Der Vater einer Freundin war seinerzeit ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt aus dem Süddeutschen. Es waren die späten 80er und beginnenden 90er Jahre und ich erinnere mich noch gut an ihn, da in seinem von Großbürgerlichkeit durchwehten Haus, von Kopf bis Fuß in Maß gekleidet, auf der Nase eine Brille, die ich einmal leichtfertig als „Helmut Kohl in seiner pfälzischen Ministerpräsidentenzeit“ klassifizierte – was mir scharfen Protest einbrachte, war doch das Einzige, was man in diesem Haushalt mit Helmut Kohl teilte, seine Liebe zum Wein.
„Dummheit frisst – Intelligenz säuft“. Lebensweisheiten und gesellschaftliche Kommentare verdichtete er gern zu griffigen Einzeilern, die er dann beim Mittags- oder Abendbrottisch zum Besten gab. Nicht alle waren lustig, alle aber provozierend oder wenigstens überraschend – am nachhaltigsten im Gedächtnis haften blieb mir sein „Einzelschicksale interessieren mich nicht!“. Damals war das ein beiläufiger aber in seiner gewürzten Kürze abschließend vernichtender Kommentar zum Geschäftsmodell der BILD-Zeitung, der den grundsätzlichen Unterschied zwischen seriösen Medien umd Ramschpostillen am treffendsten illustrierte. Nur darauf natürlich bezog sich das. Nicht auf Einzelschicksale der eigenen Familie, der Freunde.
Wer stets einen Mangel an Herz und Gefühl in der Gesellschaft beobachtet und wer Vernunft ausschließlich mit dem Adjektiv „kalt“ benutzt, der sieht in jeder Entlassung einer Supermarktkassiererin einen Skandal und in jedem Wochenendurlaub eines Bundesministers während andernorts eine Supermarktkassiererin entlassen wird ein Zeichen von maximaler Verkommenheit der „Politikerkaste“. Und zu dieser Sicht erwartet solch ein Konsument in den Medien die passende Geschichte. Er erwartet weder Statistiken zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit im Einzelhandel noch eine Übersicht der dienstlichen Termine des Bundesministers vor und nach dem betreffenden Wochenende. Das wären Informationen, auf die der erwähnte Vater der Freundin bestehen würde, da sie ermöglichen, das Geschehene einzuordnen, in einem größeren Ganzen zu sehen, kurz, ihm Bedeutung ausserhalb des Privaten zu geben.
Was wiederum die allermeisten Leser oder Zuschauer verwirren und frustrieren würde, erwarten sie doch gerade den Blick ins Private, um jeder einzelnen am Geschehen beteiligten Person entweder Mitgefühl oder Verachtung schenken zu können.
So wie in „The Crown“ bei Netflix, wo ausnahmslos jeder Politiker oder Adlige, über den dort erzählt wird, heruntergezogen wird auf die Ebene der privaten Abgründe, mindestens aber der privaten Anekdote. So erscheint im Rückblick das Bemerkenswerteste an Edward Heath sein Junggesellendasein zu sein, so wie die Hahnrei-Existenz des Harold Macmillan, der Drogenkonsum des Anthony Eden und die Alzheimererkrankung des Harold Wilson – um nur bei Beispielen aus der Riege der Premierminister zu bleiben.
Das funktioniert in der Unterhaltungsindustrie fantastisch! The Crown ist aufwendiges Popcorn-TV, das einen Episode für Episode an den Fernsehsessel nagelt. Nach jeder Folge hat man allerdings ausser den überaus oft eingeblendeten kommentierenden Schlagzeilen der Presse nichts über die Hintergründe der jeweiligen politischen Hochereignisse gelernt, in deren Rahmen die Skandale, Erschütterungen und Leiden – Einzelschicksale eben – der königlichen Hauptfiguren genüsslich und überaus gekonnt in Szene gesetzt werden.
Da ist es nicht überraschend, dass auflageverlierende Zeitungen Politikerverhalten wie „Duplo essend“, „Fliege tragend und besser wissend“, „aus Bayern stichelnd“, „Fehlentscheidungen entschuldigend zurücknehmend“, „den Kollegenerfolg missgönnend“ usw. in der Berichterstattung über die Corona-Politik einen immer größer werdenden Platz einräumen. Die Entwicklung der Inzidenzraten und die Belegungsquote der Intensivbetten kann man eben nicht bewundern, nicht verachten, sie taugen nicht als Anlass für Schadenfreude oder fürs Fremdschämen. Die Wendung „Schicksale, die sich hinter diesen nackten Zahlen verbergen“ ist deshalb ein von der Tagesschau bis zum Spiegel benutztes Wortsignal, das den einschlafbedrohten Netflixgucker wachhalten oder vom Wegschalten bzw. Appwechseln bzw. Weglegen abhalten soll – mit der Aussicht auf Herzzerreißendes, Skandalöses oder wenigstens irgendwie Saftiges.
Längst heisst es also „Nur Einzelschicksale interessieren“ und ein öffentlich geäußertes gegenteilige Interesse wird, wen wunderts, für den, der es tut, zur Gefahr, den eigenen Ruf irreparabel zu beschädigen.