Die Vorortisierung Berlins – Gedanken zu den Artikeln von Adrian Daub

Lars Eidinger fasste die Stimmung der Party-Gäste nach dem Polizeieinsatz wegen Ruhestörung in Berlin-Mitte so zusammen: „Erst wenn die letzte Party geräumt und der letzte Club geschlossen ist, werdet ihr merken, dass Berlin zu dem Kaff geworden ist, aus dem ihr gekommen seid.“

Ich weiss nicht, ob Lars Eidinger die Überlegungen des Stanford-Professors Adrian Daub kennt, der wiederholt in Zeitungsartikeln die schleichende Suburbanisierung der amerikanischen Grossstädte analysiert. Aber wer sich diese sehr klugen Schriften zu Gemüte geführt und früher in der Schule einigermaßen den Transfer gelernt hat, für den sind die Thesen des Professors für vergleichende Literaturwissenschaft kinderleicht auf die Entwicklungen in Berlin übertragbar.

Schimpfereien wie die von Dr. Motte im verlinkten BILD-Artikel, über das Schwabylon, zu dem Berlin werde, stehen stellvertretend für ein konkretes Gefühl des Gefährdetseins, das immer mehr Großstädter (und in Deutschland heisst das immer Berlin, denn eine andere Großstadt gibt es hier bei uns nicht) befällt.

Der Verdrängungsprozess im Prenzlauer Berg ist vollständig abgeschlossen. In Mitte ist er voll im Gange, inzwischen auch in Friedrichshain, wo sich Bewohner der neu errichteten Luxusappartments auf der gegenüberliegenden Spreeseite über vom Holzmarktareal herüberschwappende Geräusche beschweren.

Mit Daubs Anlayse wird klar, dass seine auf das Silicon Valley bezogenen Beobachtungen auch für Berlin zutreffend sind. Er sieht in den dortigen aktuellen Geschehnissen Beispiele für eine in die Großstädte zurückgespülte Kultur der Abwehr des Fremden, die schon in den 50ern in den sterilen, ununterscheidbaren und doch labyrintisch verwinkelten Suburbs amerikanischer Großstädte entstanden ist, die von nachbarlichem Zusammenhalt genauso wie von Misstrauen und Angst vor dem Fremden (den Nicht-Nachbarn) geprägt waren.

Flüchtete damals die weiße Mittelschicht vor dem Zuzug afroamerikanischer Familien aus der Groß- in die Vorstadt, so ist seit Jahren eine umgekehrte Entwicklung beobachtbar: Die Großstädte werden wieder von der Mittelschicht besiedelt und diese verdrängt dort die finanzschwächeren Anwohner.

Der Clou der These von Adrian Daub ist aber nun, dass mit dieser Umkehr auch die erwähnte Abwehrkultur in die Großstadt einziehe, die energisch verfolgte Absicht, die eigene Nachbarschaft zum Refugium zu machen, zur sicheren Ruheoase des intensivbeschäftigten, gutausgebildeten Hochverdieners mit Familie. Getrieben – bewusst oder unbewusst – von den im suburbanen Milieu kultivierten Ängsten vor dem Fremden.

In Berlin wird dieses Fremde in den Augen des zugezogenen Mittelschichtlers repräsentiert durch alles Laute, Lärmende, Unkontrollierte, Wuchernde, Wilde, Exzessive und Risikohafte, was diese Stadt jahrzentelang ausgemacht hat.

Die Wut der Leidtragenden und Gefährdeten dieser Entwicklung speist sich deshalb aus mehr als der sich weiter verschlechternden Wohnungslage. Es ist die Wut auf eine Haltung, die auch durch die Verstärkungs- und Reichweiteneffekte der Sozialen Medien eine epidemische Verbreitung quer durch die Milieus erfährt: von AfD-und einem Teil der Linken-Sympathisanten über Wohlstandsgrüne bis zu den Kindern der liberalkonservativen Eltern. Die letzten beiden Milieus schlagen mit dem Kauf eines Berliner Appartments drei Fliegen mit einer Klappe: sichere Finanzanlage, bequeme Studiumsunterkunft für den Nachwuchs und praktische Wochenendbleibe für aufregende Großstadttrips von Papi und Mami.

Ergänzt durch die sich nunauchmalwastrauenden xenophoben Teile der AfD- (vermutlich so ziemlich alle) und Linken-(weniger) Wählerschaft wird – durch Selbstverstärkung und Echoeffekte von Twitter, Facebook und lokalen Community-Apps – die ANGST zu einem immer weiter sich ausbreitendem Grundgefühl. Und das führt dann zu nicht überraschenden, gleichwohl alarmierenden Konsequenzen wie Überwachung, Freiheitsbeschränkungen und schließlich Beseitigung dieser angstmachenden Fremdheiten und Fremden.

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