Ron Sexsmith in Erlangen

Ron Sexsmith in Erlangen

Also da ist dieser alte Sack, der aussieht wie ein Schuljunge und auch so ins Publikum winkt, der schwingt sich seine Gitarre um und spielt anderthalb Stunden lang solo auf der Westerngitarre ein geiles Beatlesstück nach dem andern und dann ist es gar nicht von den Beatles sondern die sind alle von ihm und man fasst es nicht, man fasst es einfach nicht, wie unglaublich toll das ist und man fasst es auch nicht, dass der vor 100 Leuten in Erlangen spielt und nicht für 50.000 Leute im Olympiastadion.

 

Milk Carton Kids Berlin 8.2.2014

Früher konnte man Konzertkarten ja noch aufheben und im Schuhkarton sammeln.
Heute, naja:

300 Leute im Saalbau Neukölln, bestuhlt. Vorne zwei junge Männer im Anzug auf der Bühne, 2 Westerngitarren, 1 Mikro, sonst nichts.
Dutzende zu Herzen gehende Melodien und Texte,
2 herausragende Gitarristen,
2 tolle Sänger und
2 erstklassige Entertainer.
Trotzdem nur 2 auf der Bühne, alles in allem.

„Its funny,everytime we play in Berlin, they have a disco ball on the ceiling.“
„Yes, just in case….“

Andreas Dorau in Berlin zum 50.

..war toll. einer der zahlreichen Höhepunkte war der Auftritt von zwei Original-Marinas in (auf das aktuelle Alter geweitete) Originalkostümen, die textlich den Refrain von Fred vom Jupiter abwandelten in „Andre-asDorau-ist-ne-cooleSau“.

Leider nur ein Mistfoto bei rausgekommen. Seis drum.

Chancha Via Circuito Pintar el Sol

Chancha Via Circuito Pintar el Sol

Chancha Via Circuito kommt aus Buenos Aires und mischt uns völlig unbekannte traditionelle Rhythmen und Folkgesänge aus Südamerika mit elektronischer Musik zu einer hypnotischen Melange.
Das muss man hören, am besten laut.

Noch ein Beispiel (besser verdaulich).
Also fürs Fremdartigfühlen gibts momentan nix besseres. Das beamt mich an den Amazonas. Und jetzt sag keiner, der fließt nicht durch Argentinien. Chancha ist musikalisch nach Nordsüdamerika gewandert. Also passt das.

I only pray at Night – John Fullbright

Sonntag mittag 12 Uhr. National Public Radio sendet A Prairie Home Companion. Das schalte ich immer ein. Zurück zu den Waltons. Dampfende Kartoffeln auf dem Tisch und Männer in Latzhosen, zurück von der Arbeit auf den Feldern oder am Auto. Später mehr zu dieser sagenhaft einzigartigen Sendung.
Letzten Sonntag war da John Fullbright zu Gast. Anfang 20 und der beste Americana Singer Songwriter unter der Sonne zur Zeit.
I only pray at Night erinnert mich an den frühen Billy Joel. Jericho ist ein instant americana classic.
Kaufen.

Prog Rock

Vorausblick: Die ersten Tage nach dem Ende des Glücklichseins sind schlimm.
Aber das hier ist ein schönes Lied.
Ein Begleiter für die schlechten Zeiten. Hoffentlich kommen sie nie wieder.
So schnell.
Prog-Rock. Ist in etwa so beliebt wie Jam-Rock. Und zu beiden gehören diese gefürchteten 9-Minuten-Stücke.

Dave Matthews Band Away from the World

Die eigenen Freunde von DMB zu überzeugen, das bedeutet langes Leiden. Aber ich bin missionarisch veranlagt. Ich kann nicht davon lassen. Ich WILL, dass meine Freunde die Musik, die ich mag, auch gut finden.

Aber das ist eine Herkulesaufgabe. Auch für die Kandidaten. Das geht nämlich nur, wenn einer Monate aufwendet, um sich auf den Versuch einzulassen.
Monate. Nicht Wochen.
Erste Reaktionen, wenn ich zum Beispiel „Snow outside“ aus dem neuen Album vorspiele:

„Was ist das? Soundcheck? Wo ist der Song?“
„Das ist Krautrockscheisse!“ (sic!)
„Bist Du krank? Das ist ja Pink Floyd Mist oder Genesis ganz früh.“ (Immerhin)
„Jam Rock? Hast Du was geraucht?“
„Ich muss jetzt gehen. Das ist, als ob ich meinem Vater zuhöre, wenn der mal Platten vorspielt zuhaus. Nein, meinem Großvater!“
„Das ist keine Musik. Das macht mich nur nervös.“
„Wie kann man DAS mögen und gleichzeitig Country?“

Das ist Anti-Pop.
Aber das ist verdammt noch mal die Musik, die Erwachsene AUCH hören müssten,
wenn sie mal aufhörten, so zu tun, als seien sie Teenies.
Es ist okay, Die Orsons und Cro zu hören (Monika, Monika, Mooonika); aber ernsthaft Musik zu lieben, das bedeutet eben mehr als auf den Lacher beim Text zu warten und ansonsten zu Abwaschmusik mit den Fingern zu schnippen.
Solange man weiß, dass das nur Abwaschmusik ist, ok. Jeder wäscht ab. Dazu passt das.
Und wenn man verliebt ist, dann ist R’n’B auch gut. Und wenn man weinen will und sentimental sein will, ist Country gut. Einverstanden.
Und wenn man verkündet, dass „Overkill“ von Motörhead „geil“ sei. Mit einem „Hehe“ hinterher. Dann ist das auch ok.
Aber wenn man nur Eindruck machen will damit und wenn Blumentopfschmeißen Eindruck macht, würde man das auch gut finden.
Wenn es nicht um Musik geht, ist es ok, Musikimitationen zu hören. Es gibt gute Countrymusik und Scheißcountry. Guten Pop und Lana del Rey Analogkäse.
Wer Musik liebt, für den kann die Abwaschmusikseite nicht genug sein. Wenn es um Musik geht.
Und DMB ist NUR die andere Seite. Das braucht Zeit. Durchhören, 58 Minuten mal drei. Dann reden wir nochmal.
Einstieg: If only.

Imany – You will never know

Fast eineinhalb Jahre gibts dieses Lied schon. Und erst heute morgen auf einer geschenkten CD entdeckt und sofort geliebt. Wenn man Imany sieht, denkt man sofort „Klar, schöne dunkle Frau, wird also so ein R’n’B Ding aus den USA oder Mannheim oder London sein“.
Die Stimme erinnert mich ein wenig an Dawn Penn. Nicht immer ganz sauber aber das mag ich. Die Muttersprache ist Französisch, sie singt aber auf Englisch, mit ein bisschen Akzent.
Und die Musik ist folkig, bluesig, swingt hier und da ins Jazzige und ist nun gar nicht R’n’B.
Meistens spärlich bis sehr spärlich arrangiert.
Alles toll. Das ganze Album „Shape of a broken Heart“. Und warum „You will never know“ kein Riesenhit geworden ist, versteh ich nicht. Hab ich auch schon bei Jonathan Jeremiah nicht verstanden.
Ach ja. Orfeu negro als Zitat überall. Das kommt dazu.

DMB in Deutschland

Jeder jeder jeder soll hingehn, wenn DMB in Deutschland ist. Das ist die letzte Chance, den zu sehn, der Rock dahin gebracht hat, wo er hingehört. Hör ihn zehnmal und wenn Du dann noch sagst, ich mag ihn nicht, dann sollst Du in der Hölle verrotten.

Dale Watson (und nicht Johnny Knoxville)

Dale Watsons neue CD ist ein Abgesang auf Countrymusic. Er selbst ist so enttäuscht von dem, was sich heutzutage alles im Countryregal findet, dass er sich auf dem Cover neben einem Grabstein fotografieren lässt: „R.I.P Country“.
Das Album selbst: von vorne bis hinten pure klassische Johnny Cash bumm-tschaka-bomm-tschaka Western Swing Honky Tonk Countrymusik.
Wer das cool findet, sollte die Platte meiden. Wer glaubt, das hätte Hip-Potenzial wie Rick Rubins Johnny Cash-Platten, den kann man nur warnen: Euch werden die Ohren weh tun. Ihr werdet suchen und suchen und suchen nach irgendwas, was diese CD zu einem Kultbesitz für Mittzwanziger BerlinMitteMenschen macht. Gibts nicht. Hände weg.
Bloß nicht davon täuschen lassen, dass Johnny Knoxville in den Danksagungen erwähnt wird und auch im Video zur Singleauskopplung mitspielt. Das liegt nur daran, dass er dem Dale eine Hütte zum Aufnehmen der Songs zur Verfügung gestellt hat und dass diese Hütte früher Johnny Cash gehört hatte. Das ist alles. Davon hört man nix auf der Platte. Null! Also nochmal: HÄNDE WEG!
An die Anderen: Es gibt momentan keine schönere, perfektere, swingendere und überhaupt begeisterndere Countryplatte als genau die von diesem Mittvierziger, in dessen Gesicht sich ziemlich deutlich die Vergangenheitsspuren von Drogen, Geldsorgen, Schicksalsschlägen, Depressionen und Selbstmordversuchen finden lassen. Halt Stopp. Das letzte bitte wieder vergessen. Am Ende wird sonst die CD doch noch von den Falschen gekauft.

Die größere Flöte. Die Zimmermänner in Berlin.

Timo September Blunck: „Christian hatte schon immer die größere Flöte“
März (aus dem Publikum): „Stimmt nich!!“

Das war ein schöner Abend. Christian Kellersmann gleich von der Arbeit 500 Meter weiter ins Lido und 25 Jahre zurück. Detlef Diederichsen auf der Bühne und sein Bruder, der Professor, im Publikum und gar nicht announced.
100 Menschen und mehr durften das auch nicht sein.
Und sie hatte so schöne große Kreolenohrringe und die beiden waren ein sehr nettes FrühlingHerbst-Paar.

The Wreckers: Stand still look pretty

Die ganze Welt ist weizengelb und himmelblau. Rostige Wassertanks und torkelnde Tumbleweeds und ich mit einem halben Tank Freiheit in meinem Chevy auf dem schnurgeraden Highway unterwegs.
Die Sängerin im Radio erzählt von gequältem Herzen und Sitzengelassenwerden.
Anweisung der Abteilung Gleichstellung an die Frauen hierzulande: Stark sein heisst zuerst zu schießen.
In Countrysongs ist das ganz anders. Da bedeutet Stark zu sein nicht anderes als Passionsfähigkeit. Getroffen sein, sich sogar in die Kugel werfen und den Schmerz aushalten.
Ich mag das hören.
Anhalten, Auftanken, weiterfahren.

Musik für Frauen, die grad mal nicht stolz und stark sein wollen

Nix gegen stolze Frauen. Nix gegen „I ain’t gonna give in, I’m gonna stand up and fight blabla“. Ist ja auch gesund, so eine Einstellung.
Aber manchmal, liebe Frauen, merkt ihr doch selbst, dass Ihr Euch ganz anders fühlt: voller Angst, dass er geht, verzweifelt, weil er sagt, dass es aus ist, bettelnd, dass er bleibt, am Boden, weil er doch gegangen ist.
Für diese Stimmung, genau für diese, hat Gott Trisha Yearwood erschaffen und in unsre Welt geschickt.
Niemand bettelt wie sie, keine schreit Ihre Verzweiflung so heraus wie sie, so wie sie kann keine andere Diva Ihre Ohnmacht heraushauchen.
„How do I Live“ ist von ihr, nicht von dieser Pest Leann Rimes. Sie besingt Ihre Angst, von ihm verlassen zuwerden. Und mit jeder Strophe wird klarer, dass er sie verlassen wird und sie weiss es längst. Sie singt im Konjunktiv aber das ist nur die Grammatik des Songs. Das Saxophon kämpft zwar noch, aber die Geigen lassen schon den Kopf hängen, begleitet von den wissenden Trommeln. Und darüber diese Stimme, die die Hoffnung beschwört und doch die Hoffnungslosigkeit selbst ist.
Wer nach diesen 4 Minuten noch nicht genug hat, hört sich dann „Down on my knees“(!) an. Das gibt den Rest. Wer da nicht wegfliesst, hat ein Betonherz und niemals Liebeskummer gehabt. Kein Stolz, kein Aufbäumen, kein Trotz. Nur ein abgrundtief schwarzes Loch der Verzweiflung.
So ist das Leben eben auch.
Bei iTunes oder hier.

Countryfication breakdown

Johnny Cash war gestorben und kurz vorher hatte er noch dieses LETZTE Video gemacht. „Hurt“ war Bilanz und illusionsloser Schlußpunkt eines verzweifelten Lebens. Wiglaf Droste hat beschrieben, was „Hurt“ so einzigartig machte. Ich erinnere mich, dass selbst die Tagesthemenmoderatorin damals Tränen in den Augen hatte, als sie im Bericht zum Tode Ausschnitte aus diesem Video sah. „Hurt“ war gar nicht Country aber Johnny Cash wars und auf einmal hörte man „Ring of Fire“ wieder im Radio und da grub sich der Bumm-tschakka-Bomm-Tschakka-Rhythmus langsam in die Hirnwindungen auch derjenigen Leute, die bisher Country als Überseevariante von Volksmusik betrachteten. Und war ja auch gar nicht so falsch, wo doch hier bei uns bislang einzig Truck Stop und die beiden Alkoholleichen Tom Astor und Gunther Gabriel für Country standen und die treten ja schließlich auch in den Musikantenschlagerstadln des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf. Mit Johnny Cashs Tod jedenfalls hat alles begonnen. Johnny Cashs Tod machte Country cool. Das war ein Chance für Country. Und die wurde natürlich verplempert.
Es ging Schlag auf Schlag: Der Langnesesong galoppiert auf einmal countrifiziert von The Boss Hoss durchs Kino, Heike Makatsch spielt eine Countryverrückte in „Almost Heaven“ und schwärmt in Interviews von Tammy Wynette und Dolly Parton. Und als Höhepunkt: Texas Lightning gewinnen mit „No no never“ den Grand Prix-Vorentscheid.
The Twang aus Braunschweig aber prägen mit Ihrem Albumtitel „Countryfication“ den zentralen Begriff, der den deutschen Countryhype am besten beschreibt. Und das Problem. Jemand im Karneval dieses Jahr durch die Kneipen gezogen? Dann hat er sicher auch „Last Christmas“ von The Boss Hoss gehört. Countrifiziert. Was für ein Partyknaller. Aber eben doch mit dem überdeutlichen ironischen Augenzwinkern eingespielt. So wie beim Schlager, der wurde ja auch nur ironifiziert in Form von Gildo Horn oder offen geisteskrank wie bei Christian Anders akzeptiert.
Ist das jetzt gut oder schlecht?
Gut ist es. Denn dann ist der ganze Aufruhr auch bald wieder vorbei, Heike Makatsch wird als nächstes Blumentopfschmeißen gut finden,The Boss Hoss werden im Dunst von Gottlieb Wendehalsens Schnapsfahne die Faschingszelte zum Kochen bringen, bevor sie an Klaus & Klaus übergeben und Wiglaf, ich und ein paar andere können wieder ungestört und mit viel Platz rings um uns in den kleinen Country-Abteilungen der CD-Läden stöbern.
Na, vielleicht ist das Ende schon erreicht: ich lese gerade, dass Van Morrisons neues Album eine Countryplatte ist.
Wie schön.