. Ich stell mir Sebastian Koch (ich mag schon den Vornamen nicht) nach drei Wodka vor, mit einem blonden Dings im Arm. Das Hemd drei Knöpfe auf und verschwitzte Brusthaare. Dann zu wissen, dass man mit drei Klugscheissersätzen die Blonde weich machen kann. Und nach dem ersten Satz zu wissen, dass man sich bei den beiden anderen nicht mehr anstrengen muss.
Headhunterday
„Wir fliegen Sie nach Frankfurt ein für ein Gespräch.“ SO kriegt man mich natürlich, das geb ich zu. Da war dann auch egal, dass die Jobbeschreibung wieder mal überhaupt nicht zu meinem Lebenslauf passte. Aber der lag denen ja vor und wenn die so dämlich sind….
Im Airport Club des Frankfurter Flughafens (Members only! Kolonialmöbel mit grünem Kunstlederbezug!) begrüsste mich die resolute Frau S, musterte meine Erscheinung (den Fleck am Revers hatte ich am Morgen entdeckt und vergeblich versucht, ihn wegzurubbeln), rückte ihr Eulenbrille im strengen Gesicht zurecht und sprach: „Ich mach seit 18 Jahren Personalberatung“. Ich erwartete, dass sie das Wort „Sohn“ noch ergänzen würde aber sie tats nicht und so entstand schon die erste unangenehme Pause.
Im Gespräch wurde dann schnell deutlich, dass beide Seiten nicht so recht wussten, wieso man sich traf aber da ich hier der Eingeladene war und Kaffee und Kekse frisch waren, machte ich es mir im Gespräch gemütlich. Sie guckte an die Wand oder auf die Uhr aber ich hatte immer noch Fragen. Nach einer Stunde verabschiedeten wir uns unter Austausch von Nettigkeiten und vergaßen die Sache.
Ich hatte noch eine Stunde bis zum Rückflug und nutzte die Zeit, um in der Lufthansa Lounge Beobachtungen zu machen und die Bar zu testen. Neben mir saß ein Geschäftsmann, der persisch aussah, ein älterer Herr, vermutlich kannte der den Schah noch persönlich. Er rauchte lange weiße Zigaretten und blies den Rauch nicht raus, sondern ließ ihn gelassen in hellen Wolken aus Mund und Nase fließen. Das sah sehr cool aus, er gehörte zu den Rauchern, denen das Nikotin ganz offensichtlich nix anhaben konnte. Nicht so wie die nordeuropäischen Violettgesichter, die zitternd am Stengel hängen und denen man ansah, wie das Gift Zug um Zug den klapprigen Körper abnagt. Mein Perser hier war braungebrannt und wohlgenährt und der Rauch wurde ganz offensichtlich durch Stahlpipelines hinunter zu seiner Eisenlunge geführt, dort verwertet und danach einfach wieder abgelassen wie aus einem unverwüstlichen Fabrikschornstein. Die ganze Zeit über fütterte er einen auf seinem Arm mitgeführten Zwerghund mit liebevoll zurechtgebrochenen Keksbrocken. Souverän! Der wär sicher anders umgesprungen mit Frau S. als ich. Aber der verkauft ja auch bestimmt Öl oder Edelsteine und sicher keine lahmarschige langweilige Software.
Später auf dem Weg zum Gate liefen mir drei Promis aus der zweiten und dritten und vierten Reihe über den Weg: Guido van Kampen, der an mir vorbei hetzte, weil er fast seinen Flug nach Brüssel verpasst hätte, Christa Kinshofer in einer wahnwitzigen Kombination aus dunklem Nadelstreifenanzug und kirschroter Krawatte sowie Hagen Bosdorf, der auf meinen Flug nur über Warteliste reinkam. Der sah ganz blaß aus und trug eine speckige, traurige Schweinslederjacke in Schwarz.
Über den Wolken hab ich dann ganz viel Dvorak in meinem ipod laufen lassen und mich unter Zusatz von Economyclassrotwein in eine ganz gemütliche Tagesausklangstimmung bringen können. War eigentlich ganz okay der Tag aber trotzdem werd ich das nächte Mal so eine Reise nicht mehr machen. Das mit dem Fliegen hat lange nix mehr zum Gutfühlen beigetragen. Und seitdem ich weiß, wohin Flugpanik jemanden führen kann, fühl ich mich diesem scheußlichen Gefühl auch näher.
Heutige Kopfknoten, noch nicht gelöst
Einer der nur tut, was ihm Spaß macht und Hedonist zu sein macht ihm keinen Spaß, ist der einer?
+++++
Immer wieder schwierig für mich: Nur die Tat zu verurteilen und nicht gleich den Menschen mit.
+++++
Flaches Denken
Neulich beobachtete ich einen Jungen, der flache Kieselsteine in den See schmiss, die dann eine Zeitlang über das Wasser hüpften. Ja Scheiße, fuhrs mir durchs Hirn, genauso ist Dein Denken, da fehlts an Tiefe, Du kratzt immer nur an der Oberfläche. Und das Ende des Kieselflugs ist auch kein Eintauchen und Heraufholen, sondern einfach nur ein Untergehen.
Herrjeh.
Naja. Die vermisste Tiefe hab ich dann später im Biergarten gefunden als ich ins ein oder andere Glas schaute. Da hab ich dann wieder recht zufrieden aus der Wäsche geguckt.
Säälä
Gestern im t**o (fürch-ter-licher Laden! Unterirdisch! Weiß ich selbst, war aber angedüdelt und hab mich von Anderen überreden lassen):
Ich im Gespräch mit einer mir unbekannten blonden Frau Mitte 30, die so klein und zierlich war, dass man Angst haben musste, man tritt auf der Straße aus Versehen auf sie.
Ruslana sei ihr Name, sagt sie, aus Kiew komme sie. Das hätte stimmen können, obwohl sie keinen von diesen großen runden russischen Köpfen hatte, sondern ganz im Gegenteil.
Ihr Sohn sei 17 und heisse Sergej. Hab ich auch geglaubt, weil mir ein Foto gezeigt wurde und warum auch nicht. Junge Mutter eben.
Das Parfum roch gut und teuer. Ihre Hände waren klein, unlackiert und dauernd in Bewegung. Sie blickte in meine Seele („Ich blickä in Deinä Säälä“) und hat nette Dinge über mich gesagt, die ich gern glauben wollte.
Dann sagte sie sehr viel später noch, da war sie dann schon sehr betrunken vom Rotwein, der Ihre Schneidezähne so blau gefärbt hatte, als ob sie Tinte getrunken hätte:
„Ich brauche Mann mit Gäld. Ich brauche für mich und für Sergej, Du verstehen?“
Ich verstand. Im Wein liegt die Wahrheit. Ich griff nach meinem Mantel. „Was? Warum Du willst gähän jätzt? Wer zahlt meine Gätränkä hier?“
Ich weiß nicht, wer letztlich ihre Gätränkä zahlte.
Ich weiß nur, dass ich noch mit dem Auto nach Hause gefahren bin und dass das -betrunken wie ich war- ziemlich dumm von mir gewesen ist.
Reflex
Vorgestern, irgendwo in der Stadt:
„Ich hab gar keine blauen Augen. Ganz im Gegenteil!“ sagte sie und zog eine Schnute.Er blickte schnell nach unten auf seine Fußspitzen, um mich nicht in sie zu verlieben.
Die Valschen bekommen die Kinder
Heute wird in der taz anlässlich des Weltfrauentags wieder das Thema des fehlenden Akademikernachwuchses aufgewärmt und aus datums-angemessenem Blickwinkel serviert.
http://www.taz.de/pt/2005/03/08/a0146.nf/text
Jajaja. Nur: Das ist doch kein Unterschicht-/Oberschichtproblem. Wer keine Kinder bekommt, das ist die Mittelschicht, egal ob akademisch oder nicht. Alles darüber vermehrt sich strategisch und verbissen in Lebensbornmanier. Statistisch kann ich das nicht belegen aber ich bin mir sicher. Wer in München am Sonntagvormittag im „Eisbach“ frühstücken geht, und die Kohorten von Akademikerfamilien, Unternehmensberater- und Anwaltsnachwuchs sieht, der versteht mich.
Putzige Kindchen langweilen sich im schicken Kinderwagen oder an der Hand des Maßschuh- und Barbour-Nachf.-tragenden Papas. Die Mama, stolz, schneller als Heidi Klum wieder das Schwangerenfett abpilatiert zu haben schwatzt derweil gutgelaunt mit der soccermom vom Nachbartisch, die gerade den eigenen Nachwuchs aus dem Caffe Latte zieht.
Was bleibt nach dem Überschreiten der 35, dem Brilliantring, der Nobelwohnung in Isarnähe und dem xhundert-PS-Van noch zu tun, um sich ins rechte soziale Licht zu rücken? Kinder haben. Viele Kinder haben. Hier im Eisbach am Sonntagmorgen sieht man sie alle. Erschaffen und geformt nach den Ebenbildern aus der Vogue-Bambini. Teure Kinder – 100.000 Euro kosten die nicht erst im Studium, sondern schon vor dem Abitur.
Die einen Falschen kriegen die Kinder mit Anfang 20, die anderen Falschen mit Ende 30. Und diese Kinder der Spätestgebärenden, die da großwerden, werden einen Teufel tun, die „Weichen anders zu stellen“ als die Frauen von heute, so wie es die taz-Autorin beklagt.
Denn alles soll ja so bleiben wie es ist (s.u., 7. März). Und daran werden sie arbeiten, die Heranwachsenden, werden kleine postpubertäre Zweifelkeime überwinden und dann am Ende schlimmer sein als die eigenen Eltern. Prost Mahlzeit.
Was geh ICH auch Sonntagmorgens ins Eisbach? Selbst Schuld, wenn ich mir den Tag versaue.
Nur’n Plan
Mein Plan ist, heute um 18 Uhr zur Praterinsel zu fahren, da macht die Kantine nämlich zu und sie hat Schichtende.
Wenn ich mich nicht täusche, fährt sie einen Golf. Ich platziere mich dann also strategisch in dessen Nähe, am besten wär es, grad nebenan zu parken. Sie wird sicher sehr müde sein, vom vielen Kellnern und vom Abwehren der unehrenhaften Annäherungsversuche böser angetrunkener Männer, die sie alle nicht mag, weil sie doch vom weißen Ritter träumt, der ihr romantisch den Hof macht. Weil ich clever bin wie ein Fuchs, hab ich die Curver-Box dabei, die mir zum Einladen der Geschenke am Ende des Fests mitgegeben worden war. Die will ich jetzt also zurückbringen, da hab ich einen prima Grund. Und deshalb kann ich, wenn ich sie dann treffe, so mit „ach bin ich jetzt zu spät, ich wollte Euch doch noch das hier zurückbringen“ in das Gespräch einsteigen. Ich plane, ein wenig ungeschickt mit der Box rumzuhantieren und einen etwas hilflosen Eindruck zumachen, nicht zuviel, nur so dass sie sich überlegt „ach dieser nette Mann, der tut sicher den ganzen Tag große und wichtige Sachen aber im täglichen Leben ist er ein wenig überfordert, da helf ich ihm doch gleich mal“. Dann gehen wir also nochmal rein in die Kantine und geben das ab und auf dem Weg werd ich so ganz ungezwungen smalltalk machen, so wie „Das ist vielleicht ein Winter, was?“ z.B. oder ähnliches, nur nichts politisches oder so, das weiß man ja, dass das nicht so gut ankommt. Auf dem Rückweg zum Auto sollte sie dann am besten ausrutschen, dann kann ich sie im letzten Moment auffangen und sagen „wenn du mit mir was essen gehst, lass ich Dich nicht fallen“ oder was anderes lustiges. Wenn sie dann lacht, dann heisst das ja, dass sie in mich verliebt ist, aber wenn sie mir einen Vogel zeigt, dann ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass sie momentan noch nicht erkannt hat, dass ich ihr weißer Ritter bin und dann werd ich mir was anderes ausdenken, was ich tu. Aber Fallenlassen werd ich sie dann trotzdem nicht, denke ich, es sei denn, sie sagt noch was entmutigendes, so wie „Hilfe, Hände weg!“. Dann vielleicht doch.
Alles bleibt so wie es ist
Sonntagmorgen vor einer Münchner Bäckerei in Nymphenburg: Ich beobachte eine wohl 40jährige schlanke Frau mit streng zurückgebundenen Haaren beim Wiedereinladen der Kinder in den sehr großen dunklen SUV. Sie trägt Seven-Jeans, Prada-Schuhe, eine weiße Bluse und eine Perlenkette darüber, dezenter Goldring am Finger: Philippa! Hierher! Charlotte, rutsch durch, mach Platz für Maximilian! Und drei kleine hübsche gesunde blondschopfige Kinder, ausgestattet von Lodenfrey Kinderabteilung, krabbeln lachend ins Auto, fahren wie jeden Tag zurück in ihr Haus in der Prinzenstraße, spielen mit den Hunden, grüßen artig den Gärtner, radeln in die Vorzugsschule, werden in 10 Jahren beginnen, ihr herrschaftssicherndes Kreuzchen an jedem Wahltag bei F.D.P. und CSU zu machen. Und in 20 Jahren, als sieggewohnte junge MBA Absolventen, werden sie Witterung aufnehmen, um gleichgesinnte, vor Fruchtbarkeit fast explodiernde Geschlechtspartner zu finden, die für herrschaftssichernden Nachwuchs sorgen werden, damit die Fackel weitergegeben wird, auf dass die Welt immer so bleibt wie sie ist, denn mein Gott, das wäre doch schrecklich, wenn dieses Paradies verloren ginge….
Audiophil
Gestern rief so eine Call Center-Frau von Kienbaum an, wegen irgendeines, auf mich völlig unpassenden Jobangebots. Das hab ich ihr auch gleich mitgeteilt, dass ich da überhaupt nicht in Frage käme.
Aber sie hatte eine sehr schöne Stimme, ganz samtig und das letzte Wort in jedem Satz hat sie so ganz langsam ausrollen lassen, wie auf einem roten Teppich. Das hab ich ihr gesagt, mitten im Satz hab ich sie unterbrochen. Und sie ist richtig schön aus dem Konzept gekommen und hat gestottert mit ganz vielen süßen kleinen samtigen „ääh’s“.
Dann entspannte sich folgender Dialog:
„Naja also ich interessiere mich sehr für die Stelle“
„Aber eben haben Sie doch das gegenteil gesagt!“
„Geben Sie mir Ihre Nummer? Ich überlege nochmal wegen der Stelle und rufe dann zurück“
-kurzes Schweigen am anderen Hörer mit Denkgeräuschen-
„Die Stelle ist für einen Projektmanager. Das hat ja tatsächlich ziemlich wenig mit dem zu tun, was Sie momentan beruflich machen, das scheint nicht zu passen“
„Ich glaub das auch“
„Warum wollen Sie dann meine Nummer?“ (das kam schnell und hörte sich etwas herausgerutscht an)
-taktisches Schweigen meinerseits-
„ähm“ (nicht ganz so samtig, wie sie es eigentlich könnte) und dann
„0211/3……..“
„Dankeschön“
-nochmal kurze, knisternde Pause-
„Gut, dann also, Sie melden sich nochmal?“ (sehr samtig aber ohne Ausrollen am Ende, sondern eher so, als ob sie sich nach der letzten Silbe auf die zunge gebissen und ‚wie blöd hab ich das denn grad betont‘ gedacht hat)
„Bestimmt“
-Schlußgrußformelaustausch-
Die nächsten zwanzig Minuten war ich verliebt.
Dann stellte ich mir vor, dass diese Stimme zu einer 150 kg Dame mit Nasenhaaren gehörte und ich erinnerte mich an meinen guten Freund U., der mal im Studium tagelang einen Telefonflirt veranstaltet hat und die Frau dann bei einer Party zum erstenmal getroffen hat.
Seine ersten Worte waren: „Ach, ich hab mir Dich ganz anders vorgestellt, Du hast so eine hübsche Stimme!“. Es waren auch die letzten und ich kann verstehen, warum er selbst heute noch vor Peinlichkeit Gänsehaut bekommt, wenn ihn jemand drauf anspricht.