Meine Mutter lebt in einer kleinen Gemeinde in der Voreifel.
Auf dem Dorfplatz steht vorschriftsmäßig eine Linde, die das morgendliche Geschäftstreiben in der kleinen Bäckerei an der Ecke beschirmt.
„Guten Morgen“
„Guten Morgen, Augenblick, bin sofort da, ich muss hier hinten die Anlieferung noch auspacken, das will die Chefin, dass das immer sofort passiert, bin aber gleich fertig und dann sofort da. Oh das ist aber schwer aufzukriegen, das dauert noch nen kleinen Moment ja, Entschuldigung ich muss das hier auspacken.“
„Ok“.
Gott liebt alle Menschen und das Prinzip der Nächstenliebe fordert uns Christen nachdrücklich auf, uns stets an seinem Vorbild zu orientieren. Und deshalb will er, dass ich auch die Bäckereifachverkäuferin liebe. Und nicht umbringe. Wozu ich Lust hätte. Sie streamt ihre Gedanken live und jeder der online, d.h. in diesem Fall in der Bäckerei, ist, muss das über sich ergehen lassen, wenn er nicht offline geht, also ohne leckeres Doppelröggelchen den Laden verlässt. Unmöglich, zu diesem Stream-of-no-thought den eigenen, süß-trägen Morgengedanken nachzuhängen. Unmöglich, irgendwas zu denken.
„So, jetzt aber, ich muss das aber wirklich machen, bin ich froh, dass ich das jetzt hinter mir habe, die Chefin will das so, was darfs denn sein, bitte?“
„Ein Doppelröggelchen bitte“
„Gern, kommt da noch was dazu wir haben noch lecker Ardennerbrot, nein, ok, danke, moment, ich muss die Artikelnummer hier, ja, so, 95 Cent, die sind auch lecker, haben Sie‘s klein, oh super, ja, danke, ebenso, Tschö!“
Und die Linde beschirmt weiter die Eckbäckerei in der Frühlingssonne und ward mit knapper Not nicht Zeuge eines Mordes aus Fassungsverlust.
