Berlin, Deutschland, die Nachbarn und die Grüne Gefahr (aktualisiert Februar 22)

Wie man sich da wohl als Einwohner irgendeines Landes außerhalb von Deutschland fühlen muss, wenn ihm der neue deutsche Michel mal wieder mangelnde Sauberkeit, unzureichende Sicherheit, zu wenig Gerechtigkeit, rückständige Sichtweisen hinsichtlich sexueller Orientierung und fehlendes Umweltbewusstsein vorwirft.

Vermutlich ähnlich wie gebürtige oder langjährige Berliner, die die Kommentare zur Hauptstadtlage von Provinzlern aus BW, Bayern, Hessen, NRW oder randständigen Bundesländern lesen.

Pantoffelige Spießerforderungen nach mehr Recht & Ordnung kommen ja schon längst nicht nur von den dumpfbackigen Blödianen der Rechten, sondern auch von der anderen Seite. Schließlich ist Recht & Ordnung ja auch längst nicht mehr das, was es früher mal war.

Während das Recht auf Ruhe zu den unsterblichen Klassikern des Genres gehört und inzwischen auch in Berlin immer vehementer nachgefragt wird, ist das Recht auf Ruhe des Gewissens relativ neu dazugekommen. Und das ist z.B. implizit eine Kernforderung der Grünenwähler. Die wollen in ihren Kreuzberger Eigentumswohnungen mit unverstellbarem Innenhofblick mit gutem Gewissen beim Araber geholtes Falafel und beim Türken gekauftes Chicken-Döner aufs Fischgrätparkett kleckern – ohne das Gefühl haben zu müssen, damit fehlenden Pazifismus, Geschlechterdiskriminierung oder Religionsfanatismus zu unterstützen. Damit man das unangenehme Thema nicht am Thresen vorbringen muss, werden die Politik und die Politiker in die Pflicht genommen. Die sollen gefälligst Protestnoten an die Araber schicken, Erdogan boykottieren und in bittschön jeder Anti-Putin-Demo in Russland mitmarschieren. Und nur wenn der für mich politisch Werktätige sich wöchentlich aufs Äußerste empört über den Mord am Regenwald samt indigener Bevölkerung darin zeigt, kann ich hier meine Caipirinhas und den Samba beim Karneval der Kulturen unverschatteten Gemüts genießen. Ich hoffe nicht, dass andersrum dieselben Leute über unbeweglich im Weg liegende Obdachlose hinwegsteigen, um in den Bürgerschaftsversammlungen, zu denen sie grad unterwegs waren, die Politik aufzufordern, vermehrt die Strassenpolizei auf Kiezstreife zu schicken, um ohnmächtig oder schlimmer wirkenden Wohnungslosen gegebenfalls Erste Hilfe zu leisten.

Denn das Gesagte hat längst das Getane ersetzt. So wie das Liken und Followen dem Gespräch den Garaus gemacht hat. Ich like Deinen Beitrag und followe Dir. Das sind digitale Markierungen, die analoge Gespräche verhindern. 1 oder 0, like den Text oder nicht, followe mir oder nicht. Für ein Dazwischen und ein Ja aber ist kein Platz.

Das ist wie mit der Moral. Gut sei der Nachbar oder eben böse. Wenn einer böse ist, dann darf kein Text geliked und ihm sowieso nicht gefollowed werden. Das ist passgenau und deshalb taugen die sozialen Medien so gut als Schlachtfeld der Moralisierer.

Die „Achse des Bösen“ war eben keine schreckliche Formulierung, weil sie die Falschen als böse bezeichnet hat, sondern weil sie fallbeilartig, endgültig, digital, snobistisch die andere Sichtweise verachtenswert macht und alle politischen Verhandlungsergebnisse verunmöglicht.

Ganz genau denselben Fehler macht die grüne Außenministerin. Wie sollte es auch anders sein, in einer Partei die immer behauptet, moral sei ein Standortvorteil für Deutschland. Wer da nicht erschaudert und Angst bekommt, der hat von Politik keine Ahnung.

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